Indiens heiße Nächte treiben Stromverbrauch und Kohleabhängigkeit hoch
Steigende Nachttemperaturen und boomende Klimaanlagen-Nachfrage stellen Indiens Energiewende vor eine gewaltige Bewährungsprobe.

Indien kämpft mit einem wachsenden Energieproblem: Die nächtlichen Sommertemperaturen steigen laut der Internationalen Energieagentur (IEA) etwa doppelt so schnell wie die Tagestemperaturen, mit Werten von fast 30 Grad Celsius landesweit. Die Folge ist ein rasant steigender Strombedarf nach Einbruch der Dunkelheit – angetrieben vor allem durch Klimaanlagen. Die nächtliche Spitzenstromnachfrage ist seit 2019 um rund 40 Prozent auf 252 Gigawatt gestiegen, wobei Klimaanlagen bis zu ein Drittel dieses Bedarfs ausmachen.
„Selbst nachts brennt der Boden", sagt Rajash Pakalwar, ein Klimaanlagen-Händler aus der zentralindischen Stadt Nagpur. Seine Verkäufe sind in diesem Jahr um 50 Prozent gestiegen. „Wir müssen die extreme Hitze besser planen." Die Aussage verdeutlicht, wie stark der Klimawandel den Alltag der 1,4 Milliarden Einwohner des bevölkerungsreichsten Landes der Welt bereits verändert hat.
Verstärkt wird das Problem durch den sogenannten städtischen Wärmeinseleffekt: In Städten gibt es weniger Bäume zur Kühlung, hohe Gebäude stauen die Luft, und Klimaanlagen pumpen warme Luft nach außen – ein Teufelskreis, der die Nächte zusätzlich aufheizt.
Solarenergie tagsüber – Kohle in der Nacht
Indien hat beim Ausbau erneuerbarer Energien zuletzt beachtliche Fortschritte gemacht. Dank massiver Investitionen von Konzernen wie Adani und Tata verfügt das Land mittlerweile über die weltweit drittgrößte Solarkapazität. Laut der Denkfabrik Ember deckte Solarstrom im Jahr 2025 bereits 9,4 Prozent des Gesamtbedarfs. Tagsüber hilft das, den steigenden Verbrauch zu bewältigen – doch nach Sonnenuntergang bricht die Solarleistung ein.
„In den Abendstunden steigt die Nachfrage, die Solarenergie bricht ein, und genau dann sehen wir einen Mangel an Speicherkapazitäten", erklärt Debmalya Sen, Präsident der India Energy Storage Alliance. Die Konsequenz ist gravierend: Die thermische Erzeugung, hauptsächlich aus Kohle, deckte im Mai und Juni fast 80 Prozent des nächtlichen Strombedarfs. Kohlenstoffarme Quellen wie Wasserkraft, Wind und Kernenergie füllen den Rest.
Ein weiteres strukturelles Problem zeigt sich tagsüber: Die Solarleistung muss manchmal gedrosselt werden, damit Kohlekraftwerke auf einem Mindestniveau weiterlaufen – und nachts einspringen können. Zwischen Ende Mai und Dezember des vergangenen Jahres musste Indien laut Ember-Daten 18 Prozent des durchschnittlich pro Monat erzeugten Solarstroms drosseln, weil er nicht ins Netz eingespeist werden konnte.
Klimaanlage wird zur Notwendigkeit
Die Nachfrage nach Klimaanlagen kennt nur eine Richtung: nach oben. Voltas, die führende Klimaanlagenmarke der Tata Group, verkaufte in den ersten drei Monaten des laufenden Geschäftsjahres eine Million Einheiten – „in Rekordzeit", wie das Unternehmen selbst betont. Für viele Inder ist die Anschaffung jedoch eine erhebliche finanzielle Belastung.
„Das ist nichts, was sich eine Person aus der Mittelschicht wie ich leicht leisten kann", sagt Jaseem Siddiqui, ein pensionierter Regierungsangestellter, der rund 50.000 Rupien – umgerechnet etwa 524 US-Dollar – für seine dritte Klimaanlage ausgibt. „Klimaanlagen sind kein Luxus mehr für ein komfortables Leben, sie sind eine Notwendigkeit." Zum Vergleich: Klimaanlagen in Wohngebäuden verbrauchen weltweit laut IEA rund 1.500 Terawattstunden Strom pro Jahr – dreimal so viel wie alle Rechenzentren zusammen.
Milliardenprogramm für Energiewende – und neue Kohlekraftwerke
Premierminister Narendra Modi hat versprochen, die Emissionen bis 2070 auf Netto-Null zu senken. Milliarden Dollar fließen in Projekte, die die nicht-fossilen Energiequellen bis Ende des Jahrzehnts auf 500 Gigawatt mehr als verdoppeln sollen. Gleichzeitig baut Indien – nach China der weltweit drittgrößte Treibhausgasemittent – neue Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von rund 40 Gigawatt. „Wir sollten davon ausgehen, dass diese Projekte abgeschlossen werden und kurzfristig eine wichtige Rolle spielen werden", sagt Thomas Spencer, leitender Energieanalyst bei der IEA.
Ein zentraler Schlüssel zur Lösung liegt im massiven Ausbau der Batteriespeicher. Die Central Electricity Authority schätzt, dass Indien seine Batteriespeicherkapazität bis 2031/2032 um mehr als das 27-Fache auf rund 236 Gigawattstunden erhöhen muss. Sinkende Batteriepreise – bedingt durch die chinesische Produktion – helfen dabei, die Technologie schneller voranzutreiben. Neshwin Rodrigues, leitender Energieanalyst bei Ember, erwartet, dass die nächtliche Spitzenstromnachfrage in Indien bis 2027 um mindestens 10 Gigawatt weiter steigen wird.
Das indische Energieministerium betont, die Stromverfügbarkeit sei weiterhin „ausreichend" und robuste Systeme seien vorhanden, um die steigende Sommernachfrage zu bewältigen. Doch die gesellschaftliche Realität zeichnet ein anderes Bild. „In meiner Kindheit haben wir nachts im Freien auf der Terrasse geschlafen. Das reichte aus, um Erholung zu finden", erinnert sich Händler Pakalwar aus Nagpur. „Jetzt wird die Hitze unerträglich."
