JPMorgan: Geopolitische Risiken nach US-Zwischenwahlen bieten neue Kaufchance
JPMorgan rechnet nach den US-Zwischenwahlen mit erhöhtem geopolitischen Risiko, sieht Marktschwäche aber als Kaufgelegenheit.

Die US-Investmentbank JPMorgan rechnet nach den US-Zwischenwahlen mit einem erhöhten Risiko einer erneuten geopolitischen Eskalation. Gleichzeitig sieht sie in einer daraus resultierenden Marktschwäche eine weitere Kaufchance. Diese Einschätzung stammt aus einem Kundenbericht vom Montag, den der JPMorgan-Strategist Mislav Matejka verfasst hat.
Konkret nennt Matejka die Möglichkeit einer Wiederaufnahme des Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Ein solches Szenario könnte zu Marktweakness und einem neuen Anstieg der Ölpreise führen. Der Stratege hält eine solche Entwicklung allerdings nicht für nachhaltig. „Sollte die Wiederaufnahme des Konflikts tatsächlich eintreten, glauben wir nicht, dass sie von langer Dauer sein wird; sie wird sich voraussichtlich als eine weitere Kaufgelegenheit bei Kursrissen entwickeln, ähnlich wie alle geopolitisch bedingten Tiefs, die wir seit März beobachtet haben“, schrieb Matejka in dem Bericht.
Damit bleibt die US-Großbank bei ihrer Linie, geopolitisch ausgelöste Kursrücksetzer nicht als Grund zum Ausstieg, sondern als Einstiegsmöglichkeit zu werten. Für deutsche Anleger ist diese Einschätzung insofern relevant, als sie sich auf globale Aktienindizes wie den MSCI World und den S&P 500 bezieht, die auch in vielen Depots hierzulande eine zentrale Rolle spielen.
Die Aktienmärkte zeigen sich trotz geopolitischer Risiken widerstandsfähig
Matejka verweist auf die bisherige Widerstandskraft der Aktienmärkte. Der MSCI World liegt im Jahresverlauf 12 Prozent im Plus, während der S&P 500 lediglich 3 Prozent unter seinem Rekordhoch notiert. Diese Zahlen unterstreichen aus Sicht der Bank, dass die Märkte geopolitische Schlagzeilen bislang vergleichsweise gelassen verarbeitet haben.
Allerdings ist die Entwicklung nicht einheitlich verlaufen. Eine scharfe Rotation in defensive Sektoren hat im vergangenen Monat die Gewinne zunichtegemacht, die hochbeta-Sektoren in den vorangegangenen drei Monaten erzielt hatten. Mit anderen Worten: Die zuvor stärker schwankungsanfälligen und konjunktursensitiven Bereiche des Marktes mussten einen Teil ihrer zwischenzeitlichen Kursgewinne wieder abgeben, während Anleger verstärkt auf als sicherer geltende Branchen setzten.
Bewertung und Gewinnwachstum stützen die Zuversicht der Bank
JPMorgan behält seine Einschätzung bei, dass die Renditen für Staatsanleihen Anfang Oktober ihren Höhepunkt erreicht haben. Diese Annahme ist wichtig, weil steigende Anleiherenditen in der Regel eine Konkurrenz zu Aktieninvestments darstellen und Bewertungen belasten können. Fällt dieser Gegenwind weg, verbessert sich das Umfeld für Aktien.
Zusätzlich betont die Bank, dass das Gewinnwachstum pro Aktie (EPS) im dritten Quartal weiterhin stark ausfiel. Auch die globalen Einkaufsmanagerindizes (PMIs) blieben nahe ihren Hochs stabil. Gleichzeitig sind die Kurs-Gewinn-Verhältnis-Multiplikatoren gesunken: Die USA notieren nun bei einem Multiplikator von 19 Mal den erwarteten Gewinnen, gegenüber zuvor 23 Mal. Für Anleger bedeutet das, dass sie für jeden Dollar erwarteten Gewinn weniger bezahlen müssen als noch zuvor – die Bewertung hat sich also entspannt.
Die Marktstimmung ist laut Matejka übermäßig bärisch geworden
Der Stratege weist darauf hin, dass die Aktienmarktstimmung wahrscheinlich übermäßig bärisch geworden ist. Zugleich verbesserten sich die saisonalen Muster. Aus dieser Kombination leitet JPMorgan ab, dass ein Ausstieg in der aktuellen Phase riskant sein könnte. „Wer während dieser Entflechtungsphasen verkauft, riskiert, bei jeder günstigen Schlagzeile durch einen Whipsaw-Effekt getroffen zu werden“, sagte Matejka.
Der Begriff des Whipsaw-Effekts beschreibt genau dieses Muster: Wer nach einem Kursrückgang verkauft und anschließend eine schnelle Gegenbewegung nach oben verpasst, steht schlechter da als ein Anleger, der seine Position gehalten hat. JPMorgan argumentiert damit, dass die Gefahr, den Wiedereinstieg zu verpassen, in der derzeitigen Gemengelage größer sein könnte als das Risiko weiterer Kursverluste.
JPMorgan setzt auf zyklische Sektoren, Schwellenländer und Gold
Für die kommenden Monate erwartet die Bank eine Erholung bei Banken, Industrieunternehmen, Rohstoffen und Halbleitern. Defensive Sektoren dürften dagegen erneut einbrechen. Diese Prognose steht im Kontrast zur jüngsten Marktentwicklung, in der genau die defensiven Bereiche zugelegt hatten.
Darüber hinaus zeigt sich das Institut positiv gegenüber Schwellenländern. Großbritannien sieht JPMorgan als attraktiven Zufluchtsort während risikoorientierter Phasen. Auch den Rückgang beim Goldkurs betrachtet die Bank als Gelegenheit zum Zukauf. Damit umfasst die Empfehlung mehrere Anlageklassen und Regionen, nicht nur US-Aktien.
Bereits im April und Juli hatte JPMorgan Kursrücksetzer als Kaufgelegenheit bezeichnet
Die aktuelle Einschätzung ist kein Einzelfall, sondern setzt eine Serie ähnlicher Kommentare fort. Bereits am 13.04.2026 berichtete aktien.news, dass JPMorgan Anleger dazu aufgerufen hatte, jede erneute Marktschwäche als Kaufgelegenheit zu nutzen. Die Bank argumentierte damals, dass trotz anhaltender geopolitischer Unsicherheit die Voraussetzungen für eine weitere V-förmige Erholung an den Aktienmärkten erfüllt seien. Matejka richtete sich damit an Investoren mit einem mittelfristigen Anlagehorizont und empfahl Anlegern mit einem Zeithorizont von drei bis zwölf Monaten, bei Kursrücksetzern ihr Risiko zu erhöhen.
Am 06.07.2026 berichtete aktien.news, dass JPMorgan Anlegern rät, Kursrücksetzer bei globalen Aktien gezielt zu nutzen. Matejka, Leiter der globalen und europäischen Aktienstrategie, bekräftigte damit die bestehende Einschätzung für das zweite Halbjahr 2026. Nur einen Tag später, am 07.07.2026, folgte der Hinweis, dass JPMorgan die jüngste Schwäche bei Halbleiteraktien als attraktive Einstiegsgelegenheit sieht. Matejka schrieb damals wörtlich: „Die Risiken eines erneuten Aufflammens bleiben bestehen, aber wir glauben, dass man Kursrücksetzer aufgrund negativer geopolitischer Schlagzeilen weiterhin für Zukäufe nutzen sollte.“
Ergänzend berichtete aktien.news am 20.10.2026, dass JPMorgan eine Entlastung für die Aktienmärkte durch stabilere Anleiherenditen sieht. Die von Matejka angeführten Strategen hatten zuvor geschrieben, dass der Renditeanstieg „Anzeichen einer Überdehnung“ zeige und sich Anleihen in ein überverkauftes Territorium bewegten. Das Fixed-Income-Team der Bank ließ seine Zielrenditen für langfristige Zinssätze in den wichtigsten Märkten bis zum Jahresende entweder unverändert oder siedelte sie unter dem aktuellen Niveau an.
Deutsche Anleger sind über globale Indizes direkt von der Sektorenrotation betroffen
Für Anleger in Deutschland ergibt sich aus dem Bericht ein differenziertes Bild. Einerseits benennt JPMorgan klar ein erhöhtes geopolitisches Risiko nach den US-Zwischenwahlen, das über den Ölpreis auch die hiesige Konjunktur und die Inflation beeinflussen könnte. Andererseits verweist die Bank auf gesunkene Bewertungsmultiplikatoren, stabiles Gewinnwachstum und eine nach ihrer Einschätzung zu pessimistische Marktstimmung.
Wer breit über Indizes wie den MSCI World investiert ist, ist von der beschriebenen Rotation zwischen defensiven und zyklischen Sektoren unmittelbar betroffen, da beide Bereiche in solchen Indizes enthalten sind. Die von JPMorgan genannten Präferenzen – Banken, Industrie, Rohstoffe, Halbleiter sowie Schwellenländer und Großbritannien – sind als Einschätzung der Bank zu verstehen, nicht als Handlungsanweisung. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus für den einzelnen Anleger nicht ableiten, zumal die eigene Risikotragfähigkeit und der Anlagehorizont individuell zu prüfen sind.
JPMorgan erwartet neue Höchststände beim S&P 500 bis Jahresende
Für die verbleibenden Monate des Jahres ist Matejka optimistisch. „Wir glauben, dass der SPX bis Jahresende neue Höchststände erreichen wird, gestützt durch den anhaltenden Aufwärtstrend bei den Gewinnen und die Stabilisierung im Tech-Handel“, so der Strategist. Diese Erwartung verknüpft die Bank mit der Annahme, dass die Renditen für Staatsanleihen ihren Höhepunkt bereits hinter sich haben und die geopolitischen Rückschläge, sollten sie eintreten, nur vorübergehender Natur sein werden.
Drei Fachbegriffe erleichtern die Einordnung der JPMorgan-Einschätzung
- Hochbeta-Sektoren: Branchen, deren Kurse stärker auf Marktbewegungen reagieren als der Gesamtmarkt und die deshalb in Auf- wie in Abwärtsphasen überdurchschnittlich schwanken.
- Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV): Kennzahl, die den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie setzt und anzeigt, wie viel Anleger für den erwarteten Gewinn bezahlen.
- Whipsaw-Effekt: Eine schnelle Kursbewegung in die eine Richtung, unmittelbar gefolgt von einer Gegenbewegung, die Anleger nach einem Aus- oder Einstieg schlecht dastehen lassen kann.
