Großbritannien: Ausländische Käufer treiben Übernahmen und feindliche Angebote an
Der Wert öffentlicher M&A-Deals in Großbritannien erreicht bis zum dritten Quartal 75 Milliarden Pfund und übertrifft das Gesamtvolumen des Vorjahres.

Ausländische Käufer treiben den Anstieg öffentlicher Übernahmeangebote in Großbritannien in diesem Jahr deutlich voran. Der Wert öffentlicher Fusionen und Übernahmen (M&A) belief sich bis zum dritten Quartal auf 75 Milliarden Pfund und übertraf damit bereits das Gesamtvolumen des Vorjahres. Das geht aus einer Analyse der Rechtsanwaltskanzlei White & Case hervor, über die der US-Sender CNBC berichtet.
Ausländische Käufer machten 94 Prozent des gesamten Transaktionswerts aus. Gleichzeitig wurden feindselige Angebote in den britischen Vorstandsetagen im Jahresvergleich vervierfacht. Im Fokus stehen an der Londoner Börse notierte Unternehmen, weil anhaltend niedrige Bewertungen einen Schub bei öffentlichen Übernahmen auslösen.
Konkret erreichte der Wert öffentlich gehandelter Fusionen und Übernahmen im Vereinigten Königreich – einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der G7 – im Zeitraum bis Ende des dritten Quartals 75 Milliarden Pfund (99 Milliarden Dollar). Das ist fast doppelt so hoch wie die 38,2 Milliarden Pfund für das gesamte Jahr 2025. Internationale Investoren waren an Transaktionen beteiligt, die 72 Prozent des Transaktionsvolumens und 94 Prozent des aggregierten Transaktionswerts ausmachten, teilte White & Case am Donnerstag mit.
Die Details
Ausgelöst wurde der Aufschwung durch die „anhaltende Bewertungslücke“ zwischen an der Londoner Börse notierten Unternehmen und ihren globalen Peer-Groups. Das erklärte Patrick Sarch, Leiter des Bereichs öffentliche M&A im Vereinigten Königreich bei White & Case. In diesem Jahr gab es zudem vier feindselige Angebote, zwei davon entstanden im dritten Quartal. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 gab es nur ein feindseliges Angebot, im Jahr 2024 keines.
White & Case zählte außerdem 14 sogenannte „Bear Hug“-Angebote. Dabei versuchen potenzielle Bieter, durch stark überhöhte Angebote öffentlichen Druck auf die Vorstände auszuüben. Internationales Kapital – sowohl börsennotierte Investoren als auch Private-Equity-Bieter – stütze die größten Deals, erklärte die Kanzlei. Ausländisches Geld war an sieben der acht Transaktionen im Wert von mehr als einer Milliarde Pfund im dritten Quartal beteiligt.
Zu den herausragenden Large-Cap-Deals dieses Jahres gehören der 45 Milliarden Dollar schwere Deal von McCormick, einem führenden Anbieter von Gewürzen und Würzmitteln, für das Lebensmittelgeschäft von Unilever. Hinzu kommt der 9,9 Milliarden Pfund schwere Buyout von Schroders, dem größten eigenständigen Vermögensverwalter im Vereinigten Königreich, durch den US-Fondsverwaltungskonzern Nuveen.
„Wir beobachten auch mehr feindselige Angebote und die zunehmende Nutzung von Bear-Hug-Angeboten, wobei ausländische Bieter zunehmend bereit sind, ihre vorgeschlagenen Konditionen öffentlich zu machen und Aktionäre dazu aufzufordern, Druck auf die Vorstände auszuüben, um Gespräche zu erzwingen“, sagte Sonica Tolani, Partnerin im Bereich Global M&A and Corporate bei White & Case. Sie ergänzte: „Dies spiegelt eine tiefere Vertrautheit mit dem britischen Regulierungsumfeld wider und die Bereitschaft, öffentlichen Druck als legitimes Instrument und nicht als letztes Mittel einzusetzen.“
Sarch erklärte, die anhaltenden Abschläge bedeuteten, dass Investoren weiterhin „die weltweit führenden, an der Londoner Börse notierten Unternehmen mit globalen Umsatzprofilen, starker Cashflow-Generierung und etablierten Managementteams ins Visier nehmen werden“.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 15.08.2026 berichtete aktien.news, dass britische Konzerne so stark im Visier aktivistischer Investoren und ausländischer Übernehmer stehen wie seit Jahren nicht mehr. Laut Dealogic hatten Fusionsangebote für britische Unternehmen im Jahr 2026 bereits ein Achtjahreshoch erreicht. Als prominente Übernahmeziele nannte der Bericht EasyJet, Schroders, Tate & Lyle, Segro und Intertek – allesamt von ausländischen Käufern ins Visier genommen. Parallel dazu nehme der Aktivismus auf der Insel deutlich zu: Laut Analysten der Barclays-Bank war das Vereinigte Königreich im ersten Halbjahr 2026 nach den USA und Japan das drittwichtigste Ziel für aggressiv auftretende Investmentfirmen weltweit.
Am 12.02.2026 meldete aktien.news, dass die Aktie des britischen Vermögensverwalters Schroders am Donnerstag um über 28 Prozent nach oben schoss und ein 52-Wochen-Hoch erreichte. Auslöser war die Ankündigung einer Übernahme durch den US-Fondsriesen Nuveen. Die Transaktion mit einem Volumen von 9,9 Milliarden Pfund (13,5 Milliarden Dollar) markierte einen der größten Deals in der Geschichte der Vermögensverwaltungsbranche. Nuveen, die Investmentsparte des amerikanischen Renten- und Versicherungskonzerns TIAA, bot bis zu 612 Pence je Schroders-Aktie.
Am 31.03.2026 berichtete aktien.news über fortgeschrittene Gespräche zwischen Unilever und McCormick über eine Zusammenführung der Unilever-Lebensmittelsparte mit dem amerikanischen Hersteller bekannter Gewürz- und Saucenmarken wie Cholula. Die geplante Transaktion hätte ein Gesamtvolumen von über 60 Milliarden US-Dollar und sah eine Barzahlung von 15,7 Milliarden Dollar vor. Unilever-Aktionäre sollten eine Mehrheitsbeteiligung von 65 Prozent an dem fusionierten Unternehmen erhalten; die Struktur war als Reverse Morris Trust angelegt.
Am 14.09.2026 folgte der Bericht, dass Oliver Gregson, Chef der Vermögensverwaltungssparte von Schroders, Übernahmen prüft, um das Geschäft im Hochvermögenssegment auszubauen. Er sagte in seinem ersten Interview seit seinem Start bei Schroders, es wäre fahrlässig, nicht sorgfältig gegenüber inorganischen Möglichkeiten zu sein. Die Äußerungen fielen in eine Zeit des Umbruchs für das traditionsreiche Haus.
Was das für Anleger bedeutet
Oliver Ives, Managing Director und Leiter des UK-M&A-Bereichs bei der Deutschen Bank, sagte, die Bewertungslücke zwischen an der Londoner Börse notierten Unternehmen und ihren öffentlich gehandelten US-Pendants spiegle primär die jeweiligen Märkte wider – und nicht die zugrunde liegende Qualität der Unternehmen selbst. „Internationale Käufer sehen Möglichkeiten, starke, international exponierte Unternehmen zu attraktiven Bewertungen zu erwerben, selbst nach Abzug eines Übernahmeaufschlags“, schrieb Ives in einer Notiz vom Montag.
Für Anleger bedeutet das eine zweischneidige Lage: Ein niedriges Bewertungsniveau kann Übernahmeangebote und damit Kursfantasie begünstigen, zugleich aber auch Ausdruck dauerhaft niedrigerer Marktbewertungen sein. Eine neue Umfrage der Deutschen Bank signalisiert starke Dynamik für die Zukunft: 87 Prozent der Befragten erwarten, dass die M&A-Aktivitäten im Vereinigten Königreich in den nächsten zwölf Monaten steigen werden. 71 Prozent gaben an, dass Käufer im Vergleich zum Vorjahr optimistischer bezüglich britischer Unternehmen eingestellt seien. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Die Umfrage der Deutschen Bank deutet auf anhaltende Zuversicht hin: Eine Mehrheit der Befragten erwartet steigende M&A-Aktivitäten im Vereinigten Königreich in den kommenden zwölf Monaten. Sarch rechnet damit, dass Investoren weiterhin weltweit führende, an der Londoner Börse notierte Unternehmen mit globalen Umsatzprofilen, starker Cashflow-Generierung und etablierten Managementteams ins Visier nehmen. Weitere konkrete Termine oder angekündigte Transaktionen nannte die Quelle nicht.
Kurz erklärt
- Feindseliges Übernahmeangebot: Ein öffentliches Kaufangebot an die Aktionäre eines Unternehmens, das der Vorstand nicht befürwortet.
- Bear Hug: Ein bewusst hoch angesetztes Angebot, mit dem Bieter öffentlichen Druck auf die Unternehmensführung aufbauen wollen.
- Bewertungslücke: Der Unterschied zwischen dem Börsenwert eines Unternehmens und dem Wert vergleichbarer Wettbewerber.
- Public M&A: Öffentliche Fusionen und Übernahmen von börsennotierten Unternehmen über die Börse.
