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Accell-Insolvenz: Winora und Ghost in deutschem Insolvenzverfahren

Der Fahrrad-Riese Accell ist zahlungsunfähig – deutsche Traditionsmarken wie Winora und Ghost kämpfen nun ums Überleben.

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Accell-Insolvenz: Winora und Ghost in deutschem Insolvenzverfahren

Die europäische Fahrradindustrie erlebt einen beispiellosen Einbruch: Die niederländische Accell-Gruppe, einer der bedeutendsten Akteure des Sektors, ist zahlungsunfähig. Zu dem Konzern gehören namhafte Marken wie Haibike, Winora, Ghost, Batavus und Raleigh. Die Krise hat nun auch den deutschen Markt mit voller Wucht getroffen.

Das Amtsgericht Schweinfurt hat für die deutsche Holding der Accell-Gruppe sowie für die Tochtergesellschaften Winora Staiger GmbH, Ghost Bikes GmbH und Engelbert Wiener Bike-Parts GmbH ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung angeordnet. Als vorläufiger Sachwalter wurde der Nürnberger Rechtsanwalt Stefan Debus bestellt. Der Geschäftsbetrieb soll vorerst fortgeführt werden.

Die betroffenen deutschen Standorte in Sennfeld bei Schweinfurt und Waldsassen beschäftigen rund 370 Mitarbeiter und erwirtschafteten im Jahr 2025 einen Umsatz von 340 Millionen Euro. Die Löhne und Gehälter der Belegschaft sind über das Insolvenzgeld gesichert. Das erklärte Ziel der Eigenverwaltung ist es, Investoren zu finden und die deutschen Einheiten aus dem instabilen Geflecht der niederländischen Muttergesellschaft herauszulösen.

Vom Corona-Boom in die Krise

Die Schieflage der Accell-Gruppe ist das Resultat einer jahrelangen, tiefgreifenden Branchenkrise. Nach dem beispiellosen Boom während der Corona-Pandemie, in dem die Nachfrage nach Fahrrädern und E-Bikes explodierte, überschätzte die Industrie das langfristige Wachstumspotenzial. Accell und viele Wettbewerber bauten massiv Kapazitäten auf und füllten die Lager – während gleichzeitig Lieferkettenprobleme und explodierende Logistikkosten die Margen belasteten.

Als die Nachfrage nach der Pandemie abebbte, blieben die Händler auf vollen Lagern sitzen. Die daraufhin eingeleiteten Rabattschlachten zur Liquiditätsbeschaffung beschädigten die Profitabilität der gesamten Branche nachhaltig. Laut Analysen des Beratungshauses EY sank der Gesamtumsatz des europäischen Fahrradmarktes im Jahr 2025 auf 17,4 Milliarden Euro – ein deutlicher Rückgang gegenüber den über 22 Milliarden Euro im Jahr 2022.

Die finanzielle Instabilität von Accell wurde zudem durch interne Faktoren verschärft. Nachdem der US-Finanzinvestor KKR die Gruppe 2022 für rund 1,6 Milliarden Euro übernommen hatte, wurde ein Teil des Kaufpreises als Schuldenlast in die Bilanz des Unternehmens integriert. Trotz wiederholter finanzieller Stützungsmaßnahmen und einer Einigung mit Gläubigern im Februar 2024, bei der KKR ausstieg, konnte der Konzern nicht gerettet werden. Zusätzlich beschädigte ein massiver Rückruf der Lastenradmarke Babboe aufgrund von Sicherheitsmängeln und Rahmenbrüchen das Image der Gruppe im DACH-Raum erheblich.

Gescheiterter Verkauf und mögliche Käufer

Ein geplanter Verkauf der gesamten Accell-Gruppe an den asiatischen Investor Tri Star Group – eine Tochter der Dutech-Group – scheiterte im Juli überraschend, obwohl das Bundeskartellamt den Deal bereits freigegeben hatte. Experte Florian Schöps von der Handelsberatung BBE vermutet, dass Dutech nach einer tiefergehenden Prüfung der finanziellen Risiken von einer Komplettübernahme Abstand nahm.

Es gilt jedoch als wahrscheinlich, dass Dutech oder andere Investoren nun versuchen könnten, gezielt attraktive Marken aus der Gruppe herauszukaufen. Als besonders begehrt gelten dabei:

  • Haibike
  • Ghost
  • Lapierre
  • Raleigh
  • Winora
  • Teilelieferant XLC

Für Marken wie Koga, Sparta oder Babboe wird die Zukunft hingegen als deutlich schwieriger eingeschätzt.

Schockwellen für den deutschen Fahrradhandel

Für den deutschen Fahrradmarkt hat die Pleite eine hohe psychologische Signalwirkung. „Accell gehört zu den Größten der Branche, für viele ist das ein Schock, so wie der bei BMW angekündigte Stellenabbau ein Schock für die Autoindustrie war", konstatiert Experte Schöps.

Während der Wegfall der Marken für den Endverbraucher aufgrund der geringen Markentreue und stabiler Marktanteile anderer Hersteller verkraftbar sein dürfte, stehen viele Fachhändler vor akuten Problemen. Da sich die Branche derzeit in der wichtigen Bestellphase für das Jahr 2027 befindet, müssen Händler nun dringend prüfen, ob bestellte Ware überhaupt noch geliefert wird und welche Alternativen zur Verfügung stehen.

Die Insolvenz von Accell reiht sich ein in eine lange Liste prominenter Branchenpleiten – darunter Prophete, Van Moof und Simplon. Sie unterstreicht die Notwendigkeit einer schmerzhaften Marktkonsolidierung in der europäischen Fahrradindustrie.

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