Vom Innovationsführer zur stagnierenden Direktbank
Wie die Comdirect unter der Commerzbank an Dynamik verlor

Die Comdirect galt einst als Vorreiter im deutschen Online-Banking und beeindruckte mit innovativen Produkten sowie aggressiv niedrigen Preisen. Gegründet von der Commerzbank, entwickelte sich die Tochterbank schnell zu einem selbstbewussten Akteur, der sich durch Unabhängigkeit und Fortschrittsgeist auszeichnete. Bereits 1996 bot die Comdirect ein gebührenfreies Internetkonto an, 2007 folgte ein Sparplan für ETF-Fonds, und 2010 eine erste iPhone-App. Diese Innovationskraft prägte das Selbstverständnis der Mitarbeiter, die sich bewusst von der konservativeren Mutterbank abgrenzten.
Mit der Rückübernahme aller Aktien durch die Commerzbank im Jahr 2019 und der damit verbundenen Börsenrückzug begann jedoch ein Wandel. Die Integration in den Konzern brachte eine straffere Bürokratie und verlangsamte Entscheidungsprozesse. Die Comdirect verlor an Innovationsdynamik und sah sich zunehmend von Wettbewerbern wie Trade Republic und Flatex überholt, die mit neuen Produkten und attraktiven Konditionen Millionen von Kunden gewannen. Im Gegensatz dazu stagnierte das Kundenwachstum der Comdirect, das von 2,75 Millionen im Jahr 2019 nur leicht auf rund drei Millionen anstieg.
Ein weiterer Kritikpunkt ist das Preisniveau der Comdirect. Während Wettbewerber kostengünstige oder gar gebührenfreie Angebote für Aktienkäufe und Fondssparpläne machen, verlangt die Comdirect für viele Dienstleistungen Gebühren, die im Vergleich als hoch gelten. Trotz gestiegener Vermögenswerte, die von 80 auf 135 Milliarden Euro anwuchsen, ist dieser Zuwachs vor allem dem allgemeinen Börsenaufschwung zu verdanken und weniger ein Indikator für organisches Wachstum.
Intern sorgt auch die Unternehmenskultur für Spannungen. Die einstige Abgrenzung zur Mutterbank hat zu Rivalitäten geführt, die die Zusammenarbeit erschweren. Offizielle Verlautbarungen der Comdirect betonen zwar Stabilität und einen Fokus auf qualitativ hochwertigen Kundenservice, doch ehemalige Mitarbeiter sehen Handlungsbedarf. Sie hoffen, dass eine mögliche Übernahme der Commerzbank durch UniCredit der Comdirect neuen Schwung verleihen könnte, da UniCredit-Chef Andrea Orcel das Potenzial des Onlineinstituts vermutlich schneller erkennen würde als das aktuelle Management der Commerzbank.
