Wettbewerb auf der Schiene nimmt Fahrt auf
Neue Anbieter und Expansionspläne verändern den internationalen Bahnmarkt in Europa

Das internationale Bahnnetz in Europa wächst rapide, getrieben von neuen Marktteilnehmern und steigender Nachfrage. Der britische Unternehmer Richard Branson hat mit seinem Unternehmen Virgin Interesse bekundet, in den Wettbewerb um Verbindungen durch den Eurotunnel einzusteigen. Ziel ist es, eine Alternative zum Eurostar auf der Strecke zwischen London und Paris zu etablieren. Der Bedarf an grenzüberschreitenden Zugverbindungen ist groß, im Jahr 2023 wurden knapp elf Millionen Eurostar-Tickets verkauft, wobei die Preise für Kurzentschlossene bis zu 300 Euro pro Fahrt betragen können. Die Betreibergesellschaft des Eurotunnels, Getlink, signalisierte bereits vor Jahren ihre Bereitschaft, interessierten Bahnunternehmen finanzielle Unterstützung anzubieten, um die Kapazitäten im Tunnel besser zu nutzen.
Neben Virgin prüfen weitere große europäische Bahnunternehmen den Markteintritt auf dieser Strecke. Die französische Staatsbahn SNCF sowie die italienische Trenitalia erwägen ebenfalls eine Expansion. Auch die Deutsche Bahn beschäftigt sich seit Januar mit der Möglichkeit, einen ICE von London nach Deutschland fahren zu lassen. Diese Entwicklungen sind Teil eines generellen Trends: Der internationale Schienenverkehr innerhalb Europas erfährt eine zunehmende Dynamik. Die Zahl der grenzüberschreitenden Verbindungen wächst kontinuierlich, während die Deutsche Bahn nach eigenen Angaben ihre internationalen Fahrten seit dem Fahrplanwechsel im Dezember auf über 330 pro Tag gesteigert hat. Dies entspricht einer Erhöhung um rund 25 Prozent im Vergleich zu 2019. Besonders hervorzuheben ist die neue Direktverbindung zwischen Berlin und Paris.
Auch andere europäische Bahnunternehmen setzen verstärkt auf internationale Verbindungen. Die österreichische ÖBB hat ihr Nachtzug-Angebot mit 33 neuen Strecken nach Deutschland erweitert. Zusätzlich entstehen durch neue Anbieter, wie den niederländischen Betreiber European Sleeper, weitere Angebote für Reisende. Eine exakte Erfassung des gesamten Marktwachstums gestaltet sich schwierig, da umfassende Daten fehlen. Dennoch zeigen Statistiken von Buchungsplattformen wie Trainline, dass die Nachfrage nach grenzüberschreitenden Bahnreisen in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Der zunehmende Wettbewerb sorgt für ein breiteres Angebot, wenngleich strukturelle Herausforderungen bestehen bleiben.
Die technische Vielfalt der europäischen Bahnsysteme stellt nach wie vor eine Hürde für den internationalen Schienenverkehr dar. Unterschiedliche Signal- und Fahrzeugtechniken sowie verschiedene Spurweiten erschweren den reibungslosen Betrieb über Landesgrenzen hinweg. Die Europäische Union hat bereits vor mehr als einem Jahrzehnt Maßnahmen zur Marktöffnung ergriffen, um nationale Schranken abzubauen. Besonders in Spanien, Frankreich und Italien zeigen sich mittlerweile deutliche Fortschritte. Die dortigen Staatsbahnen sehen sich nicht nur neuer Konkurrenz auf heimischen Strecken gegenüber, sondern nutzen die Liberalisierung auch für eigene Expansionen. In Spanien beispielsweise haben Fahrgäste auf der Strecke zwischen Barcelona und Madrid inzwischen die Wahl zwischen vier Anbietern, darunter eine Tochtergesellschaft der SNCF sowie ein Ableger von Trenitalia.
Die verstärkte Marktöffnung hat zudem Auswirkungen auf die Preisgestaltung. In Spanien haben sich die Ticketverkäufe im Jahr 2024 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, während die Preise um fast 60 Prozent gesunken sind. Ähnliche Entwicklungen sind auch in Frankreich und Italien zu beobachten. Dennoch bleibt das Potenzial für neue Verbindungen hoch. Laut einer Auswertung von Greenpeace wären theoretisch dreimal mehr Direktverbindungen zwischen europäischen Metropolen möglich, als aktuell angeboten werden. Von den 990 untersuchten Strecken mit einer maximalen Zugfahrzeit von 18 Stunden werden 69 Prozent per Direktflug angeboten, jedoch nur 12 Prozent als Direktverbindung mit der Bahn. Gründe dafür sind unter anderem hohe Betriebskosten durch unterschiedliche Sicherheitssysteme und sprachliche Anforderungen an das Zugpersonal.
Die Deutsche Bahn betont in diesem Zusammenhang, dass eine stärkere Harmonisierung der Infrastrukturen erforderlich sei, um den internationalen Schienenverkehr weiter auszubauen. Eine von der Bahn im Jahr 2023 veröffentlichte Studie verweist darauf, dass insbesondere der Ausbau des europäischen Schnellstreckennetzes durch staatliche Investitionen gefördert werden müsse. Trotz bestehender Herausforderungen zeigt die Entwicklung in Ländern wie Spanien, Frankreich und Italien, dass der Wettbewerb neue Angebote schaffen kann, wenn Unternehmen entsprechende Marktchancen nutzen.
Die Dynamik im internationalen Bahnverkehr könnte langfristig weitreichende Auswirkungen auf die europäische Verkehrsinfrastruktur haben. Insbesondere durch den Einstieg neuer Marktakteure könnte sich der Wettbewerb weiter verschärfen. Die Deutsche Bahn sieht sich dabei zunehmend mit Konkurrenz aus anderen europäischen Ländern konfrontiert, während Unternehmen wie Virgin unter der Führung von Richard Branson versuchen, sich frühzeitig Marktanteile zu sichern. Welche Rolle die Deutsche Bahn in diesem sich wandelnden Marktumfeld einnehmen wird, bleibt abzuwarten.
