Kerosinpreise auf 5 Dollar: Luftfahrt kämpft gegen Energiekrise
Ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien und knappe Dieselvorräte treiben Kerosinpreise in US-Metropolen auf 5 Dollar pro Gallone.

Die Luftfahrtindustrie steht unter massivem Druck. In den US-amerikanischen Ballungszentren New York und Los Angeles haben die Kerosinpreise die Marke von 5 US-Dollar pro Gallone erreicht. Auslöser sind ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien sowie reduzierte Lieferungen aus dem Nahen Osten, die das globale Angebot an Flugkraftstoff erheblich verknappen.
Erschwerend kommt hinzu, dass Kerosin und Diesel als sogenannte Mitteldestillate eng miteinander verknüpft sind. Der historische Tiefstand der US-Dieselvorräte belastet daher direkt auch die Verfügbarkeit von Flugkraftstoff. Die Branche sieht sich damit mit einer doppelten Versorgungskrise konfrontiert, die sowohl strukturelle als auch geopolitische Ursachen hat.
Die Details
Delta Air Lines, einer der profitabelsten US-Carrier, hat bereits auf die veränderte Marktlage reagiert und seinen Jahresausblick nach unten korrigiert. Das Unternehmen rechnet mit einer Mehrbelastung von rund 6 Milliarden US-Dollar durch gestiegene Treibstoffkosten. Für das kommende Quartal prognostiziert Delta einen Kerosinpreis von 4,25 US-Dollar pro Gallone.
CEO Ed Bastian betonte jedoch, dass Delta durch den Besitz einer eigenen Raffinerie und den strategischen Fokus auf das Premium-Segment besser aufgestellt sei als die Konkurrenz, um die Marktvolatilität zu überstehen. An seiner Entscheidung, auf das Starlink-WLAN-System zu verzichten, hält das Unternehmen dennoch fest. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen setzt Delta weiterhin auf hohe Ticketpreise und Zusatzgebühren, um die gestiegenen Kosten zumindest teilweise zu kompensieren.
Auf politischer Ebene hat Präsident Donald Trump ein Abkommen mit Russland zur Lieferung von Diesel geschlossen. Washington hat hierfür vorübergehend Sanktionen gegen russische Kraftstoffexporte bis April ausgesetzt. Laut Trump soll Russland zunächst 300.000 Tonnen Diesel liefern, gefolgt von weiteren Tranchen, die sich auf insgesamt etwa 36 Millionen Barrel belaufen könnten. Der Hintergrund: Die US-Dieselpreise lagen zuletzt bei durchschnittlich 6,28 US-Dollar pro Gallone – ein Niveau, das sowohl Verbraucher als auch die Industrie stark belastet.
Das Abkommen stößt jedoch auf internationale Kritik. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte ausdrücklich, dass die Lockerung der Sanktionen Moskau zusätzliche Ressourcen für den Krieg verschaffe. Auch Experten äußern Zweifel: Andy Lipow von Lipow Oil Associates hält die praktische Umsetzung des Deals für fraglich, da russische Raffinerien durch den Krieg und interne Exportbeschränkungen bereits stark belastet sind. Clayton Seigle vom Center for Strategic and International Studies schätzt, dass die Vereinbarung Russland den Export von etwa 100.000 Barrel Diesel pro Tag ermöglichen könnte.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Lage ist das Ergebnis einer sich über Monate zuspitzenden Entwicklung. Bereits am 8. und 9. April 2026 berichtete aktien.news, dass Delta Air Lines seinen ersten Quartalsverlust seit fast drei Jahren meldete. Die Treibstoffausgaben stiegen in jenem Quartal um 330 Millionen US-Dollar. Für das darauffolgende Quartal rechnete die Airline bereits damals mit einem weiteren Anstieg der Treibstoffkosten um 2 Milliarden US-Dollar im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Delta kündigte an, Reisende auf höhere Flugpreise und ein reduziertes Flugangebot vorzubereiten.
Ebenfalls am 9. April 2026 beleuchtete aktien.news den strategischen Vorteil, den Delta durch den Besitz einer eigenen Raffinerie in Pennsylvania besitzt. Das Unternehmen erwarb die Anlage im Jahr 2012 und verarbeitet dort Rohöl direkt zu Treibstoff – ein Alleinstellungsmerkmal in der gesamten Branche. Die aktuelle geopolitische Lage verleiht diesem ungewöhnlichen Geschäftsmodell erneut Relevanz.
Am 23. September 2026 berichtete aktien.news zudem über die Hormus-Krise als weiteren Treiber der globalen Kraftstoffknappheit. Die anhaltende Pattsituation an der Straße von Hormus beeinträchtigte nicht nur den Schiffsverkehr, sondern auch die Raffinerieproduktion weltweit. Die Kerosinpreise bewegten sich zu diesem Zeitpunkt bereits nahe an ihren höchsten Niveaus seit Beginn des Krieges zwischen den USA und dem Iran.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in Luftfahrtaktien oder verwandte Sektoren investiert sind, verdeutlicht die aktuelle Entwicklung das erhebliche Kostenrisiko, das volatile Energiepreise für die Branche darstellen. Delta Air Lines zeigt exemplarisch, wie schnell steigende Treibstoffkosten selbst profitable Carrier in die Verlustzone drängen können – und wie wichtig vertikale Integration, etwa durch den Besitz eigener Raffinerien, als Absicherungsstrategie sein kann.
Die geopolitische Dimension des Konflikts – von ukrainischen Angriffen auf russische Raffinerien über die Hormus-Krise bis hin zum umstrittenen US-Russland-Dieselabkommen – zeigt, wie stark globale Luftfahrtunternehmen von politischen Entwicklungen abhängig sind, die sich ihrer direkten Kontrolle entziehen. Anleger sollten diese Risikofaktoren bei der Bewertung von Luftfahrttiteln berücksichtigen. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Für das kommende Quartal erwartet Delta Air Lines einen Kerosinpreis von 4,25 US-Dollar pro Gallone. Die US-Regierung hat Sanktionen gegen russische Kraftstoffexporte vorübergehend bis April ausgesetzt, um die vereinbarten Lieferungen zu ermöglichen. Ob die angekündigten russischen Diesellieferungen – zunächst 300.000 Tonnen, potenziell bis zu 36 Millionen Barrel insgesamt – die angespannte Lage am globalen Kraftstoffmarkt nachhaltig entspannen können, bleibt nach Einschätzung von Experten offen. Die Branche setzt derweil weiterhin auf hohe Ticketpreise und Gebühren, um die gestiegenen Energiekosten abzufedern.
Kurz erklärt
- Mitteldestillate: Sammelbezeichnung für Erdölprodukte wie Diesel und Kerosin, die bei der Raffination in einem mittleren Siedebereich gewonnen werden.
- Vertikale Integration: Strategie, bei der ein Unternehmen mehrere Stufen der Wertschöpfungskette selbst kontrolliert, etwa durch den Besitz einer eigenen Raffinerie.
- Sanktionen: Wirtschaftliche oder politische Strafmaßnahmen, die Staaten gegen andere Länder verhängen, um bestimmtes Verhalten zu erzwingen oder zu bestrafen.
