Zeugenbericht deckt Wirecard-Finanzen auf
Milliardenverluste und fragwürdige Einnahmen vor der Insolvenz enthüllt

Im Münchener Wirecard-Prozess sorgt ein wichtiger Zeuge für neue Erkenntnisse über die finanzielle Situation des Unternehmens vor der Pleite im Juni 2020. Der Berater von FTI Andersch, einer auf Krisenmanagement spezialisierten Unternehmensberatung, äußerte, dass bei Wirecard ein enormer Kapitalschwund stattgefunden habe. Er bezifferte den Verlust auf etwa zehn Millionen Euro pro Woche. Die Beratung wurde auf Veranlassung der Gläubigerbanken eingeschaltet, um die Finanzlage des Unternehmens zu untersuchen.
Laut dem Zeugen ergab die Analyse, dass zwischen 2015 und 2020 netto nahezu 500 Millionen Euro aus Wirecard abflossen. Ein wesentlicher Teil der in den Bilanzen ausgewiesenen Gewinne sei demnach von den sogenannten Drittpartnern (TPA) im Mittleren Osten und in Südostasien generiert worden, die im Auftrag von Wirecard Kreditkartenzahlungen abwickelten. Der Zeuge machte deutlich, dass andere Geschäftsbereiche von Wirecard kaum zum Gesamtergebnis beitrugen, was die Frage aufwarf, ob das Unternehmen ohne die TPA-Erlöse in der Lage gewesen wäre, Gewinne zu erzielen.
Die Erlöse aus dem TPA-Geschäft wurden auch auf den Treuhandkonten in Südostasien verbucht, auf deren Verbleib die Krisenberater keinen Hinweis finden konnten. Dies wirft Fragen zur Authentizität dieser Einnahmen auf, da die Insolvenz des Unternehmens keine Reaktionen der angeblichen Geschäftspartner auslöste. Der Berater stellte fest, dass sich niemand von den TPA-Partnern oder den Händlern meldete, was als ungewöhnlich erschien.
Der ehemalige Wirecard-Vorstandschef Markus Braun, der seit über vier Jahren in Untersuchungshaft sitzt, wies die Darstellung des Zeugen zurück. Er behauptete, dass das Unternehmen zwischen 2014 und 2018 einen Rohertrag von rund 1,4 Milliarden Euro aus dem Nicht-TPA-Geschäft erzielt habe. Braun bestreitet alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe und beschuldigt andere Führungskräfte, darunter den abgetauchten Vertriebsvorstand Jan Marsalek und den angeklagten Kronzeugen Oliver Bellenhaus, Milliarden aus tatsächlichen Geschäften veruntreut zu haben. Der Prozess wird fortgesetzt und könnte weitere Enthüllungen über die Machenschaften bei Wirecard ans Licht bringen.
