Immer mehr US-Haushalte finanzieren Ausgaben aus Aktienvermögen
Eine Analyse des JPMorganChase Institute zeigt: 8,2% der Kontoinhaber transferierten Geld von Investments auf Girokonten.

Immer mehr Amerikaner nutzen ihr Aktienvermögen, um laufende Ausgaben zu bezahlen. In den drei Monaten bis April 2026 transferierten 8,2% der untersuchten Kontoinhaber Geld von ihren Anlagekonten auf ihre Girokonten. Das ist mehr als doppelt so viel wie im gleichen Zeitraum des Jahres 2019, als der Wert bei 4% lag, und mehr als dreimal so viel wie 2015 (2,4%). Die Zahlen stammen aus einem neuen Bericht des JPMorganChase Institute.
Die Forscher des Instituts, das Teil von JPMorgan Chase ist, werteten dafür mehr als 20 Millionen anonymisierte Chase-Girokonten aus. Die Überweisungen machten im laufenden Jahr 6,8% der Ausgaben dieser Kontoinhaber aus. Im Jahr 2019 hatte dieser Anteil bei 3,5% gelegen, 2015 bei 2,3%. Damit verschiebt sich die Finanzierung des Alltags in den USA messbar weg von laufenden Einkommen hin zu Erträgen aus Wertpapieren.
"Das private Vermögen in Aktien ist im Verhältnis zum Rest der Wirtschaft gestiegen, und daher kann die Verbindung zwischen Finanzmärkten und der Realwirtschaft größer sein", sagte George Eckerd, Direktor für Vermögens- und Marktforschung am Institut. "Die Ströme, die wir betrachten, sind ein Beleg dafür."
Die Details
Der Trend zieht sich durch alle Einkommens- und Altersgruppen, auch wenn das Niveau sehr unterschiedlich ist. Unter den Personen im obersten Zehntel der Einkommensverteilung nahmen 20,3% in den drei Monaten bis April 2026 Nettoabhebungen von Investmentkonten vor. Im gleichen Zeitraum des Jahres 2015 waren es erst 6,6%. Bei Haushalten mit einem Einkommen unterhalb des Medians stieg der Anteil von 1,1% auf 4,1%.
Besonders ausgeprägt sind die Unterschiede bei älteren Amerikanern. Unter den über 65-Jährigen in der obersten Einkommensgruppe nahmen 37,3% im Jahr 2025 Nettoabhebungen von Investmentkonten vor, verglichen mit 24,5% im Jahr 2019. Die Investitionsströme entsprachen 14,9% der Ausgaben dieser Gruppe – ein Anstieg gegenüber 8% im Jahr 2019.
Auch jüngere Sparer greifen zunehmend auf ihre Depots zu. Unter den 25- bis 44-Jährigen mit unterdurchschnittlichem Einkommen nahmen 7,1% im Jahr 2025 Nettoabhebungen vor, nach 2,9% im Jahr 2019. In derselben Altersgruppe im 50. bis 90. Perzentil der Einkommensverteilung sprang der Anteil von 7,3% auf 14,3%. In der obersten Einkommensgruppe stieg er von 15,8% auf 24,2%.
Die Überweisungen stammen sowohl aus Brokerage-Konten als auch aus Rentenkonten, sagte Eckerd. Die Studie gibt allerdings keinen Aufschluss darüber, wofür die Haushalte das Geld verwendeten, nachdem es auf ihren Girokonten angekommen war. Es könne für alles Mögliche ausgegeben werden, von Haushaltsrechnungen bis hin zu Luxusgütern. Gespart werde es jedoch definitiv nicht. "Wenn wir über diese Zuflüsse aus den Investments sprechen, werden sie ausgegeben", so Eckerd. "Der Betrag, den Sie für Liquidität auf Ihrem Konto halten, bleibt stabil, sodass diese Zuflüsse direkt in die Ausgaben weitergegeben werden."
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Entwicklung ist Teil eines längeren Musters, das aktien.news bereits mehrfach beleuchtet hat. Bereits am 02.03.2026 berichtete aktien.news, dass die Zahl der Anleger mit niedrigem und mittlerem Einkommen in den USA seit 2020 um das 2,7-Fache gestiegen ist – ein Anstieg von 167 Prozent. Diese Untersuchung der BlackRock Foundation und der gemeinnützigen Organisation Commonwealth basierte ebenfalls auf Daten des JPMorgan Chase Institute und wertete Milliarden anonymisierter Transaktionsdaten von rund 10 Millionen aktiven Girokontonutzern aus.
Am 03.06.2026 berichtete aktien.news, dass ein angemessener Notgroschen für viele US-Haushalte mittlerweile bei 20.000 Dollar oder mehr liegt. Grundlage war eine Analyse von MarketWatch auf Basis von Ausgabendaten des Bureau of Labor Statistics. Die durchschnittlichen monatlichen Kosten für das Nötigste näherten sich in den USA der Marke von 5.000 Dollar pro Monat.
Am 21.02.2026 berichtete aktien.news über eine Analyse von BCA Research. Deren Chefstratege Peter Berezin warnte, dass ein Rückgang der US-Aktien um 10% die amerikanischen Konsumausgaben erheblich belasten und das Rezessionsrisiko deutlich erhöhen könnte. US-Haushalte hielten damals Aktienvermögen im Wert von rund 70 Billionen US-Dollar.
Und am 29.07.2026 berichtete aktien.news, dass JPMorgan Chase, Charles Schwab, UBS und Stephens Inc. an der Verwaltung von mindestens vier der acht nummerierten Anlagekonten von US-Präsident Donald Trump beteiligt sind. Das Gesamtvolumen dieses Portfolios beläuft sich auf mindestens 858 Millionen Dollar.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist vor allem die strukturelle Beobachtung relevant: Die Finanzen der US-Haushalte sind enger mit den Auf- und Abschwüngen des Aktienmarktes verknüpft als früher. Aktienbeteiligungen machten im ersten Quartal 2026 fast ein Drittel des gesamten privaten Vermögens in den USA aus – rund doppelt so viel wie zu Beginn der 2010er Jahre.
Diese Verflechtung hat eine Kehrseite. Separate Forschungen, die am 2. September von der Federal Reserve Bank of Atlanta veröffentlicht wurden, zeigen, dass der Konsum in den letzten drei Jahrzehnten deutlich empfindlicher auf Bewegungen an den Aktienmärkten reagiert hat. Das spiegelt sowohl den Anstieg des privaten Vermögens im Verhältnis zum Konsum als auch die zunehmende Bedeutung von Aktien für die Bilanz der Haushalte wider. Die Autoren schätzen, dass ein hypothetischer Rückgang des S&P 500 um 25% zu einem Rückgang des Konsums um 3% führen könnte. Der Konsumausgabenanteil macht im Allgemeinen etwa zwei Drittel der US-Wirtschaftstätigkeit aus.
Der Anstieg der Entnahmen aus Investments kommt nach mehreren Jahren überproportionaler Gewinne an den Aktienmärkten. Nach einem Rückgang um 19,4% im Jahr 2022 stieg der S&P 500 um 24,2% im Jahr 2023, um 23,3% im Jahr 2024 und um 16,4% im Jahr 2025. In diesem Jahr liegt er bis zum 28. September etwa um 12,2% im Plus. Steigende Aktienkurse können die Konsumausgaben durch den sogenannten Vermögenseffekt ankurbeln: Wenn der Wert ihrer Investitionen steigt, fühlen sich Haushalte finanziell besser gestellt und sind eher bereit auszugeben.
Ein weiterer Faktor könnte die langfristige Abkehr von traditionellen Rentenplänen hin zu beitragsorientierten Plänen wie 401(k)s sein, so die Forschung. Der Anstieg der Entnahmen bei einigen Individuen spiegelt zugleich einen Anstieg der Überweisungen auf Investmentkonten bei anderen wider. Der Anteil der Nettoinvestoren unter den 25- bis 44-Jährigen stieg im Jahr 2025 auf 16,6% von 8,5% im Jahr 2019.
Ausblick
Während ältere Menschen aufgrund typischer Lebenszyklusmuster eher dazu neigen, aus Investments auszugeben, deute der Anstieg der beidseitigen Ströme darauf hin, dass Investmentkonten zu einem aktiveren und relevanteren Bestandteil des finanziellen Lebens der Menschen über den gesamten Lebenszyklus hinweg werden, so die Forschung. Konkrete Prognosen oder Termine nennt der Bericht nicht.
Kurz erklärt
- Vermögenseffekt: Steigt der Wert des Vermögens eines Haushalts, fühlt er sich finanziell besser gestellt und gibt eher Geld aus.
- Brokerage-Konto: Ein Depotkonto, über das Wertpapiere wie Aktien oder Fonds gehalten und gehandelt werden.
- Beitragsorientierter Rentenplan: Ein Altersvorsorgemodell, bei dem Arbeitnehmer und Arbeitgeber laufend Beiträge einzahlen, statt eine feste Rente zu erhalten.
