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KI-Flut bedroht wissenschaftliches Verlagswesen mit 22 Milliarden Dollar Umsatz

Minderwertige KI-Inhalte überschwemmen Wissenschaftsverlage – und zwingen eine ganze Branche zur kostspieligen Neuausrichtung.

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KI-Flut bedroht wissenschaftliches Verlagswesen mit 22 Milliarden Dollar Umsatz

Das wissenschaftliche Verlagswesen steht vor einer beispiellosen Herausforderung: Seit dem Erscheinen von ChatGPT vor vier Jahren sind die Einreichungen bei einer großen wissenschaftlichen Fachzeitschrift um mehr als zwei Fünftel gestiegen. Ein wachsender Teil dieser Arbeiten ist von mangelhafter Qualität – verfasst oder zumindest maßgeblich unterstützt von Künstlicher Intelligenz. Die Branche, die einen Jahresumsatz von 22 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet, kämpft nun an mehreren Fronten gleichzeitig.

Zu den großen Akteuren zählen Relx' Tochter Elsevier, die börsennotierte Springer Nature, Informas Taylor & Francis sowie zahlreiche kleinere Verlage. Gemeinsam stehen sie vor einem strukturellen Dilemma: Das Geschäftsmodell hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt – weg von Lesergebühren, hin zur Bezahlung durch die Autoren selbst für die Veröffentlichung ihrer Arbeiten. Dieses sogenannte „Open Access"-Modell macht die Verlage anfälliger für eine Flut minderwertiger Einreichungen.

Steigende Kosten durch Qualitätskontrolle

Der Versuch, seriöse Forschung von KI-generierten Inhalten zu trennen, treibt die Kosten massiv in die Höhe – sowohl für Technologie als auch für menschliche Gutachter. Elsevier hat die Zahl seiner Gutachter seit 2022 um mehr als ein Drittel auf 1,9 Millionen erhöht. Diese Entwicklung belastet die Aktienkurse der Branche spürbar: Die Aktien von Springer Nature notieren weiterhin unter dem Ausgabepreis von 22,50 Euro, zu dem sie vor zwei Jahren an die Börse gebracht wurden.

Das Phänomen trägt in Fachkreisen bereits einen Namen: „Enshittification" beschreibt das Muster, bei dem Unternehmen ihre eigenen Produkte im Streben nach Profit systematisch verschlechtern. Was bislang vor allem aus sozialen Medien oder der Consumer-Elektronik bekannt war, hat nun auch die Wissenschaftswelt erreicht – mit potenziell weitreichenden Folgen für die Qualität des globalen Forschungsoutputs.

Konsolidierung als möglicher Ausweg

Fusionen und Übernahmen könnten der Branche helfen, Skaleneffekte zu erzielen und die gestiegenen Kosten der Qualitätskontrolle zu kompensieren. Auf die vier größten Konzerne entfallen bereits zwei Fünftel aller veröffentlichten Artikel – doch der fragmentierte „Long Tail" aus Universitätsverlagen und Berufsverbänden wie dem IEEE bietet noch erhebliches Konsolidierungspotenzial.

Erste Schritte in diese Richtung sind bereits erkennbar. Im Juni übernahm Wiley den Verlag Emerald Publishing für 337 Millionen britische Pfund. Anfang dieser Woche kündigte Informa an, Taylor & Francis von seinem Live-Event-Geschäft zu trennen – ein Schritt, der Dealmaker in der Branche aufhorchen lässt. Auch Private Equity zeigt Interesse: Springer Nature befand sich zuvor im Besitz von Finanzinvestoren wie EQT und BC Partners.

Trotz aller Herausforderungen bleiben die Fundamentaldaten attraktiv. Für Akteure wie Elsevier und Taylor & Francis handelt es sich um ein cashgeneratives Geschäft mit einem Umsatzwachstum von rund 4 bis 5 Prozent und operativen Margen zwischen 30 und 40 Prozent. Diese Kennzahlen dürften das Interesse von Investoren und Übernahmeinteressenten wachhalten.

KI als Chance und Risiko zugleich

Nicht jeder KI-generierte Inhalt ist per se minderwertig – KI wird künftig auch wertvolle Forschungsergebnisse liefern. Originäres Denken jedoch, insbesondere in den Geisteswissenschaften, dürfte weiterhin eine menschliche Domäne bleiben. Zudem werden selbst die leistungsfähigsten KI-Modelle aktuelle Spitzenforschung konsumieren müssen – was zu mehr Lizenzverträgen und damit zusätzlichen Einnahmen für die Verlage führen könnte. Die Branche ist damit von mehr als nur akademischem Interesse.

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