Direkte Stimmrechte für einzelne Aktionäre bei Klimathemen gefordert
Ein Gastbeitrag in der Financial Times fordert, Vorstandsetagen direkt mit ihren ultimativen Aktionären zu verbinden.

In einem Beitrag für die Financial Times plädiert eine ehemalige Chief Executive Officer von HSBC dafür, einzelnen Aktionären direkte Stimmrechte zu Klimathemen einzuräumen. Der Text erschien im Rahmen des wöchentlichen Newsletters von FT-Herausgeberin Roula Khalaf, die dort ihre favorisierten Geschichten auswählt. Kern der Argumentation: Die Fähigkeit der eigentlichen Eigentümer, ihre Agenten – also Aufsichtsräte und Geschäftsleitungen – herauszufordern und zu steuern, sei an jedem Glied der Verantwortlichkeitskette gebrochen. Für eine so grundlegende Frage wie die Gesundheit des Planeten sei dieser Zustand nicht länger akzeptabel.
Die Autorin zeichnet ein ernüchterndes Bild vom Zustand des Klimaübergangs. Es werde immer deutlicher, dass die Welt hinter ihren Verpflichtungen zurückbleibe, die langfristige Tragfähigkeit des Planeten zu sichern. Jeder Akteur im Wirtschaftssystem möge sich innerhalb der ihm gesetzten Rahmenbedingungen rational verhalten – und doch versage das System als Ganzes. Regierungen, Unternehmen und Bürger träten nicht in einem Tempo voran, das der Dringlichkeit des Problems entspreche, trotz weit verbreiteter und anhaltender Verpflichtungen auf dem Weg zu Netto-Null-Emissionen.
Der Staat als begrenzter Akteur
Als Beleg dafür, dass Unternehmen reagieren, wenn Regierungen effektiv neue Märkte schaffen und gestalten, führt der Beitrag den britischen Übergang weg von kohlebefeuertem Strom an. Was eine politisch schwierige Wende hätte werden können, sei durch klare regulatorische Vorgaben, ein effektives Emissionshandelssystem und staatliche Unterstützung für Preisgarantien für Produzenten erneuerbarer Energien – sogenannte Contracts for Difference (CfD) – erreicht worden. Doch die Regierung als primärer Akteur des Übergangs sei eingeschränkt: Die öffentlichen Finanzen im Westen seien stark belastet, und die Vorstellung, der Staat könne den Übergang allein im erforderlichen Umfang finanzieren, sei nicht länger glaubwürdig. Unternehmen und die Verwalter privaten Kapitals müssten nachrücken.
Eine extreme Sichtweise, so der Beitrag weiter, besage, dass die Verwalter privaten Kapitals den Rest der Welt als Geisel hielten. Sie ließen sich mit der Haltung beschreiben, das eigene Risikoprofil und die erhöhten Eigenkapitalrenditen zu bewahren, während Regierungen die Kosten des Übergangs sozialisierten, sodass alle anderen zahlten. Angesichts des Rückzugs vieler Unternehmen von ihren Klimaverpflichtungen in den vergangenen 18 Monaten sei diese Sichtweise nicht unvernünftig. Als mögliche Ursachen nennt die Autorin Müdigkeit, Opportunismus, ein Versagen moralischer Tapferkeit oder schlichten Eigennutz.
Entscheidend sei jedoch, was als Nächstes geschehe und wer darüber entscheide. Jedes Unternehmen benötige einen klar formulierten Plan für seine Rolle im Übergang. Die Autorin erwartet, dass jede Chief Executive Officer und jeder Aufsichtsrat diesen Plan darauf gründet, was die Eigentümer wollen, was die Kunden wollen und wie die Mitarbeiter dazu stehen. Daraus leitet sie eine kritische Frage ab: Wie viele der Aufsichtsräte, die in den vergangenen 18 Monaten von ihren Klimaverpflichtungen zurückgewichen sind, haben dies mit nachgewiesener Unterstützung ihrer Aktionäre, Kunden und Mitarbeiter getan – und wie viele haben dies einfach vorausgesetzt?
Die Lücke zwischen Fondsmanager und Anleger
Aufsichtsräte, so das Argument, verweisen gern darauf, die zehn größten institutionellen Anleger besucht zu haben oder von einem auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG) spezialisierten Fondsmanager oder Analysten informiert worden zu sein. Doch diese Fondsmanager stünden selbst mehrere Ebenen entfernt von den Menschen, deren Geld sie verwalten. Ein Pensionsanleger oder ein Investor in einem Indexfonds werde normalerweise nie gefragt, wie seine Stimme bei der Abstimmung über die Klimastrategie eines Unternehmens abgegeben werden solle. Stattdessen werde die Stimme gemäß der eigenen Hauspolitik des Asset Managers abgegeben, die durch dessen regulatorische Pflichten und reputationsbezogene Interessen geprägt sei.
Der Beitrag schlägt drei Wege vor, um dieses Problem zu beheben. Erstens sollten sich alle darauf verständigen, dass die Gesundheit des Planeten ein Thema ist, das auf der typischen Tagesordnung jedes Aufsichtsrats alles andere überragt – Klima und Natur gehen vor Vergütungs- und Treasury-Themen. Zweitens sollten Resolutionen zur Bekämpfung des Klimawandels zu einem regelmäßigen Bestandteil des Meeting-Kalenders jedes börsenlisteten Unternehmens werden und nicht nur beratende Beschlüsse bleiben, die Aufsichtsräte ignorieren können; sie müssten für Strategie und Kapitalallokation bindend sein. Drittens sollte die heute verfügbare Technologie genutzt werden, um die Lücke zwischen Fondsmanager und begünstigtem Eigentümer von Aktien zu schließen.
Pensionsanleger und Privatanleger sollten demnach gefragt werden, welchen Kompromiss sie zwischen kurzfristigen Renditen und der langfristigen Gesundheit des Planeten akzeptieren würden. Die Antwort sollte die abgegebene Stimme leiten. Der Energieübergang, so das Fazit, werde nicht allein von der Regierung finanziert, und die Widerständigkeit der Konzerne werde nicht durch Schweigen legitimiert, das fälschlicherweise als Zustimmung interpretiert werde. Es sei an der Zeit, Vorstandsetagen direkt mit ihren ultimativen Aktionären zu verbinden.
Für deutsche Anleger ist der Beitrag insofern relevant, als auch hierzulande institutionelle Investoren und Fondsgesellschaften das Stimmverhalten bei Hauptversammlungen dominieren. Privatanleger, die über Indexfonds oder Pensionsprodukte investiert sind, haben in der Regel keinen direkten Einfluss darauf, wie über Klimastrategien abgestimmt wird. Der Vorschlag, diese Lücke technologisch zu schließen und bindende Klimaresolutionen einzuführen, würde die Governance-Debatte auch in Deutschland neu befeuern.
