Fed hält Zinsen stabil: Ökonomen erwarten keine Senkung 2026
Eine Reuters-Umfrage zeigt: Fast 85% der Ökonomen rechnen mit stabilen US-Zinsen bis ins dritte Quartal – trotz steigender Inflation.

Die US-Notenbank Federal Reserve wird in diesem Jahr keine Zinssenkungen vornehmen – davon ist inzwischen eine deutliche Mehrheit der von Reuters befragten Ökonomen überzeugt. Laut der aktuellen Umfrage unter 101 Experten prognostizieren 83 von ihnen, dass der Leitzins bis zum dritten Quartal stabil in der Spanne von 3,50% bis 3,75% verbleiben wird. Das entspricht fast 85% der Befragten – ein dramatischer Stimmungswandel gegenüber dem Vormonat, als noch rund zwei Drittel mindestens eine Senkung in diesem Jahr erwartet hatten.
Die Ökonomen haben ihre Prognosen für Zinssenkungen damit weitgehend in das nächste Jahr verschoben. Fast ein Drittel der Befragten rechnet zwar noch mit einer Senkung in diesem Jahr – zumeist im Dezember –, doch knapp die Hälfte (49 von 101) erwartet für 2026 überhaupt keine Veränderung beim Leitzins. Vier Ökonomen gehen sogar von mindestens einer Erhöhung aus.
„Sowohl Erhöhungen als auch Senkungen sind machbar. Das Basisszenario ist ein Festhalten am aktuellen Niveau, und um ehrlich zu sein, ist es eine knappe Entscheidung zwischen den beiden anderen Optionen. Es fühlt sich so an, als ob der nächste Schritt, falls es eine Senkung sein sollte, eher im nächsten Jahr als in diesem Jahr erfolgen wird", sagte Aditya Bhave, Leiter der US-Wirtschaftsabteilung bei der Bank of America.
Krieg im Iran als Unsicherheitsfaktor
Als wesentlicher Treiber der aktuellen Unsicherheit gilt der seit rund zweieinhalb Monaten andauernde US-Krieg gegen den Iran. Dieser hat einen energiegetriebenen Inflationsanstieg ausgelöst, den die Mehrheit der Ökonomen jedoch weiterhin als vorübergehend einstuft. Fast 86% einer kleineren Teilstichprobe gaben an, dass der aktuelle Inflationsdruck nicht dauerhafter Natur sei – wenngleich sie uneins darüber waren, ob sich diese Einschätzung noch ändern könnte.
Auch bei der April-Sitzung der Federal Reserve spiegelte sich die Unsicherheit wider: Drei Entscheidungsträger sprachen sich dafür aus, die Tendenz zu Zinssenkungen aus der geldpolitischen Erklärung zu streichen, während ein Mitglied für eine sofortige Senkung votierte. Seitdem haben mehrere Fed-Vertreter öffentlich für den Status quo plädiert und dabei explizit auf die geopolitischen Risiken verwiesen.
„Es gibt sicherlich Risiken einer höheren Inflation. Wir sind keine Geopolitik-Experten oder Rohstoff-Prognostiker. Es gibt definitiv viel Unsicherheit um unsere Prognose", ergänzte Bhave von der Bank of America.
Inflation bleibt hartnäckig über dem Fed-Ziel
Der von der Fed bevorzugte Inflationsindikator, der Preisindex für persönliche Konsumausgaben (PCE), stieg zuletzt auf Jahresbasis um 3,5% – der höchste Stand seit Mai 2023. Die Inflation liegt damit mehr als einen Prozentpunkt über dem Fed-Zielwert von 2% und befindet sich seit mehr als einem halben Jahrzehnt oberhalb dieser Marke.
Die Ökonomen haben ihre PCE-Prognosen erneut nach oben korrigiert: Für das zweite Quartal wird nun ein Wert von 3,9%, für das dritte Quartal von 3,7% und für das vierte Quartal von 3,4% im Jahresvergleich erwartet. Das liegt jeweils rund 25 Basispunkte über den Prognosen des Vormonats und markiert die dritte Aufwärtsrevision in Folge.
Scott Anderson, Chefökonom für die USA bei BMO Capital Markets, mahnte zur Vorsicht: „Unsere Erfolgsbilanz als Ökonomen war in letzter Zeit in Bezug auf die Inflation nicht besonders gut. Es besteht ein großes Risiko, dass wir uns in einer neuen Ära befinden, in der wir häufiger Schocks erleben werden."
Märkte preisen Zinserhöhung ein – Warsh als neuer Fed-Chef
Während die Ökonomen mehrheitlich auf Stabilität setzen, senden die Finanzmärkte ein anderes Signal: Zinsfutures preisen derzeit knapp eine Erhöhung um 25 Basispunkte bis Ende Januar ein. Die Rendite der richtungsweisenden 10-jährigen US-Staatsanleihen ist auf über 4,6% gestiegen – den höchsten Stand seit mehr als einem Jahr.
Unabhängig vom weiteren Zinspfad sind sich die Ökonomen einig, dass der künftige Fed-Vorsitzende Kevin Warsh die von Präsident Donald Trump geforderten Zinssenkungen voraussichtlich nicht liefern wird. Die Prognosen für Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum blieben derweil weitgehend unverändert: Die Arbeitslosenquote wird in den kommenden Jahren im Durchschnitt bei rund 4,3% erwartet, das Wachstum bei etwa 2% pro Jahr.
