DAX erholt sich: Warum KI-Sorgen und Zinsängste nachlassen

Der DAX hat zum Wochenschluss ein deutliches Plus verbucht und damit einen Teil der jüngsten Verluste wettgemacht. Der deutsche Leitindex schloss knapp ein Prozent höher bei 25.623 Punkten. Über die gesamte Woche summiert sich der Gewinn auf gut zwei Prozent. Damit zeigt sich der Markt widerstandsfähiger als zuletzt, als Sorgen über das Zinsumfeld und die Finanzierung von KI-Investitionen die Kurse belastet hatten.
Die überraschend hohe Inflation in den USA hatte zuletzt die Furcht geschürt, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) den Leitzins bereits im Oktober ein weiteres Mal anheben könnte. Das hätte Konsumenten, Unternehmen und den Staat teurer zu stehen kommen können. Doch Fed-Chef Kevin Warsh äußerte sich in einer Rede nicht spezifisch zur Geldpolitik, was die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Oktober wieder deutlich sinken ließ. "Kevin Warsh gibt den Börsen den Optimismus zurück", kommentierte Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners.
Auslöser für die jüngsten Kursverluste im Technologiesektor waren Sorgen, dass sich die milliardenschweren Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) möglicherweise nicht so schnell auszahlen wie erhofft. Warsh betonte jedoch, dass Investitionen in diesen Bereich die US-Wirtschaft stark unterstützten. "Ich würde sagen, das Aufkommen dieser neuen Technologie ist wahrscheinlich die bedeutsamste Veränderung für die US- und die Weltwirtschaft in meinem bisherigen Leben", sagte der 56-Jährige bei einer Veranstaltung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank im thailändischen Bangkok. Auch für die Arbeit der Notenbanken sieht er Potenzial. Das sorgte für eine Erholung bei den Technologiewerten.
Ob aus dem rhetorischen Rückenwind "ein tragfähiges Grundgerüst für eine Jahresendrally entsteht, bleibt fraglich", gab Marktanalyst Timo Emden vom Broker Captrader zu bedenken. "Die aktuelle Schaukelbörse unterstreicht nach wie vor die undurchsichtige Gemengelage. Zwischen Zinsfragen, KI-Zweifeln und Krisenherden fehlt den Anlegern weiterhin der entscheidende rote Faden." Auch Kapitalmarktexperte Jürgen Molnar vom Broker RoboMarkets sieht die Börsenampel nach turbulenten Tagen zumindest wieder auf Gelb. Aus Sicht der Experten des Börsen- und Analyseportals Index Radar verlieren schlechte Nachrichten allmählich ihren Schrecken, weshalb die Korrektur im DAX an Dynamik verliert.
Der deutsche Leitindex profitiert dabei auch von seinem klassischen Branchenprofil. "Das oft als deutsches 'Industriemuseum' belächelte Börsenbarometer kann seiner Zusammensetzung derzeit durchaus etwas abgewinnen", stellte Salah-Eddine Bouhmidi, Analyst beim Handelshaus IG, fest. Während KI-Aktien unter Druck stünden, biete die geringere Technologie-Abhängigkeit dem DAX einen gewissen Schutz. Von einer grundlegenden Entspannung am Aktienmarkt könne jedoch noch keine Rede sein, warnte Marktstratege Andreas Lipkow vom Handelshaus CMC Markets: "Die hohen Energiepreise bleiben angesichts der militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten und der gestörten Lieferketten ein erheblicher Belastungsfaktor."
Rückenwind kam auch aus der Autoindustrie: Die Einigung von Frankreich und Deutschland über die Zukunft des Verbrennermotors in der EU hat die Aktien der Hersteller gestützt. So erholte sich der europäische Automobilsektor von seinem in der Vorwoche erreichten Sechsjahrestief. Unter den Einzelwerten legten im DAX die Papiere von Volkswagen, BMW und Mercedes um mehr als drei Prozent zu. Das abgeschwächte Ziel kommt den Wünschen der kriselnden deutschen Autohersteller entgegen. Diese könnten so weiter neue Benzin- und Dieselfahrzeuge verkaufen, solange ihre Neuwagenflotte den vorgeschriebenen Grenzwert einhält.
Außerdem setzte sich heute der Erholungsversuch der Rüstungsaktien fort. Die Papiere von Rheinmetall legten als Spitzenreiter im DAX um 6,3 Prozent zu. Im MDAX gewannen die Titel von TKMS, Renk und Hensoldt zwischen 4,4 und 6,0 Prozent. Die Papiere des Raumfahrt- und Technologiekonzerns OHB schafften es im Kleinwerte-Index SDAX mit 13 Prozent ins Plus.
Der Chipindustrie-Ausrüster Aixtron übertraf derweil im dritten Quartal sowohl beim Auftragseingang als auch bei der operativen Profitabilität die Analystenerwartungen. Mit einem Kursplus von 6,2 Prozent machten die Aktien einen Teil ihrer Vortagesverluste von fast 13 Prozent wegen der schlechten Tech-Stimmung wett. Ganz vorn im MDAX schnellte auch der Aktienkurs von Nordex um mehr als zwölf Prozent nach oben. Der Windkraftanlagenbauer überzeugte die Anleger mit einem überraschend guten dritten Quartal und einem optimistischeren Gewinnausblick.
Daneben rückte heute auch die Commerzbank in den Fokus. Die italienische Großbank UniCredit hat nach eigenen Angaben von der EZB grünes Licht erhalten, ihre Beteiligung an dem Frankfurter Geldhaus weiter auszubauen. Die Genehmigung erlaubt es ihr, die Schwelle von 30 Prozent des Kapitals zu überschreiten und ihren Anteil darüber hinaus weiter zu erhöhen. UniCredit bezeichnete die Entscheidung als Meilenstein auf dem Weg zu einer Übernahme der Commerzbank. Die Commerzbank-Aktie legte heute um knapp 0,5 Prozent zu.
Die Lufthansa prüft einem Pressebericht zufolge den Verkauf eines Teils ihres Software-Geschäfts. Eine Transaktion könne ein Volumen von nahezu einer Milliarde Euro haben, berichtete die Financial Times (FT) unter Berufung auf mit der Situation vertraute Personen. Der Konzern habe Banken eingeschaltet, um einen möglichen Verkauf von Geschäftsbereichen innerhalb ihrer Sparte Lufthansa Systems auszuloten, die IT-Dienstleistungen für die Luftfahrtbranche erbringen. Die Überlegungen befänden sich noch in einem frühen Stadium.
