Bank of England senkt erstmals seit 2020 Zinsen
Entscheidung fiel knapp, Inflation im Dienstleistungssektor bleibt hoch

Die Bank of England (BoE) hat den britischen Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 5,0 Prozent gesenkt. Diese Entscheidung, die am Donnerstag bekannt gegeben wurde, markiert die erste Zinssenkung seit dem Jahr 2020. Fachleute hatten mehrheitlich mit diesem Schritt gerechnet. Allerdings fiel die Entscheidung im neunköpfigen Gremium der Zentralbank denkbar knapp aus: Fünf Mitglieder stimmten für die Zinssenkung, vier dagegen. Der BoE-Chef Andrew Bailey gehörte zu den Befürwortern, während Chefökonom Huw Pill gegen die Maßnahme stimmte. Das Zinskomitee betonte, weiterhin vorsichtig agieren zu wollen und die Zinsen so lange im restriktiven Bereich zu halten, bis die Inflation nachhaltig bei zwei Prozent liege.
Seit Ende 2021 hatte die BoE insgesamt 14 Mal die Zinsen erhöht, zuletzt im August 2023. Die anhaltend hohe Inflation im Vereinigten Königreich war ein wesentlicher Grund für diese Zinserhöhungen. Im Mai und Juni 2024 stiegen die Verbraucherpreise jeweils um 2,0 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, obwohl Expertinnen und Experten Werte unterhalb von zwei Prozent erwartet hatten. Auch die Kerninflation, die schwankungsanfällige Güter wie Lebensmittel und Energie nicht berücksichtigt, lag in beiden Monaten bei 3,5 Prozent. Besonders stark war die Preissteigerung im Dienstleistungssektor, wo die Preise zuletzt um 5,7 Prozent zugenommen haben. Hotels, Restaurants und Gesundheitsdienstleister hoben ihre Preise kräftig an. Die angekündigten deutlichen Lohnzuwächse für Beschäftigte des Gesundheitswesens durch die neue Labour-Regierung trugen zur Skepsis einiger Zentralbank-Entscheider gegenüber niedrigeren Zinsen bei.
Die Befürworter der Zinssenkung konnten sich jedoch durchsetzen. Parallel zur Entscheidung veröffentlichte die Zentralbank Prognosen zur Entwicklung von Inflation und Wirtschaftsleistung in den kommenden Monaten. Die BoE rechnet damit, dass die Inflation in der zweiten Jahreshälfte wieder zunehmen wird, auf durchschnittlich 2,75 Prozent. Dieser Effekt ist überwiegend statistischer Natur, da die großen Schwankungen der Energiepreise nach Beginn des Ukrainekriegs nicht mehr in den Jahresvergleich einfließen werden.
Die eigentliche Begründung für den Zinsschritt liegt darin, dass die Mehrheit im BoE-Rat die Effekte der Hochzinspolitik nun in ihren Projektionen eintreten sieht. In zwei Jahren soll die Inflation bei 1,7 Prozent liegen, in drei Jahren bei nur noch 1,5 Prozent. Weitere Inflationsfaktoren wie Löhne dürften sich ebenfalls abschwächen, heißt es im Bericht zur Zinsentscheidung. Die vier Skeptiker im Gremium rechnen hingegen mit stärkeren Zweitrundeneffekten, also Lohn- und Preisanstiegen, die weitere Anstiege auslösen könnten. Sie argumentieren, dass die sinkende Inflation im Land vor allem auf Preisrückgänge im Ausland, insbesondere bei Lebensmitteln und Energie, zurückzuführen sei. Deshalb seien mehr Daten erforderlich, die klar für eine Zinssenkung sprechen.
Labour-Finanzministerin Rachel Reeves begrüßte die Entscheidung der Bank of England und nannte sie „willkommene Neuigkeiten“.
