Golf-Ölschmuggel: Reeder zahlen Seeleuten bis 25.000 Dollar pro Reise
Rekord-Frachtkosten und ein Goldrausch im Kriegszustand verändern die Schifffahrt in der Straße von Hormus grundlegend.

Öl strömt aus dem Persischen Golf in einem Tempo, das seit Beginn des Iran-Kriegs nicht mehr zu beobachten war. Selbst ein jüngster Anstieg der Angriffe auf die Transportwege kann den Abfluss bislang nicht stoppen. Für die Förderer im Golf ist die Lage paradox: Sie nehmen atemberaubende Kosten in Kauf, um ihr Rohöl überhaupt in Bewegung zu halten.
Die Frachtraten haben ein Niveau erreicht, das die Branche seit Jahrzehnten nicht gesehen hat. Bis zu 40 Millionen Dollar kostet eine mehrtägige Reise. Und dennoch zahlen die Produzenten: Das Öl vor Ort liegen zu lassen, ist wirtschaftlich noch schlechter, als die Frachtkosten zu übernehmen und das Öl mit dünneren Margen zu verkaufen.
Um das zu bewerkstelligen, setzen die Förderunternehmen im Golf auf sogenannte Shuttle-Runs. Dabei handelt es sich um eine gefährliche Fahrt mit sehr großen Rohöltankern, den Very Large Crude Carriers (VLCCs). Die Seeleute, die sich auf diese Überfahrt begeben, werden nach dem vorliegenden Bericht so gut bezahlt wie nie zuvor – die Rede ist von bis zu 25.000 Dollar pro Reise.
Die Details
Der Ablauf des Shuttle-Runs folgt einem festen Muster. Die Tanker fahren über die Straße von Hormus in den Persischen Golf hinein und laden dort an den Häfen Rohöl. Anschließend verlassen sie die Wasserstraße wieder und transferieren ihre Ladung auf ein anderes Schiff, das nur außerhalb der Straße auf sie wartet.
Dieses Verfahren erklärt, warum die Frachtkosten explodieren. Die Reeder müssen eine gefährliche Passage absolvieren und zugleich zusätzliche Schiffe vorhalten, die außerhalb der Wasserstraße als Puffer positioniert sind. Für die Schiffseigner zahlt sich das aus: Sie profitieren von einigen der besten Renditen, die die Branche seit Jahrzehnten gesehen hat.
Für die Ölförderer im Golf bleibt der Transport trotz der Rekordkosten die bessere Option. Das Öl vor Ort zu lassen, wäre wirtschaftlich schlechter, als die Frachtkosten zu übernehmen und das Öl mit dünneren Margen zu verkaufen. Diese Rechnung treibt den Goldrausch im Kriegszustand an, von dem in dem Bericht die Rede ist.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 17.03.2026 berichtete aktien.news, dass sich die Lage im Persischen Golf seit dem 28. Februar 2025 dramatisch verschärft hat. Der US-israelische Krieg gegen den Iran bedroht demnach eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt – die Straße von Hormus, durch die normalerweise rund ein Fünftel des globalen Erdöl- und Flüssiggastransports fließt. Die iranischen Revolutionsgarden warnten offen, jedes passierende Schiff ins Visier zu nehmen; die Angriffe trafen Tanker, Frachter und Containerschiffe aus aller Welt. Zwei Besatzungsmitglieder kamen ums Leben, darunter ein Seemann an Bord des Rohöltankers MKD VYOM vor der omanischen Küste.
Am 24.06.2026 berichtete aktien.news über die Evakuierung von mehr als 11.000 Seeleuten, die im Persischen Golf festsaßen. Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) gab bekannt, dass ein groß angelegter Evakuierungsplan angelaufen sei, getragen von einer ungewöhnlichen Koalition aus dem Iran, den USA, dem Oman und weiteren Küstenstaaten. Die Marine des Omans präzisierte, dass die Schiffe in einem gestuften Verfahren durch zwei temporäre Seekorridore geleitet werden.
Am 17.09.2026 meldete aktien.news einen historischen Boom bei Supertanker-Bestellungen. Laut Daten der Analyseplattform Signal Group wurden im Jahr 2026 bislang 217 Very Large Crude Carriers bestellt – mehr als doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr mit 93 Bestellungen. Das Auftragsvolumen übersteigt 20 Milliarden US-Dollar und markiert den stärksten Kaufrausch seit mindestens 25 Jahren. Jeder dieser Supertanker kann rund zwei Millionen Barrel Öl transportieren.
Am 30.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Ölexporte aus dem Nahen Osten auf ihr höchstes Niveau seit Beginn des Iran-Kriegs im Februar zurückgekehrt sind. Die Golf-Produzenten finden demnach zunehmend Wege, die iranische Blockade der Straße von Hormus zu umgehen, wie Daten des Datenanbieters Kpler zeigen. Die Schiffsfrachten aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Bahrain, Kuwait und Irak erreichten im September durchschnittlich 15,5 Millionen Barrel pro Tag – das höchste Niveau während des Krieges und mehr als 80 Prozent des Durchschnitts der zwölf Monate vor Beginn des Konflikts.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Entwicklung vor allem über die Schifffahrts- und Energiemärkte relevant. Die Reeder profitieren laut Bericht von einigen der besten Renditen seit Jahrzehnten, was sich auch in den Auftragsbüchern niederschlägt: 217 VLCC-Bestellungen im Jahr 2026 und ein Auftragsvolumen von über 20 Milliarden US-Dollar zeigen, wie stark die Branche auf längere Transportwege setzt.
Gleichzeitig bleibt das Risiko hoch. Ein jüngster Anstieg der Angriffe bedroht die Transportströme, und die Route durch die Straße von Hormus gilt als gefährlich. Wer in Reedereien oder Rohstoffwerte investiert, sollte diese geopolitische Komponente im Blick behalten. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Bemerkenswert ist zudem die Verschiebung der Machtverhältnisse. Aus dem früheren Bericht vom 30.09.2026 geht hervor, dass die Erholung der Exporte Teherans Hebelwirkung in den Verhandlungen mit den USA über ein Friedensabkommen schmälern könnte. Je erfolgreicher die Golf-Produzenten die Blockade umgehen, desto schwächer wird dieses Druckmittel.
Ausblick
Der aktuelle Bericht nennt keine konkreten Termine für eine Entspannung. Beobachtenswert bleibt, ob die Angriffe weiter zunehmen und ob die Förderer ihre Shuttle-Runs aufrechterhalten. Marktteilnehmer signalisieren mit ihren Supertanker-Bestellungen, dass sie langfristig mit längeren Transportwegen rechnen – ein Hinweis darauf, dass die Branche die aktuelle Situation nicht als kurzfristige Episode einordnet. Ob sich die Route durch die Straße von Hormus dauerhaft stabilisiert, hängt auch vom Verlauf der Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran ab.
Kurz erklärt
- VLCC (Very Large Crude Carrier): Ein sehr großer Rohöltanker, der große Mengen Rohöl über weite Strecken transportiert.
- Shuttle-Run: Ein Verfahren, bei dem Tanker in eine Wasserstraße einfahren, dort laden und die Fracht außerhalb auf ein anderes Schiff umladen.
- Straße von Hormus: Eine Meerenge, durch die ein großer Teil des weltweiten Erdöl- und Flüssiggastransports verläuft.
- Frachtrate: Der Preis, den ein Reeder für den Transport einer Ladung über eine bestimmte Route verlangt.
