EU drängt Großbritannien zu Zollunion und höheren China-Autos-Zöllen
Brüssel warnt Premier Andy Burnham: Ohne Annäherung an die EU-Handelspolitik drohen "Made-in-Europe"-Hürden für britische Exporte.

Brüssel hat den britischen Premierminister Andy Burnham gewarnt, dass Großbritannien Zölle auf chinesische Autos anheben und sich der EU-Handelspolitik enger angleichen müsse. Andernfalls drohten "Made-in-Europe"-Hürden, die wichtige britische Exporte treffen würden. Das berichtet die Financial Times unter Berufung auf zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen.
Die Warnung ist die Reaktion auf wochenlange intensive Lobbyarbeit Londons, um gleiche Bedingungen für britische Produkte zu sichern. Die EU teilte London mit, dass ihre beste Lösung der Beitritt zur Zollunion der Union wäre. "Eine Zollunion würde die meisten Probleme von 'Made in Europe' lösen", sagte ein EU-Beamter. "Und auch die Frage der Zollunterschiede, die zu Befürchtungen führt, die Chinesen könnten unsere Zölle umgehen, indem sie über das Vereinigte Königreich routen."
Die "Made-in-Europe"-Politik soll EU-Hersteller bei Subventionen und öffentlichen Aufträgen begünstigen, um den Binnenmarkt vor dem Wettbewerb aus China zu schützen. Peter Foster und Andy Bounds berichten im Detail. Die Kernaussage der EU, Macht von London abzugeben, spricht Unternehmensführer an. Doch Burnhams Regierung hat nur begrenzte fiskalische Spielräume.
Die Details
Im Zentrum des Vorstoßes steht die Frage, wie britische Produkte künftig behandelt werden, wenn die EU ihre Industriepolitik schärft. Die Zollunion wäre aus Sicht Brüssels das wirksamste Mittel, um sowohl die "Made-in-Europe"-Hürden als auch die Sorge vor Zollumgehungen über britische Häfen auszuräumen. Für London bedeutet das eine grundlegende handelspolitische Weichenstellung.
Parallel dazu verschärft sich die Lage im britischen Außenhandel. Das Handelsdefizit Großbritanniens im Bereich Lebensmittel und Getränke hat nach dem Brexit und den Tarifkriegen von Trump ein Niveau erreicht, das seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gesehen wurde. Exporte britischer Produkte wie Lachs, Milch und Käse wurden beeinträchtigt. Im ersten Halbjahr stieg das Handelsdefizit des Sektors auf 21,1 Milliarden Pfund im Vergleich zu 3,9 Milliarden Pfund im Jahr 2000, zeigte eine Analyse.
Auch andere Themen bewegen die Märkte. Russlands Flotte von Schiffen, die unter seiner Flagge fahren, ist seit Januar letzten Jahres um mehr als ein Drittel gewachsen, da Moskau einen mutigeren Ansatz verfolgt, um Öl- und Gaslieferungen trotz westlicher Sanktionen aufrechtzuerhalten. Der Energiekommissar der EU hat Trump aufgefordert, einen "freien Fluss" von Diesel aufrechtzuerhalten, nachdem der US-Präsident gedroht hatte, Lieferungen einzustellen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Entwicklung ist Teil einer längeren Debatte über das Verhältnis zwischen London und Brüssel. Bereits am 30.07.2026 berichtete aktien.news, dass Großbritanniens Wirtschaftsminister Jonathan Reynolds sich klar gegen eine Rückkehr des Vereinigten Königreichs in die EU-Zollunion ausgesprochen hatte. In einem Interview mit der Financial Times bekräftigte er, dass die Position im Labour-Wahlprogramm von 2024 – die eine Rückkehr in den Binnenmarkt, die Zollunion oder die Personenfreizügigkeit ausdrücklich ausschließt – "absolut richtig" sei. Damit versuchte Reynolds, aufkeimende Spekulationen über eine engere EU-Anbindung zu stoppen. Der Druck innerhalb der Partei blieb jedoch spürbar: Im Dezember des Vorjahres unterstützten bereits 13 Labour-Abgeordnete einen Gesetzentwurf der Liberaldemokraten für eine EU-UK-Zollunion.
Am 18.09.2026 berichtete aktien.news, dass der britische Finanzminister John Healey die EU-Finanzminister am Freitag dazu aufrufen wollte, die Fehler einer gescheiterten Verteidigungskooperation mit dem Vereinigten Königreich nicht zu wiederholen. Er forderte, die "Made in Europe"-Industriepolitik der Union so zu gestalten, dass sie Großbritannien einschließt. Healey wollte bei den Gesprächen in Dublin andeuten, dass Großbritannien bereit sei, über ein "Reset"-Abkommen mit der EU zu verhandeln – unter der Voraussetzung, dass die Regierung von Premierminister Keir Starmer nachweisen könne, dass dies den Menschen vor Ort zugutekommt.
Einen Tag zuvor, am 17.09.2026, meldete aktien.news, dass europäische Automobilhersteller Alarm schlagen: Die ab Januar 2027 drohenden 10-Prozent-Zölle auf Elektrofahrzeuge zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich könnten die Branche jährlich 1,5 Milliarden Euro kosten und sie dem harten Wettbewerb aus China aussetzen. Der Verband ACEA forderte eine Verschiebung der verschärften Ursprungsregeln. In einem Brief an die Europäische Kommission, der der Financial Times vorliegt, warnte die European Automobile Manufacturers Association vor "katastrophalen Auswirkungen" der geplanten Regeländerung. Ab dem 1. Januar 2027 sollen strengere Vorschriften darüber gelten, was als in Europa hergestelltes Fahrzeug gilt.
Am 14.09.2026 berichtete aktien.news zudem, dass Andy Burnham vor einem hochkarätig besetzten Treffen mit den Chefs führender britischer Unternehmen einen grundlegenden "Kulturwandel" in der Wirtschaft des Landes gefordert hatte. Bei dem Treffen in der Downing Street wurden unter anderem die Vorstandsvorsitzenden von BP, Shell, HSBC, Morrisons, Sainsbury's, BT, Vodafone und Rolls-Royce erwartet. Burnham betonte vor dem Treffen, dass diejenigen, die im Geschäftsleben Risiken eingehen, von der Regierung unterstützt werden müssten.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Debatte vor allem über die Automobil- und Zulieferbranche relevant. Sollte Großbritannien tatsächlich Zölle auf chinesische Autos anheben und sich der EU-Handelspolitik annähern, könnte das die Wettbewerbsbedingungen für europäische Hersteller verändern. Umgekehrt bleiben die ab Januar 2027 drohenden 10-Prozent-Zölle auf Elektrofahrzeuge zwischen EU und UK ein Risikofaktor, den der ACEA mit jährlich 1,5 Milliarden Euro beziffert.
Auch die britische Binnenkonjunktur spielt eine Rolle. Der Mitbegründer der größten britischen DIY-Investitionsplattform, Peter Hargreaves, hat der FT erklärt, dass das Land es sich nicht leisten könne, weitere "große Steuerzahler" zu verlieren. Das Handelsdefizit im Bereich Lebensmittel und Getränke von 21,1 Milliarden Pfund im ersten Halbjahr unterstreicht den wirtschaftlichen Druck. Eine engere Anbindung an die EU könnte aus Sicht der Befürworter Planungssicherheit schaffen – die politischen Hürden bleiben jedoch hoch.
Ausblick
Kurzfristig richtet sich der Blick auf die kommenden Tage. In Frankreich beginnt Papst Leo XIV. eine viertägige apostolische Reise und trifft Präsident Emmanuel Macron im Élysée-Palast; am Sonntag finden die Senatswahlen statt. Im Vereinigten Königreich öffnet die Turner-Preis-Ausstellung morgen für die öffentlichkeit.
Im Handel bleibt die Frage offen, ob London den Weg in die Zollunion geht oder alternative Absprachen sucht. Zudem hat Burnham den Plan für eine dritte Startbahn am Heathrow durch private Gespräche mit Abgeordneten in Frage gestellt, in denen er bekannt gab, das Projekt stets abgelehnt zu haben. Der neue britische Premierminister gilt angeblich als "aufgeschlossen" bezüglich der Fortführung des Projekts. Daneben sorgen Unternehmensnachrichten für Aufmerksamkeit: Sir David Beckham erhielt nach seinen Arbeiten mit mehreren Marken bei der FIFA-Weltmeisterschaft, die dazu beitrugen, dass die Einnahmen im vergangenen Jahr ein Rekordniveau erreichten, einen Dividenden-Schnäppchenwert von 51 Millionen US-Dollar aus seinen schnell wachsenden kommerziellen Aktivitäten. Das Startup TypeSafe AI, das kürzlich auf 200 Millionen US-Dollar bewertet wurde, zieht Bewertungen im zweistelligen Milliardenbereich an und verspricht eine neue Generation von Tools, die günstiger und effizienter sind als Produkte von OpenAI und Anthropic.
Kurz erklärt
- Zollunion: Ein Zusammenschluss von Staaten mit gemeinsamen Außenzöllen und freiem Warenverkehr im Binnenmarkt.
- Made-in-Europe-Politik: Eine Industriepolitik, die europäische Hersteller bei Subventionen und öffentlichen Aufträgen bevorzugt.
- Ursprungsregeln: Vorschriften, die festlegen, wann ein Produkt als in einem bestimmten Wirtschaftsraum hergestellt gilt.
