Cargoboard digitalisiert Stückguttransporte und wächst rasant
Aus einer Azubi-Idee entstand Europas größte Plattform für Palettentransporte – mit 30 Prozent Wachstum pro Jahr.

Lukas Petrasch war Azubi in einer Spedition und programmierte schon immer gern. Als er im letzten Jahr seiner Ausbildung im Verkauf eingesetzt wurde, erkannte er die Ineffizienz des Geschäfts: Intransparente Preise, aufwendige Buchungen per E-Mail und Telefon, keine moderne Sendungsverfolgung. Seine Idee: eine Plattform, auf der man den Transport einer Palette so einfach bucht wie einen Flug oder einen Einkauf bei Amazon.
Seine Geschäftsidee begeisterte seinen Lehrherrn Andreas Hartmann vom Paderborner Familienkonzern Hartmann International so sehr, dass er ihm die Gründung eines Start-ups ermöglichte. Das war vor acht Jahren. Heute ist Petraschs Unternehmen Cargoboard die europaweit größte Plattform für Stückguttransporte – also Güter auf Paletten, die allein keinen Lkw füllen würden.
Vom Azubi zum Unternehmer
Mit jährlich 30 Prozent Wachstum kratzt Cargoboard bald an der Marke von 100 Millionen Euro Umsatz. „Wir bauen mit Cargoboard ein eigenes Logistiknetz für Stückgut-Transporte, dem sich immer mehr mittelständische Spediteure anschließen“, sagt der heute 29-jährige Petrasch. „Das Ziel ist, damit ein Gegenangebot zu Großspeditionen wie Dachser, DSV oder DHL Freight aufzubauen.“
Aktuell kommt das Wachstum verstärkt aus China. Hersteller beauftragen Cargoboard etwa damit, Geräte wie Klimaanlagen, Mini-Bagger, Fotovoltaik-Anlagen oder Batteriespeicher für Campingfahrzeuge aus europäischen Großlagern an Endkunden zu liefern.
Digitale Plattform gegen etablierte Konkurrenz
Speditionen gelten noch immer als „People-Business“. Die Digitalisierung stellt insbesondere Großkonzerne vor Herausforderungen. Sie kämpfen mit inkompatiblen Altsystemen und eingespielten Routinen. Mitunter haben sie an der durch Plattformen entstehenden Preistransparenz gar kein Interesse – Altkunden könnten entdecken, dass sie Mondpreise bezahlen.
Anfangs arbeitete Petrasch fast rund um die Uhr: Tagsüber machte er das Kundengeschäft für Hartmann, abends programmierte er die Software für das Start-up. Die Plattform macht die Buchung per Internet-Eingabemaske einfach und greift auf unterschiedlichste Systeme der Speditionen zu. In bis zu 98 Prozent der Fälle bucht sie Touren vollautomatisch. Eine KI prüft jeden Auftrag auf Plausibilität und ermittelt etwa, ob Gefahrgutunterlagen ausgestellt werden müssen – etwa bei Lithium-Ionen-Batterien.
Risikokapitalfinanzierte Konkurrenten abgehängt
Einen Teil der Kapazität kauft Cargoboard auf Vorrat ein. Inzwischen hält das mit einem „Asset-Light“-Konzept gegründete Unternehmen auch eigene Lkw bereit, die bei dringenden Anfragen einspringen. Cargoboard ist selbst die Spedition, die Verträge mit Kunden schließt und Aufträge an die Dispositionen ihrer Mitgliedsspeditionen vergibt. „Nur so können wir ein einheitliches Qualitätsmanagement sicherstellen“, sagt Petrasch.
Rüdiger Kabst, Professor an der Universität Paderborn, der das Start-up in der Gründungsphase begleitete, lobt die Entwicklung: „Cargoboard ist toll gewachsen. Gerade gegenüber mit Risikokapital finanzierten Konkurrenten hatten sie den Vorteil, dass sie in enger Kooperation mit einem Speditionsverbund arbeiten und von Anfang an auf dessen Netz zugreifen konnten.“
Cargoline als strategische Gesellschafterin
Die Hauptgesellschafterin von Cargoboard ist Cargoline, ein Zusammenschluss mittelständischer Spediteure, dem seit einigen Jahren auch Hartmann International angehört. Das Plattformgeschäft selbst zu besetzen, sei ein intelligenter Schachzug gewesen, sagt Kabst: „Dem Zusammenschluss, der damals noch größtenteils mit Telefon, E-Mail und Fax arbeitete, hätte sonst das Schicksal von Hotels gedroht, die einen Teil ihrer Marge an Buchungsplattformen verloren haben.“
In den letzten 1,5 Jahren kamen mehrere Hundert neue Frachtführer mit Flotten von fünf bis 50 Fahrzeugen hinzu. Und nebenher lindert Petrasch mit seiner digitalen Spedition den Lkw-Fahrermangel: „Wir sorgen mit unseren Kunden für eine höhere Auslastung der bereits fahrenden Lkw – und damit für weniger Verkehr auf den Straßen.“ Inzwischen werden 50.000 Ladungen im Monat transportiert – Tendenz steigend.
Kunden aus der „Höhle der Löwen“
Anfangs akquirierte Petrasch selbst Kunden, sprach etwa bei Unternehmen aus „Die Höhle der Löwen“ vor. Schlafforscher Markus Dworak von Smartsleep erinnert sich: „Vorher war das ein Riesenaufwand, Preise zu vergleichen. Jetzt können wir digital sogar taggleiche Abholungen buchen.“ Inzwischen versendet er palettenweise Bestellungen an B2B-Partner wie Galaxus, Otto oder XXXLutz sowie an Zentrallager von Kreuzfahrtunternehmen wie Aida oder Tui.
Größere Kunden wie Benteler Steel/Tube aus Paderborn haben sich für Cargoboard entschieden, um sämtliche Stückguttransporte „effizient, zuverlässig und mit hoher Transparenz mit nur einem Partner abzuwickeln“, sagt Einkaufsmanager Christian Hesse. Cargoboard habe eine Lösung geschaffen, die es Lieferanten ermöglicht, im Auftrag von Benteler Transporte in die Werke eigenständig zu beauftragen.
100 Mitarbeiter in Paderborn
Inzwischen arbeiten 100 Leute in einem Industriegebiet von Paderborn für Cargoboard, 20 davon programmieren, die anderen kümmern sich um die Kunden. Seit Neuestem arbeitet auch eine Taiwanerin in Paderborn – sie hilft, die schnell wachsende Zahl der Anfragen aus China zu beantworten. Längst hat Cargoboard eine eigene chinesischsprachige Maske gebaut. Unternehmen dort können die Schnittstelle zur Logistik direkt in ihre Internetangebote integrieren.
„Deutsche Unternehmen können von China lernen“, sagt Petrasch. „Hersteller dort denken die Logistik nicht mehr als Transport, sondern als Teil ihres Produkts.“
