Europäische Chip-Aktien fallen nach kurzer Atempause wieder
Halbleiterwerte in Europa und Asien geben erneut nach, während KI-Fantasie einer nüchternen Bilanzbetrachtung weicht.

Die Aktien europäischer Halbleiterunternehmen sind am Dienstag wieder ins Minus gerutscht. Nachdem Anleger am Montag Technologieaktien zu Diskontpreisen nach den starken Verlusten der Vorwoche gekauft hatten, setzte sich der Ausverkauf am Dienstag fort. Der kurze Hoffnungsschimmer vom Wochenstart war damit schnell verflogen.
Besonders deutlich zeigte sich die Schwäche in Asien. Die Aktie von SK Hynix aus Südkorea schloss 4,2 Prozent niedriger, während Samsung Electronics 3 Prozent verlor. In Europa gerieten die Papiere des niederländischen Halbleiteranlagenherstellers ASML Holding und des kleineren Konkurrenten ASM International mit 2,7 beziehungsweise 3,1 Prozent ins Rutschen. Der niederländische Lieferant von Halbleiterbestückungsanlagen BE Semiconductor Industries lag 2,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau.
Auch die deutschen und französischen Chip-Werte blieben nicht verschont. Die Aktie des deutschen Chip-Herstellers Infineon Technologies verlor 2,9 Prozent, die Papiere von STMicroelectronics fielen um 3 Prozent. Gleichzeitig stand der E-mini-Nasdaq-100-Futureskontrakt 0,4 Prozent im Minus, was auf eine schwache Eröffnung für Technologieaktien in den USA hindeutete.
KI-Geschäft wandelt sich zur Bilanzfrage
Hinter der Kursbewegung steht eine grundlegende Neubewertung des KI-Themas. Das KI-Geschäft wandle sich von einer reinen Wachstumsgeschichte zu einer Bilanz- und Kreditzyklus-Thematik, schreibt Patrick Munnelly von der Tickmill Group in einer Notiz. „Die Marktfrage richtet sich zunehmend nicht nur darauf, ob die KI-Nachfrage real ist, sondern wer sie finanziert, zu welchen Konditionen und mit welcher Sicherheitsmarge“, so Munnelly.
Der Kurssturz der Anteile des in Seoul ansässigen KI-Cloudcomputing-Unternehmens Elice am ersten Handelstag am Dienstag verstärkt laut Munnelly die Bedenken hinsichtlich schuldenfinanzierter KI-Infrastrukturinvestitionen. Investoren differenzierten nun zwischen cash-generierenden Plattform-Siegern und hochwertigen Halbleiterlieferanten einerseits sowie kapitalintensiven Infrastrukturfirmen und gehobenen Finanzierungsvehikeln andererseits. Während diese Differenzierung langfristig gesund sei, destabilisiere sie kurzfristig, da die Positionierungen nach wie vor überlaufen seien.
Breite Indizes unter Druck
Die Schwäche erfasste auch die breiten europäischen Indizes. Der Stoxx 600 fiel um 0,3 Prozent. Londons FTSE 100 bewegte sich um 0,2 Prozent nach unten, gezogen durch den Industrialsektor. Die Vertriebsgruppe Bunzl verlor 4 Prozent, während Rolls-Royce um 1,3 Prozent sank.
In Deutschland fiel der industrielastige DAX um 0,5 Prozent, wobei Siemens Energy 2,7 Prozent und Siemens 3,4 Prozent einbüßten. Auch der CAC 40 in Paris wurde vom Industriesektor belastet und lag 0,2 Prozent im Minus. Dort notierte Schneider Electric 3,5 Prozent niedriger, während der Chip-Hersteller ST Microelectronics um 2,5 Prozent fiel. Italiens FTSE MIB rutschte leicht um 0,1 Prozent nach unten, der spanische IBEX 35 handelte unverändert. Der niederländische AEX stand um 0,4 Prozent im Minus, da KI-Aktien schwächelten und ASML um 2,7 Prozent glitt.
China-Handel und Pharmasektor im Fokus
Abseits der Chip-Werte richteten sich die Blicke auf mögliche Impulse für andere Branchen. Ein vorgeschlagenes Handelsabkommen zwischen China und der EU zur Begrenzung chinesischer Hybridwagen-Importe könnte europäischen Automobilherstellern einen erheblichen Schub verleihen, schreibt Roberto Cominotto, Analyst bei Julius Baer, in einer Notiz. Vorgeschlagene industrielle Vorschriften der EU könnten die Kostenvorteile chinesischer Autohersteller weiter aushöhlen, indem sie eine stärkere lokale Beschaffung vorschreiben und sie höheren Kosten für Arbeitskraft, Energie und Compliance aussetzen.
Diese Maßnahmen könnten als positiver Katalysator für Europas Automobilsektor dienen, den Investoren angesichts intensiver werdender Konkurrenz und schwacher Profitabilität weitgehend gemieden haben, so Cominotto. Kurzfristig dürfte der Gewinnunterdruck jedoch anhalten, da die Lagerbestände chinesischer Hybride weiterhin in europäischen Häfen lagern und die Schwäche des chinesischen Binnenautomarktes die Hersteller belastet.
Chinas Innovationsdrang wirkt laut einer Forschungsnotiz von BNP Paribas zugleich als struktureller Treffer für seine Aktienmärkte, da Unternehmen Eigenkapital suchen. Technologie sei derzeit der einzige Sektor mit einer überzeugenden Gewinnentwicklung. Im letzten halben Jahr seien die aggregierten prognostizierten Gewinne der nächsten zwölf Monate für den Technologiesektor um 30 Prozent gestiegen. Der Materialsektor belegte den zweiten Platz mit einem Anstieg von 9 Prozent im selben Zeitraum.
Im Gesundheitssektor könnten Deutschlands Sparmaßnahmen große Pharmakonzerne überschatten, wenn diese in den kommenden Wochen ihre Ergebnisse für das dritte Quartal berichten, sagen Analysten von RBC Capital Markets. Die Ergebnisse von Johnson & Johnson in der vergangenen Woche zeigten, dass Preisrückgänge in Deutschland den Umsatz des US-Pharmakonzerns beim Krebsmedikament Darzalex belastet haben. Merck, Johnson & Johnson, Novartis, AstraZeneca und Roche hätten laut RBC eine höhere Exposition gegenüber Deutschland und Onkologie-Umsätzen. Der Stoxx Europe 600 Health Care Index stieg um 0,9 Prozent.
