ANZEIGE

Caddell zahlt 30,941 Millionen Euro im Mailänder Arbeitsausbeutungsfall

US-Baukonzern Caddell Construction verpflichtet sich, 30,941 Millionen Euro im Verfahren um das neue US-Konsulat in Mailand zu zahlen.

•• 5 Min
Caddell zahlt 30,941 Millionen Euro im Mailänder Arbeitsausbeutungsfall

Mailand, 27. September – Der US-Baukonzern Caddell Construction hat sich formal verpflichtet, 30,941 Millionen Euro (35,24 Millionen US-Dollar) im Rahmen einer Untersuchung zu zahlen, die die mutmaßliche Ausbeutung von Arbeitnehmern auf der Baustelle des neuen US-Konsulats in Mailand zum Gegenstand hat. Das geht aus einem Dokument hervor, das Reuters vorliegt. Die in Alabama ansässige Baufirma bestreitet dabei jede Verantwortung.

Nach dem Dokument, das das Unternehmen den Staatsanwälten in Mailand vorgelegt hat, verpflichtete sich Caddell, nahezu 20 Millionen Euro an Arbeitnehmer für Überstunden, Unterkunftszuschüsse und Entschädigungen für nicht-materielle Schäden zu zahlen. Caddell reagierte nicht auf eine Anfrage zur Stellungnahme. Bereits in einer im Juni veröffentlichten Erklärung hatte das Unternehmen erklärt, es kooperiere proaktiv mit den Justizbehörden und sei „bestrebt, Arbeitnehmer fair zu behandeln und zu bezahlen“.

Caddell Construction ist auf Großprojekte spezialisiert, darunter Aufträge für US-Botschaften und militärische Einrichtungen. Der Bau des US-Konsulats in Mailand begann im Jahr 2022. Der Vertrag war fast 210 Millionen US-Dollar wert, die Arbeiten waren ursprünglich für Ende 2025 geplant und wurden später auf 2028 verschoben.

Die Details

Die italienische Tochtergesellschaft von Caddell Construction wurde am 29. Mai unter Verdacht der Arbeitsausbeutung gestellt und der Gerichtsverwaltung unterstellt. Diese Maßnahme wurde zwei Wochen später von einem Richter bestätigt. Mailänder Staatsanwälte und die italienische Carabinieri-Polizei warfen dem Unternehmen vor, Arbeitnehmer über einen Vermittler in Neu-Delhi aus Indien angeworben und sie unter „erschöpfenden Schichten, mit unzureichender Bezahlung, ohne Sicherheitsvorkehrungen und unter ständiger Entlassungsdrohung“ beschäftigt zu haben.

Laut dem Dokument hat das Unternehmen zudem vereinbart, mehr als 7 Millionen Euro an die italienische Sozialversicherungsagentur INPS und fast 4 Millionen Euro an die Arbeitsinspektion zu zahlen. In dem Brief an die Mailänder Staatsanwälte, der vom Geschäftsführer von Caddell Construction, Michael Angelo Ranieri, unterzeichnet und von Reuters geprüft wurde, betonte das US-Unternehmen, seine Zusagen bedeuteten keineswegs ein Geständnis von Fehlverhalten. „Darüber hinaus implizieren sie keine Akzeptanz der rechtlichen und tatsächlichen Bewertungen durch die beteiligten Behörden“, hieß es weiter.

Zwei Quellen, die direkt mit der Angelegenheit befasst sind, gaben an, dass die Vereinbarung die Regularisierung von rund 500 Arbeitnehmern umfasst, die Anerkennung von Aufenthaltsgenehmigungen für 270 ausländische Arbeitnehmer durch den italienischen Staat sowie Arbeitslosengeld für 60 entlassene Arbeitnehmer. Eine der beiden Quellen sagte voraus, dass die Mailänder Staatsanwälte nach Zahlung der Beträge die Einstellung des Verfahrens gegen die italienische Einheit von Caddell beantragen würden. Dieselbe Quelle fügte hinzu, dass die Staatsanwälte voraussichtlich Vergleichsvereinbarungen mit zwei im Zuge der Untersuchung festgenommenen Führungskräften von Caddell anstreben würden.

Ein Sprecher des US-Außenministeriums erklärte Reuters im Juni, die US-Rechtsexekutiven würden mit den italienischen Behörden zusammenarbeiten, und betonte, dass „die US-Regierung Arbeitsausbeutung nicht duldet“.

Hintergrund: Was bisher geschah

Das Mailänder Verfahren ist die jüngste in einer Reihe von Untersuchungen zur Arbeitsausbeutung, die in den vergangenen Jahren vom Mailänder Staatsanwalt Paolo Storari durchgeführt wurden. Diese Ermittlungen haben Unternehmen dazu gezwungen, mehr als 60.000 Arbeitnehmern umfassendere Arbeitsrechte einzuräumen, und ermöglichten den Behörden, mehr als 1 Milliarde Euro (1,1 Milliarden US-Dollar) zurückzugewinnen. Gleichzeitig entfachten sie eine hitzige Debatte darüber, ob die italienische Justiz ihre Rolle überschreitet.

Bereits am 12.02.2026 berichtete aktien.news, dass die italienische Finanzpolizei die Amazon-Zentrale in Mailand durchsucht habe. Wie Reuters von zwei Insidern erfuhr, standen neue Steuerermittlungen gegen den US-Technologiekonzern im Raum; die Guardia di Finanza durchsuchte zudem die Wohnungen von sieben Amazon-Managern sowie Büroräume der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Im Zentrum steht die Frage, ob Amazon zwischen 2019 und 2024 über eine nicht gemeldete, feste Betriebsstätte in Italien verfügte.

Am 15.05.2026 berichtete aktien.news, dass das US-Justizministerium kurz davorstand, die strafrechtlichen Betrugsvorwürfe gegen den indischen Milliardär Gautam Adani einzustellen. Parallel einigte sich Adani auf eine Beilegung der zivilrechtlichen Betrugsklage der US-Börsenaufsicht SEC – vorbehaltlich der gerichtlichen Genehmigung – mit Zivilstrafen von insgesamt 18 Millionen Dollar, ohne ein Fehlverhalten einzugestehen.

Am 15.06.2026 berichtete aktien.news, dass der Oberste Gerichtshof der USA den Antrag von Macy’s abgewiesen hat, eine Entscheidung des National Labor Relations Board (NLRB) anzufechten. Die Behörde hatte den Einzelhändler verpflichtet, entlassene Mitarbeiter vollständig zu entschädigen. Am 22.09.2026 berichtete aktien.news über DoorDash, das einen Vergleich in Höhe von 131,5 Millionen US-Dollar mit der Stadtregierung von New York City abgeschlossen hat, nachdem ein städtisches Amt festgestellt hatte, dass der Essenslieferdienst Mitarbeiter zu wenig oder zu spät bezahlt hat.

Was das für Anleger bedeutet

Für deutsche Privatanleger illustriert der Fall ein Muster, das in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat: Italienische Staatsanwälte gehen verstärkt gegen mutmaßliche Arbeitsrechtsverstöße bei internationalen Konzernen vor. Die von Paolo Storari geführten Ermittlungen haben Unternehmen bereits zu umfassenderen Arbeitsrechten für mehr als 60.000 Beschäftigte gezwungen und den Behörden Rückzahlungen von mehr als 1 Milliarde Euro ermöglicht. Solche Verfahren können damit direkt auf die Kostenstruktur und das Reputationsrisiko von Unternehmen mit italienischen Standorten wirken.

Relevant ist das vor allem für Anleger, die in US-Multinationals mit Engagements in Italien investiert sind. Die archivierten Berichte zu Amazon, Adani, Macy’s und DoorDash zeigen, dass Arbeitsrechts- und Compliance-Verstöße in verschiedenen Branchen und Jurisdiktionen zu finanziellen Belastungen führen können. Der Blick auf vergleichbare Fälle lohnt, weil die Mailänder Praxis über den Einzelfall hinaus ein Signal für strengere Durchsetzung von Arbeitsstandards in Italien sendet. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.

Ausblick

Nach Darstellung der mit der Sache befassten Quellen wollen die Mailänder Staatsanwälte nach Zahlung der Beträge die Einstellung des Verfahrens gegen die italienische Einheit von Caddell beantragen. Zudem streben sie nach Angaben einer Quelle voraussichtlich Vergleichsvereinbarungen mit zwei im Zuge der Untersuchung festgenommenen Führungskräften an. Unabhängig davon bleibt der Bau des neuen US-Konsulats in Mailand mit einem ursprünglichen Auftragsvolumen von fast 210 Millionen US-Dollar bestehen; die ursprünglich für Ende 2025 geplante Fertigstellung wurde auf 2028 verschoben.

Kurz erklärt

  • Arbeitsausbeutung: Ausnutzung von Beschäftigten durch zu geringe Bezahlung und unzureichende Arbeitsbedingungen.
  • Gerichtsverwaltung: gerichtlich angeordnete Verwaltung eines Unternehmens durch einen bestellten Verwalter.
  • INPS: italienische Sozialversicherungsagentur, die Sozialbeiträge einzieht und Leistungen auszahlt.
Caddell ConstructionUs-Konsulat MailandArbeitsausbeutungArbeitsrechtsverstoßMailänder StaatsanwaltschaftINPSVergleichsvereinbarungBauunternehmen

Meistgelesene News

  1. Mercedes-Benz: Neue Regeln für mobiles Arbeiten stehen kurz bevor
  2. Volvo Cars kämpft mit EX60-Produktionsziel und Batterieplänen
  3. SpaceX-Aktie: Kann eine 5.000-Dollar-Investition zum Millionär machen?
  4. Ölpreise fallen: Asien importiert Höchstmenge Rohöl seit Iran-Krieg
  5. Ölpreis stabilisiert sich: USA und Iran prüfen gestaffelten Hormus-Deal

Disclaimer