Europas Gewinnwachstum holt erstmals seit Jahren zum US-Markt auf
Analysten erwarten für MSCI Europa ein Gewinnplus von 23 Prozent im dritten Quartal – knapp unter den 24 Prozent des S&P 500.

Europa holt im Wettrennen um die Unternehmensgewinne auf. Analysten erwarten laut von Bloomberg Intelligence zusammengestellten Daten, dass die MSCI-Europa-Indizes im dritten Quartal einen Anstieg der Gewinne um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum verzeichnen. Für die Unternehmen des S&P 500 liegt die Prognose bei einem Plus von 24 Prozent. Damit ist das europäische Gewinnwachstum erstmals seit mehr als drei Jahren greifbar nah an das US-Niveau herangerückt.
Das berichtet Bloomberg Europe. Das letzte Mal, dass europäische Ergebnisse die US-Pendants überstrahlten, war im ersten Quartal 2023. Seither galt der US-Markt in der Berichtssaison als klar überlegen. Die laufende Periode markiert damit eine Zäsur für Anleger, die europäische Aktien lange mit Bewertungsabschlag zum US-Markt gehandelt haben.
Ein Einzelbeispiel zeigt, wie heftig der Markt auf überzeugende Zahlen reagieren kann. Die Aktie der EssilorLuxottica SA stieg um etwa 16 Prozent, nachdem das Unternehmen in der vergangenen Woche einen besseren als erwartet ausgefallenen Bericht vorgelegt hatte. Der Brillenkonzern gehört damit zu den sichtbarsten Gewinnern der laufenden europäischen Berichtssaison.
Europas Gewinnprognose liegt nur knapp unter dem US-Wert
Die entscheidende Zahl ist der geringe Abstand zwischen beiden Märkten. Auf der einen Seite stehen 23 Prozent erwartetes Gewinnwachstum für die MSCI-Europa-Indizes im dritten Quartal, auf der anderen Seite 24 Prozent für den S&P 500. Beide Werte beziehen sich auf den Vergleich mit dem jeweiligen Vorjahreszeitraum und beruhen auf Analystenschätzungen, die Bloomberg Intelligence zusammengestellt hat.
Bemerkenswert ist vor allem der Zeitpunkt. Seit dem ersten Quartal 2023 hat Europa in keiner Berichtsperiode mehr mit dem US-Markt mithalten können. Dass die Prognosen nun wieder so dicht beieinanderliegen, ist für europäische Aktien ein ungewöhnliches Signal. Die MSCI-Europa-Indizes bündeln eine breite Auswahl europäischer Unternehmen über Branchen und Länder hinweg, während der S&P 500 die größten börsennotierten US-Konzerne abbildet.
Für die Einordnung hilft ein Blick auf die Reaktion im Einzelfall. EssilorLuxottica legte in der vergangenen Woche einen Bericht vor, der die Erwartungen übertraf. Der Kurs reagierte mit einem Anstieg von rund 16 Prozent. Solche Ausschläge zeigen, wie stark die Berichtssaison die Kurse europäischer Einzelwerte bewegen kann, wenn die vorgelegten Zahlen von den Schätzungen abweichen.
Bereits am 14.10.2026 berichtete aktien.news von der Führungsrolle der Energiekonzerne
Der aktuelle Aufholprozess Europas hat eine klare treibende Kraft. Bereits am 14.10.2026 berichtete aktien.news, dass Energieunternehmen erneut im dritten Quartal in Folge auf dem besten Weg sind, das Gewinnwachstum in Europa anzuführen. Grundlage war ebenfalls ein Bericht von Bloomberg Europe unter Berufung auf Daten von Bloomberg Intelligence.
Damals hieß es, die anhaltend hohen Energiepreise, die aus den Konflikten im Nahen Osten und in der Ukraine resultieren, stützten die Gewinne in der gesamten Branche. Konkret wurde erwartet, dass der MSCI Europe Energy Index ein Wachstum des Gewinns je Aktie von 113 Prozent ausweisen würde. Besonders bemerkenswert war der Hinweis, dass allein dieser Sektor mehr als die Hälfte des gesamten europäischen Gewinnwachstums erklären dürfte.
Auch die US-Seite war zuletzt Gegenstand der Berichterstattung. Am 07.07.2026 meldete aktien.news, dass Analysten für den S&P 500 ein Gewinnwachstum von 23 Prozent für das damals vergangene Quartal erwarteten. Zwei Sektoren stachen dabei hervor: Energieunternehmen und der Technologiesektor. Die Energiebranche profitierte laut Analysten von hohen Ölpreisen, die die Gewinne der entsprechenden Unternehmen im Index deutlich stützten.
Am 07.10.2026 berichtete aktien.news zudem, dass die USA auf ein weiteres Quartal mit üppigen Unternehmensgewinnen zusteuern, angetrieben von umfangreichen Ausgaben für den Ausbau der KI-Infrastruktur. Laut Goldman Sachs sollten die Gewinne des S&P 500 im September-Quartal um 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sein. Das Umsatzwachstum wurde mit voraussichtlich 12 Prozent angegeben – das dritte Quartal in Folge, in dem das Gewinnwachstum die Marke von 25 Prozent übersteigt.
Schon am 26.01.2026 hatte aktien.news über eine optimistischere Einschätzung europäischer Titel berichtet. Morgan Stanley prognostizierte damals eine deutliche Verbesserung der europäischen Berichtssaison und erwartete eine Übertreffungsquote von 9 Prozent bei den zentralen Leistungskennzahlen – deutlich über dem US-Vergleichswert von 5 Prozent. Die Strategen unter der Leitung von Marina Zavolock schrieben, auch die frühen Vorabveröffentlichungen tendierten positiver als normalerweise.
Für deutsche Anleger verschiebt sich der relative Blick auf beide Märkte
Für Privatanleger in Deutschland ist die Entwicklung vor allem eine Frage der relativen Attraktivität. Über Jahre hinweg lieferten US-Unternehmen verlässlicher steigende Gewinne, was den Bewertungsvorsprung des S&P 500 rechtfertigte. Wenn europäische Indizes nun mit 23 Prozent fast dasselbe Gewinnwachstum wie der US-Markt mit 24 Prozent erreichen, verändert das die Vergleichsgrundlage zwischen beiden Regionen.
Dabei ist die Zusammensetzung des Wachstums entscheidend. Nach der Darstellung vom 14.10.2026 dürfte allein der Energiesektor mehr als die Hälfte des gesamten europäischen Gewinnwachstums erklären. Das Wachstum in Europa hängt damit stark an einer Branche, die von hohen Energiepreisen profitiert. Auf US-Seite trugen zuletzt sowohl Energieunternehmen als auch der Technologiesektor zum Wachstum bei, wie der Bericht vom 07.07.2026 zeigte.
Anleger sollten deshalb genau prüfen, woher die Gewinne kommen. Ein breit getragenes Wachstum über viele Branchen hinweg ist robuster als ein Anstieg, der von wenigen Sektoren getragen wird. Die Daten von Bloomberg Intelligence liefern dafür die Grundlage, ersetzen aber keine eigene Analyse der einzelnen Unternehmen und ihrer Geschäftsmodelle.
Die Berichtssaison liefert in den kommenden Wochen die Bestätigung
Entscheidend ist nun, ob die vorgelegten Zahlen die Prognosen bestätigen. Die Erwartungen von 23 Prozent für die MSCI-Europa-Indizes und 24 Prozent für den S&P 500 sind Schätzungen, die sich an den tatsächlichen Berichten messen lassen müssen. Erst dann zeigt sich, ob Europa tatsächlich mit dem US-Markt mithalten kann.
Der Vergleichsmaßstab bleibt das erste Quartal 2023. Damals übertrafen europäische Ergebnisse die US-Pendants zum letzten Mal. Sollte sich die aktuelle Prognose bestätigen, wäre das für europäische Aktien ein bedeutsamer Schritt. Die kommenden Wochen der Berichtssaison werden zeigen, ob die Erwartungen halten.
Drei Begriffe, die Anleger in der Berichtssaison kennen sollten
- Gewinnwachstum: Zunahme des Gewinns eines Unternehmens oder Index im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
- MSCI Europa: Indexfamilie, die eine breite Auswahl europäischer Aktien über Branchen und Länder hinweg bündelt.
- Berichtssaison: Zeitraum, in dem börsennotierte Unternehmen ihre Quartalszahlen veröffentlichen.
