Anthropic IPO: Analyst nennt Börsengang "lächerlichsten des Jahres"
New Constructs warnt vor einem "beispiellosen Test der Anleger-Gläubigkeit" beim geplanten Nasdaq-Listing des KI-Unternehmens.

Der geplante Börsengang (IPO) von Anthropic sorgt für erhebliche Skepsis. Das unabhängige Finanzforschungsinstitut New Constructs bezeichnete den bevorstehenden Gang an die Nasdaq in einer Notiz vom Dienstag als "den lächerlichsten IPO des Jahres 2026" und warnte vor einem historischen Risiko für die Finanzmärkte. Das KI-Unternehmen strebt Berichten zufolge eine Bewertung von 2 Billionen US-Dollar an.
New Constructs sieht in dieser Bewertung eine massive Diskrepanz zur fundamentalen Substanz. Das Institut stuft Anthropic lediglich mit 150 Milliarden US-Dollar ein und warnt, dass die Wall Street vor einem "beispiellosen Test der Anleger-Gläubigkeit" stehe. Um die angestrebte Bewertung zu rechtfertigen, müsste Anthropic nach Einschätzung des Instituts doppelt so viel Gewinn erzielt haben wie Nvidia, das wertvollste Technologieunternehmen der Welt.
Zahlen mit Sprengkraft
Der Vergleich fällt drastisch aus. Nvidias Nettogewinn in den letzten vier Quartalen belief sich auf mehr als 190 Milliarden US-Dollar. Demgegenüber stand bei Anthropic im Jahr 2025 ein Umsatz von 4,6 Milliarden US-Dollar einem Nettoverlust von 42 Milliarden US-Dollar gegenüber. Diese Angaben stützten sich auf eine in Umlauf gebrachte Kopie des Prospekts, berichtete Reuters.
Die wachsenden operativen Verluste des Unternehmens, kombiniert mit der steigenden Popularität offener Modelle, lassen New Constructs zufolge kein "tragfähiges Geschäftsmodell" erkennen. "Seit dem Aufkommen offener Modelle ist klar geworden, dass geschlossene Modelle Schwierigkeiten haben werden, Gewinne zu generieren", schrieb das Institut. Die Schlussfolgerung fällt eindeutig aus: "Wir glauben nicht, dass Anthropic über ein tragfähiges Geschäftsmodell verfügt."
Hinter der Kritik steht David Trainer, Gründer und CEO von New Constructs. Er hat sich an der Wall Street den Ruf eines berüchtigten Bären gegenüber Börsengängen erworben – und lag in der Vergangenheit mehrfach richtig. So bezeichnete sein Institut WeWork kurz vor dem geplanten IPO als "den lächerlichsten IPO des Jahres 2019". WeWork war privat mit 47 Milliarden US-Dollar bewertet worden, zog sein Börsenvorhaben jedoch nur sechs Wochen nach dem Bericht angesichts schwacher Nachfrage und heftiger Kritik an seinen Finanzen zurück. Im Jahr 2023 meldete das Unternehmen Insolvenz an.
Anthropic größeres Risiko als WeWork?
New Constructs zieht dennoch eine klare Linie zwischen beiden Fällen. "Zwar bietet Anthropic der Gesellschaft mehr als WeWork je tat, doch stellt sein IPO bei einer Bewertung von 2 Billionen Dollar weitaus größere Risiken dar und ist darauf ausgerichtet, eine weitaus größere Abzocke der US-Kapitalmärkte zu sein", heißt es in dem Bericht. Der Zweck des Börsengangs bestehe demnach nicht darin, Vermögen für Investoren an den öffentlichen Märkten zu schaffen, sondern vielmehr darin, Liquidität für die Wall-Street-Unterstützer des Unternehmens bereitzustellen. Anthropic reagierte nicht auf eine Anfrage zur Stellungnahme.
Allerdings hat sich New Constructs nicht immer als treffsicher erwiesen. Auch beim IPO von Allbirds im Jahr 2021 zeigte sich das Institut skeptisch. Das Schuhunternehmen debütierte an der Nasdaq und erreichte am ersten Handelstag eine Bewertung von 4,1 Milliarden US-Dollar. Anfang dieses Jahres verkaufte Allbirds seine Vermögenswerte für geschätzte 39 Millionen US-Dollar an die American Exchange Group und richtete seine Strategie auf KI aus. Ebenso lag New Constructs bei DoorDash daneben, das 2020 zum "lächerlichsten IPO" gekürt und mit WeWork verglichen wurde. DoorDash behauptete sich jedoch am öffentlichen Markt: Die Aktie stieg am ersten Handelstag im Dezember 2020 stark an und verlieh dem Unternehmen eine Marktkapitalisierung von über 60 Milliarden US-Dollar. Dieser Wert ist seither auf 83 Milliarden US-Dollar gewachsen.
Trainer räumte 2021 in einem Interview mit CNBC ein, dass "verrückte Dinge passieren" und New Constructs nicht immer recht habe. "Das darf mich nicht aus der Fassung bringen", sagte er damals. "Ich muss bei dem bleiben, was ich für richtig halte."
Anthropic hat seinen Prospekt bislang noch nicht veröffentlicht, weshalb New Constructs die eigentliche Einreichung nicht gesehen hat. Das Institut bezog sich auf bereits berichtete Zahlen, darunter ein Bericht der New York Times vom September, wonach das Unternehmen bis Ende 2026 annualisierte Einnahmen von 100 Milliarden US-Dollar erzielen werde. Ende Juli gab Anthropic an, dass seine annualisierte Umsatzrate im Vergleich zum Vorjahr siebenfach auf 65 Milliarden US-Dollar gestiegen sei.
Zusätzlich verweist New Constructs auf die eigene Kommunikation des Unternehmens: Anthropics Behauptung, KI könne "ein katastrophales oder existenzielles Risiko für die Menschheit" darstellen, sei ein weiterer Grund, warum Anleger den IPO meiden sollten. "Obwohl wir nicht das Glück hatten, zu den wenigen zu gehören, denen Anthropics S-1 selektiv offengelegt wurde, zeigen die Berichte über die geleakten Finanzdaten mehr als genug, um die gewaltigen Risiken einer Investition in diesen IPO einzuschätzen", schrieb das Institut.
