Goldman Sachs stuft Aktien und Anleihen gleichzeitig herauf
Starkes Gewinnwachstum und geringes Rezessionsrisiko machen beide Anlageklassen laut Goldman Sachs attraktiv.

Goldman Sachs sendet ein ungewöhnlich optimistisches Signal an die Märkte: Anleger müssen sich nicht zwischen Aktien und Anleihen entscheiden – beide Anlageklassen sind nach Einschätzung der US-Investmentbank derzeit gut positioniert. Stratege Christian Mueller-Glissmann empfiehlt Kunden, Aktien über die nächsten drei Monate überzugewichten. Gleichzeitig sieht er Anleihen auf Sicht des nächsten Jahres als Kauf.
Diese Doppelempfehlung ist bemerkenswert, da Aktien und Anleihen in der Regel gegenläufig bewertet werden. Hintergrund der positiven Einschätzung ist ein Umfeld, das trotz anhaltender Spannungen im Nahen Osten und hoher Ölpreise fundamental stabil erscheint. Die Sorge, dass die Federal Reserve die Zinsen weiter anheben muss, um die Inflation zu bremsen, bleibt zwar präsent – doch Mueller-Glissmann sieht die Gesamtlage für beide Märkte konstruktiv.
Für den Aktienmarkt begründet Goldman Sachs die positive Haltung vor allem mit dem laufenden Gewinnwachstum. „Das Gewinnwachstum bleibt unterstützend, und der jüngste Bewertungsrückgang hat die Asymmetrie mit Blick auf die Berichtssaison für das dritte Quartal verbessert", heißt es in einer Mitteilung der Bank. Konkret: Weil die Kurse zuletzt gefallen sind, ohne dass die Unternehmensgewinne entsprechend nachgegeben haben, erscheinen Aktien nun günstiger bewertet – was das Aufwärtspotenzial erhöht.
Die Details
Daten des Analysehauses FactSet deuten für das dritte Quartal auf ein Gewinnwachstum von fast 30 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum hin. Diese Zahl bezieht sich auf den breiten US-Markt und unterstreicht, wie stark das Unternehmensumfeld trotz makroökonomischer Unsicherheiten geblieben ist. Mueller-Glissmann fasst es so zusammen: „Globale Aktien bewegten sich in der Summe trotz des anhaltend starken zugrunde liegenden Gewinnwachstums in einer Handelsspanne – infolgedessen wurden sie parallel zu den steigenden Anleiherenditen deutlich niedriger bewertet."
Auf der Anleiheseite haben die jüngsten Renditeanstiege die Attraktivität längerer Laufzeiten deutlich erhöht. Die Renditen für 10-jährige US-Staatsanleihen und 30-jährige Anleihen kletterten in der vergangenen Woche auf den höchsten Stand seit 2002. Seit dem 25. August ist die 10-jährige Rendite um mehr als 60 Basispunkte gestiegen, die 30-jährige Rendite schoss um 44 Basispunkte nach oben. Diese Bewegungen haben Goldman Sachs veranlasst, die Anlageklasse formell hochzustufen.
Die Bank begründet den Schritt mit ihrem makroökonomischen Basisszenario: „Angesichts unseres makroökonomischen Basisszenarios einer Normalisierung der Inflation, des Erreichens des Höhepunkts der Energiepreise und einer taubenhaften Haltung gegenüber den Zentralbanken werden Allokationen in Anleihen für Anleger mit längerem Anlagehorizont attraktiver." Wer also einen Anlagehorizont von einem Jahr oder mehr mitbringt, findet laut Goldman in Anleihen derzeit eine interessante Einstiegsgelegenheit.
Die laufende Berichtssaison rückt diese Woche in den Mittelpunkt. Mit UnitedHealth sowie den sechs größten US-Banken – Goldman Sachs, Morgan Stanley, JPMorgan Chase, Bank of America, Wells Fargo und Citigroup – legen gleich mehrere Schwergewichte ihre Quartalszahlen vor. Analysten erwarten starke Ergebnisse, die den positiven Ausblick von Goldman Sachs stützen könnten.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuellen Entwicklungen sind kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer längeren Marktdynamik. Bereits am 25. Mai 2026 berichtete aktien.news, dass der globale Anleihenmarkt unter erheblichem Druck stand: Ein anhaltender Ausverkauf von Staatsanleihen hatte die Renditen weltweit auf teils historische Höchststände getrieben. Auslöser waren damals wachsende Sorgen vor einem Inflationsschock infolge steigender Ölpreise, die durch den Nahostkonflikt ausgelöst wurden. Marktteilnehmer hatten ihre Erwartungen hinsichtlich weiterer Zinserhöhungen der Zentralbanken nach oben korrigiert.
Am 12. Juli 2026 berichtete aktien.news über das Spannungsfeld zwischen Inflationssorgen und starken Gewinnerwartungen am US-Aktienmarkt. Goldman Sachs betonte damals, dass eine unerwartet hohe Inflationsrate die Aktienmärkte erheblich belasten könnte, während die Quartalsergebnisse der Unternehmen gleichzeitig mit ungewöhnlichem Optimismus überraschten.
Am 14. August 2026 warnte Goldman Sachs Anleger zudem davor, bei Unternehmensanleihen blind auf die höchsten Ratingklassen zu setzen. Die Bank stellte fest, dass schlechter bewertete Schuldtitel zuletzt eine klare Outperformance erzielt hatten – und empfahl eine gezielte Umschichtung entlang der Qualitätsdimensionen. Hintergrund waren höhere Realzinsen sowie ein gestiegenes Anleihenangebot.
Schließlich berichtete aktien.news am 10. Oktober 2026, dass die Berichtssaison für das dritte Quartal in der darauffolgenden Woche richtig Fahrt aufnehmen würde. Für die großen US-Banken wurde laut FactSet-Daten ein Gewinnwachstum von rund 10 Prozent erwartet. Anleger erhofften sich von den Ergebnissen frischen Rückenwind für einen Aktienmarkt, der zuletzt unter dem Druck steigender Anleiherenditen gelitten hatte.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Botschaft von Goldman Sachs in mehrfacher Hinsicht relevant. Erstens signalisiert die Hochstufung beider Anlageklassen, dass die Bank kein unmittelbares Rezessionsrisiko sieht – ein beruhigendes Signal in einem Umfeld, das von geopolitischen Unsicherheiten geprägt ist. Zweitens bieten die gestiegenen Anleiherenditen erstmals seit Jahren wieder eine echte Verzinsung, was besonders für sicherheitsorientierte Anleger interessant ist.
Die Kombination aus günstigeren Aktienbewertungen und attraktiveren Anleiherenditen eröffnet theoretisch Spielraum für eine ausgewogenere Portfolioaufstellung. Wer bislang stark in Aktien investiert war und Anleihen wegen ihrer niedrigen Renditen gemieden hat, findet nun möglicherweise Argumente für eine Diversifizierung. Dabei gilt jedoch: Die Empfehlungen von Goldman Sachs richten sich an institutionelle Kunden mit spezifischen Anlagehorizonten – drei Monate für Aktien, ein Jahr für Anleihen.
Zu beachten ist außerdem, dass die Risiken nicht verschwunden sind. Hohe Ölpreise infolge der Spannungen im Nahen Osten könnten die Inflation hartnäckig halten und die Federal Reserve zu weiteren Zinsschritten zwingen. Dieses Szenario würde sowohl Aktien als auch Anleihen belasten. Goldman Sachs geht in seinem Basisszenario jedoch davon aus, dass die Energiepreise ihren Höhepunkt erreicht haben und die Inflation sich normalisiert.
Ausblick
Die laufende Berichtssaison wird in den kommenden Tagen entscheidende Datenpunkte liefern. UnitedHealth sowie die sechs größten US-Banken – Goldman Sachs, Morgan Stanley, JPMorgan Chase, Bank of America, Wells Fargo und Citigroup – legen diese Woche ihre Quartalsergebnisse vor. Analysten erwarten auf Basis von FactSet-Daten ein Gewinnwachstum von fast 30 Prozent im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Sollten die Ergebnisse diese Erwartungen erfüllen oder übertreffen, dürfte das die positive Einschätzung von Goldman Sachs für Aktien weiter stützen.
Auf der Anleiheseite hängt viel vom weiteren Kurs der Federal Reserve ab. Goldman Sachs erwartet in seinem Basisszenario eine zunehmend taubenhafte Haltung der Zentralbanken – also eine Abkehr von weiteren Zinserhöhungen. Ob sich dieses Szenario bewahrheitet, wird maßgeblich von den kommenden Inflationsdaten und der Entwicklung der Energiepreise abhängen.
Kurz erklärt
- Basispunkt: Eine Maßeinheit für Zinsänderungen, wobei hundert Basispunkte einem Prozentpunkt entsprechen.
- Übergewichtung: Eine Portfolioallokation, bei der eine Anlageklasse stärker gewichtet wird als in einem Referenzindex oder einer Standardallokation.
- Taubenhafte Haltung: Eine geldpolitische Ausrichtung einer Zentralbank, die eher auf niedrige Zinsen und wirtschaftliche Unterstützung als auf Inflationsbekämpfung durch Zinserhöhungen setzt.
