Firmus streicht großen Börsengang: KI-Rechenzentrum scheitert an Bewertungsbedenken
Das von Nvidia unterstützte Unternehmen sagt den geplanten Börsengang in Australien ab und verweist auf Marktvolatilität.

Der auf künstliche Intelligenz spezialisierte Rechenzentrumskonzern Firmus hat seine Pläne für eines der größten Börsengänge in der Geschichte Australiens gestrichen. Das von Nvidia unterstützte Unternehmen begründete die Entscheidung mit der „recent market volatility and prevailing market conditions" – also der jüngsten Marktvolatilität und den herrschenden Marktbedingungen. Ein Börsengang sei nicht im besten Interesse des Unternehmens oder der Aktionäre, erklärte Firmus.
Ursprünglich hatte Firmus einen Börseneingang angekündigt, der das Unternehmen auf mehr als 30 Milliarden US-Dollar (22,65 Milliarden Pfund) bewertet hätte. Damit wäre es eines der größten IPOs in der australischen Geschichte gewesen. Nun will das Unternehmen Kapital aus den privaten Märkten anziehen und alternative Optionen an öffentlichen und privaten Märkten prüfen.
Die Absage fällt in eine Phase wachsender Skepsis gegenüber der KI-Branche. Investoren und Branchenanalysten äußern Bedenken wegen der hunderte Milliarden Dollar, die in die KI-Industrie fließen, während die Aussichten auf langfristige Renditen weiterhin unklar bleiben.
Die Details
Firmus baut und betreibt flüssigkeitsgekühlte Rechenzentren, die das Unternehmen selbst als „KI-Fabriken" bezeichnet. Zu den Kunden zählen laut dem Unternehmen OpenAI und Meta. Firmus ist in Australien, Singapur und anderen Teilen der Asien-Pazifik-Region tätig. Zu den Unterstützern gehören neben Nvidia auch die großen Investmentfirmen Blackstone und Jane Street.
Ein Investmenthaus teilte der BBC mit, dass es sich entschieden habe, nicht am Initial Public Offering (IPO) teilzunehmen – aufgrund von Bedenken hinsichtlich der Bewertung. Auch UniSuper, einer der größten australischen Pensionsfonds, gehörte zu den institutionellen Anlegern, die einen Verzicht auf eine Teilnahme beschlossen.
„Wir finden, dass Firmus tatsächlich eine überzeugende Geschichte erzählt. Es hat nur keine überzeugende Bewertung", sagte John Pearce, Chief Investment Officer von UniSuper, in einem Update an die Anleger. Er fügte hinzu, dass UniSuper besorgt sei, Firmus müsse weiter in Schulden gehen, um seine Wachstumspläne zu finanzieren.
„Es ist enttäuschend. Die [Australian Securities Exchange] braucht neue Geschichten, und dies hätte eine sein können, wenn sie korrekt bepreist worden wäre", sagte Pearce gegenüber der BBC. Blackstone lehnte eine Stellungnahme ab, als man sich zur Kommentierung an die BBC wandte. Auch Nvidia und Jane Street wurden um eine Stellungnahme gebeten.
Firmus erklärte: „Firmus wird nun Kapital aus den privaten Märkten anziehen und alternative Optionen an öffentlichen und privaten Märkten prüfen. Wir werden den Aktionären weitere Informationen bereitstellen, sobald diese Optionen voranschreiten."
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Absage von Firmus ist kein Einzelfall. Bereits am 22.09.2026 berichtete aktien.news, dass der japanische Technologieinvestor SoftBank bei seinem ehrgeizigen Börsengang der Rechenzentrumstochter SB Energy auf erhebliche Hindernisse stößt. Das Unternehmen hatte den Zeitplan für den Börsengang verlangsamt, da die Anlegerstimmung gegenüber Rechenzentren angespannt ist. SB Energy, das von SoftBank-Gründer Masayoshi Son sowie von OpenAI und Nvidia unterstützt wird, strebt eine Bewertung von rund 50 Milliarden US-Dollar an – obwohl noch kein einziges Rechenzentrum in Betrieb genommen wurde. Die Verzögerung ist auf wachsende Marktängste hinsichtlich der Stabilität des KI-Booms zurückzuführen.
Bereits am 07.03.2026 berichtete aktien.news, dass Oracle und OpenAI ihre gemeinsamen Pläne zum Ausbau eines Flaggschiff-Rechenzentrums für künstliche Intelligenz im US-Bundesstaat Texas aufgegeben haben. Das berichtete Bloomberg News an einem Freitag. Hintergrund waren langwierige Finanzierungsverhandlungen sowie veränderte Anforderungen seitens OpenAI. Das geplante Rechenzentrum galt als zentrales Element der wachsenden KI-Infrastruktur beider Unternehmen.
Am 20.04.2026 berichtete aktien.news über NEXTDC Ltd: Das australische Unternehmen gab an einem Montag bekannt, eine Kapitalerhöhung in Höhe von 2,2 Milliarden Australischen Dollar zu planen. Der Schritt erfolgte vor dem Hintergrund einer stark wachsenden Nachfrage nach Rechenzentrums-Infrastruktur, die weltweit und insbesondere im asiatisch-pazifischen Raum an Dynamik gewinnt.
Und am 26.09.2026 berichtete aktien.news, dass der in Singapur ansässige Rechenzentrumsbetreiber DayOne seine Pläne für einen Börsengang so bald wie im November vorantreibt. Das Unternehmen entwickelt und betreibt Rechenzentren für Cloud- und KI-Kunden und will damit trotz steigender Zinsen und Rückschlägen in anderen Bereichen des Rechenzentrums-Ökosystems an die Öffentlichkeit gehen. Die Pläne sahen vor, den Antrag bei der US-Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) Mitte Oktober öffentlich zu machen und im November notiert zu sein.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger zeigt der Fall Firmus, wie eng die Bewertungsfrage mit der Stimmung im KI-Sektor verknüpft ist. Ein Unternehmen mit namhaften Unterstützern wie Nvidia, Blackstone und Jane Street sowie Kunden wie OpenAI und Meta findet dennoch keine ausreichende Nachfrage für einen Börsengang – weil institutionelle Anleger die Bewertung nicht mittragen. Das signalisiert, dass der Markt bei KI-Infrastruktur zunehmend zwischen überzeugender Geschichte und überzeugendem Preis unterscheidet.
Bemerkenswert ist die Begründung von UniSuper: Die Sorge, dass Firmus weiter in Schulden gehen müsse, um sein Wachstum zu finanzieren, verweist auf die Kapitalintensität des Geschäfts. Rechenzentren erfordern hohe Vorabinvestitionen, während die Erträge erst später anfallen. Diese Struktur macht die Branche anfällig für Zinsänderungen und Stimmungsschwankungen.
Auch der breitere Markt reagiert. Auf KI bezogene Aktien wie Nvidia und Oracle fielen am Donnerstag im US-Handel nach Berichten, dass die Einnahmen von OpenAI niedriger waren als zuvor angenommen. Das verdeutlicht die Verflechtung: Die Bewertung von Infrastrukturanbietern hängt maßgeblich davon ab, wie viel Umsatz die KI-Anwendungen am Ende tatsächlich erwirtschaften.
Ausblick
Firmus will sich nun auf die privaten Märkte konzentrieren und alternative Optionen prüfen. Weitere Informationen sollen die Aktionäre erhalten, sobald diese Optionen voranschreiten. Ein konkreter neuer Zeitplan für einen Börsengang wurde nicht genannt.
Im weiteren Umfeld bleibt die Frage offen, wie sich die Bewertungen im KI-Sektor entwickeln. Sam Altman, CEO von OpenAI, sagte Anfang dieses Jahres, Australien könne zum Weltführer in der Rechenzentrumsindustrie werden, wenn es denn wolle. Derzeit gibt es im Land über 160 Rechenzentren, und weitere sind geplant – trotz Widerstandes einiger Australier, die Bedenken hinsichtlich der Umweltauswirkungen und des Lärms geäußert haben.
Im September sagte Altman, dass OpenAI nicht plane, noch in diesem Jahr an die Börse zu gehen, und verwies dabei auf Sicherheitsbedenken bezüglich der Technologie, die einen Börsengang zu diesem Zeitpunkt „unklug" erscheinen ließen. Der ChatGPT-Hersteller sowie der Rivale Anthropic haben dennoch groß angelegte Börsengänge im Visier, die jedes Unternehmen auf mehr als 1 Billion US-Dollar bewerten würden.
Kurz erklärt
- Börsengang (IPO): Der erstmalige Verkauf von Aktien eines Unternehmens an der Börse, mit dem Kapital von öffentlichen Anlegern eingesammelt wird.
- Bewertung: Der geschätzte Gesamtwert eines Unternehmens, der bei einem Börsengang den Ausgabepreis der Aktien bestimmt.
- Flüssigkeitskühlung: Ein Verfahren, bei dem Rechenzentren mit Flüssigkeit statt Luft gekühlt werden, um die Wärme leistungsstarker KI-Chips abzuführen.
