US-Renditesprung trifft Hypothekenmarkt: Convexity Hedging erhöht Druck
Steigende US-Anleiherenditen lösen Absicherungsgeschäfte im Hypothekensektor aus und verstärken den Verkaufsdruck auf Staatsanleihen.

Der starke Anstieg der Renditen für langlaufende US-Staatsanleihen hat Absicherungsgeschäfte im Hypothekensektor ausgelöst, die den Verkaufsdruck auf einen bereits angespannten Anleihenmarkt weiter erhöhen. Die Renditen der richtungsweisenden 10-jährigen US-Staatsanleihen sind seit Ende Februar um etwa 130 Basispunkte gestiegen, die 30-jährigen Renditen kletterten um 100 Basispunkte. Als Treiber gilt der kriegsbedingte Ölpreisanstieg, der Erwartungen für mehrere Zinserhöhungen der Federal Reserve in den nächsten zwölf Monaten geweckt hat.
Der Renditeanstieg hat die Zinsen für 30-jährige Hypotheken auf ein fast Dreijahreshoch von 7,4 Prozent getrieben. Viele Hausbesitzer halten deshalb an bestehenden Krediten fest, anstatt sie umzufinanzieren – ein Verhalten, das bei sinkenden Zinsen typischerweise anders aussieht. Wenn die Zinsen steigen, verlängert sich die erwartete Laufzeit von hypothekenbesicherten Wertpapieren (MBS), was diese empfindlicher gegenüber weiteren Renditebewegungen macht.
Die Details
MBS-Investoren reagieren auf diese Verschiebung, indem sie entweder Treasury-Futures verkaufen oder Zinsswaps kaufen – ein Prozess, der als „Convexity Hedging" bekannt ist und effektiv die Duration eines Vermögenswerts reduziert. MBS sind Pools aus Tausenden von Immobilienkrediten, durch die Anleger Cashflows aus den monatlichen Tilgungs- und Zinszahlungen der Hausbesitzer erhalten. Da diese Cashflows vom Refinanzierungsverhalten beeinflusst werden, verschiebt sich ihr Risikoprofil bei Zinsänderungen erheblich.
Mike Riddle, Chief Executive Officer bei Eris Innovations, einem in Chicago ansässigen Entwickler von Futures- und Optionsprodukten, beschreibt die aktuelle Lage präzise: „Der Markt trägt eine beträchtliche Kohorte von Hypotheken, die in den letzten drei Jahren zu Kupons vergeben wurden, die relativ nah an den aktuellen Hypothekenzinsen liegen." Sollten die Hypothekenzinsen weiter steigen und die Möglichkeit einer weiteren Straffung der Geldpolitik bestehen bleiben, könne die erwartete Duration dieser Kredite signifikant auf den nächsten substanziellen Zinsschritt reagieren – was zusätzliche Absicherungen und damit zusätzlichen Verkaufsdruck bei Staatsanleihen erforderlich machen würde.
In den Zinsmärkten sind in den letzten Wochen konkrete Anzeichen für diese Absicherungsaktivitäten aufgetaucht. Bis zur ersten Oktoberwoche wurden neun Megablock-Trades in an der CME notierten Eris-Swap-Futures ausgeführt, die an die Secured Overnight Financing Rate (SOFR) gebunden sind. Jeder dieser Trades wies laut Riddle ein Exposure von mindestens 200.000 Dollar gegenüber einer Bewegung der Zinssätze um einen Basispunkt auf. Das tägliche Volumen bei Eris SOFR Swap Futures erreichte im Vorfeld der geldpolitischen Sitzung der Federal Reserve am 16. September aufeinanderfolgende Rekorde. Das Open Interest – die Anzahl der offenen Kontrakte, die noch nicht glattgestellt wurden – stieg am 21. September auf einen Rekordwert von 866.768 Kontrakten und verdoppelte damit das Niveau des Vorjahres mehr als.
Die deutliche Underperformance von MBS gegenüber Staatsanleihen bestätigt das Bild. Laut einer aktuellen Analyse von Annaly Capital Management, einem der größten Real Estate Investment Trusts für Hypotheken, blieben MBS im September um 96 Basispunkte hinter Staatsanleihen mit vergleichbarer Duration zurück – die schwächste monatliche Performance seit den Turbulenzen im Bankensektor im März 2023. Die Spreads von MBS gegenüber Staatsanleihen weiteten sich im September ebenfalls um etwa 13 Basispunkte auf 125 Basispunkte aus, wie AGNC Investment Corp berichtet. Dies signalisiert, dass Hypothekenpapiere stärker verkauft wurden als Staatsanleihen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Das Phänomen ist nicht neu, gewinnt aber an Brisanz. Bereits am 4. Juni 2026 berichtete aktien.news, dass am US-Anleihemarkt die sogenannte „Bestie" der Hypothekenabsicherung zurückgekehrt sei. Damals beobachtete Vishal Khanduja große Wellen von Futures-Verkäufen, die den Markt genau zu jenem Zeitpunkt trafen, als hypothekenbesicherte Wertpapiere besonders stark unter Druck gerieten – ein struktureller Mechanismus, der den Markt in turbulenten Phasen zusätzlich belastet.
Am 7. Oktober 2026 warnte aktien.news erneut, dass der Handel mit der Konvexität von US-Hypothekenpapieren einen technischen Mechanismus darstellt, der vielen Anlegern kaum bekannt ist. Investoren warnten damals, der Markt für US-Staatsanleihen sei von einer „teufelskreisartigen" Verkaufswelle erfasst. Bereits am 24. Juli 2026 hatte aktien.news gemeldet, dass die Renditen für US-Staatsanleihen nahe ihrer Mehrmonatshochs verharrten, wobei ein Anstieg des Rohölpreises über 100 Dollar pro Barrel sowie neu eingeführte Importzölle zwischen 10 und 12,5 Prozent die Inflationssorgen deutlich verschärft hatten. Am 30. September 2026 meldete aktien.news schließlich, dass die Rendite der 30-jährigen US-Treasury-Anleihe auf 5,62 Prozent gestiegen war – das höchste Niveau seit Juni 2002.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in US-Anleihen oder MBS-Produkte investiert sind, ist die Dynamik des Convexity Hedging ein wichtiger Risikofaktor. Steigen die Renditen weiter, können Absicherungsgeschäfte den Verkaufsdruck auf Staatsanleihen selbst dann verstärken, wenn keine fundamentalen Neuigkeiten vorliegen. Amrut Nashikkar, Leiter der Derivatestrategie bei Barclays, gibt jedoch Entwarnung für das schlimmste Szenario: „Immer größere Teile des MBS-Universums liegen deutlich ‚aus dem Geld', was bedeutet, dass kein Refinanzierungsanreiz und somit kein vorzeitiges Rückzahlungsrisiko besteht. Dies macht weitere Ausverkäufe weniger destabilisierend."
Neil Sun, Portfoliomanager bei BlueBay Asset Management, ergänzt, dass der größte Verkaufsdruck möglicherweise bereits vorüber sei, falls sich die Zinsen auf ihrem aktuellen Niveau stabilisieren. Abgesehen von zyklischen Faktoren sei der Hypothekenmarkt selbst nicht mehr groß genug, um denselben Einfluss auf die Treasury-Renditen auszuüben wie früher. James Wang, Leiter Makroökonomie bei der US Bank, weist darauf hin, dass der Hypothekenmarkt viel kleiner sei als jener, der die Schwankungen am Anleihenmarkt vor der Finanzkrise 2008 verstärkt habe. Die Hypothekenportfolios der staatlich geförderten Wohnungsbaugesellschaften Fannie Mae und Freddie Mac sind seit der Krise erheblich geschrumpft – und damit auch ihr Einfluss auf die Renditekurve.
Ausblick
Die entscheidende Frage bleibt, wie stark die Absicherungsflüsse zum allgemeinen Renditeanstieg beitragen. Analysten sagen, dass der Effekt tendenziell nachlässt, wenn die Renditen steigen, da mehr Hypotheken „eingeloggt" werden und ihre Sensitivität gegenüber Zinsänderungen sinkt. Sollten die Hypothekenzinsen jedoch weiter steigen und die Möglichkeit einer weiteren geldpolitischen Straffung durch die Federal Reserve bestehen bleiben, könnte die erwartete Duration der betroffenen Kredite signifikant reagieren – mit der Folge weiterer Absicherungsgeschäfte und zusätzlichem Verkaufsdruck auf US-Staatsanleihen.
Kurz erklärt
- Convexity Hedging: Absicherungsstrategie von Hypothekeninvestoren, bei der Treasury-Futures verkauft oder Zinsswaps gekauft werden, um das Durationsrisiko bei steigenden Zinsen zu reduzieren.
- MBS (Mortgage-Backed Securities): Wertpapiere, die durch Pools von Immobilienkrediten besichert sind und Anlegern Cashflows aus Tilgungs- und Zinszahlungen der Hausbesitzer liefern.
- Open Interest: Kennzahl an Terminmärkten, die die Anzahl der offenen, noch nicht glattgestellten Kontrakte angibt und als Maß für die Marktaktivität gilt.
