US-Raffinerien profitieren massiv von globaler Energieknappheit durch Kriege
Valero, Marathon Petroleum und Phillips 66 steuern auf Rekordgewinne zu – Diesel kostet in den USA bereits 6,53 Dollar pro Gallone.

Die größten US-amerikanischen Raffineriebetreiber stehen vor einem außergewöhnlichen dritten Quartal. Wall-Street-Analysten prognostizieren, dass Valero Energy, Marathon Petroleum und Phillips 66 ihre Beinahe-Rekordgewinne aus dem zweiten Quartal noch übertreffen werden. Treiber sind die anhaltenden Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine, die weltweit zu einer hektischen Suche nach Kraftstoffen geführt haben.
Alle drei Unternehmen verzeichneten im zweiten Quartal – das im Juni endete – ihre höchsten Gewinne seit Beginn des russischen Krieges in der Ukraine. Die Raffinerien erzielen rekordhohe Margen bei Diesel und anderen Kraftstoffen, während die weltweiten Vorräte schrumpfen und die Preise in die Höhe schießen. Die USA sind dadurch faktisch zum letzten großen Kraftstofflieferanten der Welt geworden.
Die Details
Das Herzstück des Gewinnanstiegs ist der sogenannte „Crack Spread": Der Ölpreis ist zwar gestiegen, jedoch langsamer als die Preise für raffinierte Kraftstoffe einschließlich Diesel. Da sich die Schere zwischen dem Rohölpreis und dem Kraftstoffpreis weiter öffnet, verdienen die Raffinerien an jeder produzierten Gallone Kraftstoff mehr. Dieser Mechanismus macht die aktuellen geopolitischen Verwerfungen für die Branche besonders lukrativ.
Die inländischen Dieselpreise in den USA haben zuletzt einen Rekordwert von durchschnittlich 6,53 Dollar pro Gallone erreicht. Ursächlich für die globale Kraftstoffknappheit sind mehrere Faktoren gleichzeitig: das Wiederaufflammen des Iran-Krieges, beeinträchtigte Raffinerien im Nahen Osten sowie ukrainische Drohnenangriffe, die Anlagen in Russland beschädigt haben. Hinzu kommt, dass China und andere asiatische Länder ihre Kraftstoffexporte zurückgefahren haben – was das globale Angebot weiter verknappt.
Die Kombination dieser Faktoren hat die USA in eine einzigartige Marktposition gebracht. Als einer der wenigen verbliebenen großen Kraftstoffexporteure der Welt profitieren amerikanische Raffinerien von einer Nachfrage, die weit über die normalen Kapazitäten hinausgeht. Unabhängige Kraftstoffhersteller – sogenannte „Pure-Play"-Raffinerien – sind dabei die größten Nutznießer dieser Entwicklung.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Entwicklung ist der vorläufige Höhepunkt einer Gewinnserie, die sich über mehrere Quartale aufgebaut hat. Bereits am 17.07.2026 berichtete aktien.news, dass die Margen der US-Raffinerien den dritten Handelstag in Folge ein neues Rekordhoch erreicht hatten. Der sogenannte 3-2-1 Crack-Spread – die meistgenutzte Benchmark für die Rentabilität von US-Raffinerien – stieg damals um über 2 Prozent und schloss bei 69,66 US-Dollar pro Barrel, einem historischen Rekordwert.
Am 14.08.2026 meldete aktien.news, dass Marathon Petroleum, Phillips 66 und Valero Energy im zweiten Quartal zusammen einen kombinierten Gewinn von 12,6 Milliarden US-Dollar erzielt hatten – der höchste Wert seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Als Treiber galt damals bereits der anhaltende Iran-Konflikt, der die Gewinne und Cashflows der US-Kraftstoffhersteller beflügelte.
Am 02.10.2026 berichtete aktien.news schließlich, dass acht börsennotierte unabhängige Raffinerien voraussichtlich kombinierte Gewinne von 32,4 Milliarden Dollar in den beiden Quartalen seit Kriegsbeginn ausweisen werden – im Vergleich zu 6,8 Milliarden Dollar im selben Vorjahreszeitraum. Die Umsätze wurden laut einer FT-Analyse bei 325,5 Milliarden Dollar prognostiziert, gegenüber 242,9 Milliarden Dollar im Vorjahr. Dieser mehr als vierfache Gewinnanstieg verdeutlicht das außergewöhnliche Ausmaß der aktuellen Marktdynamik.
Bereits am 16.05.2026 hatte aktien.news berichtet, dass US-Raffineriebetreiber erstmals seit Jahren wieder solide Gewinne mit erneuerbaren Kraftstoffen erzielten – ein weiterer Baustein der breit angelegten Erholung der Branche, die durch stark gestiegene Dieselpreise infolge des US-israelischen Krieges gegen den Iran angetrieben wurde.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in US-Energieaktien investiert sind oder dies erwägen, ist die aktuelle Lage vielschichtig. Valero Energy (VLO), Marathon Petroleum (MPC) und Phillips 66 (PSX) sind an der Wall Street notiert und für europäische Anleger über die meisten Depotbanken handelbar. Die Unternehmen befinden sich in einem Marktumfeld, das strukturell zu ihren Gunsten wirkt: Solange die geopolitischen Konflikte das globale Kraftstoffangebot verknappen, bleibt der Crack Spread hoch.
Gleichzeitig sollten Anleger beachten, dass die außergewöhnlichen Gewinne stark von externen Faktoren abhängen, die sich schnell ändern können. Eine Deeskalation im Nahen Osten oder eine Wiederaufnahme russischer Raffineriekapazitäten könnte die Margen rasch unter Druck setzen. Die Aktien von Raffineriebetreibern gelten als zyklisch und reagieren empfindlich auf geopolitische Entwicklungen. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich aus den vorliegenden Informationen nicht ableiten.
Ausblick
Wall-Street-Analysten erwarten, dass Valero Energy, Marathon Petroleum und Phillips 66 im dritten Quartal ihre Beinahe-Rekordgewinne aus dem zweiten Quartal übertreffen werden. Die Prognosen stützen sich auf die anhaltende globale Kraftstoffknappheit und die weiterhin hohen Crack Spreads. Konkrete Quartalszahlen werden mit der regulären Berichtssaison erwartet, genaue Termine wurden in den vorliegenden Quellen nicht genannt.
Kurz erklärt
- Crack Spread: Die Differenz zwischen dem Einkaufspreis für Rohöl und dem Verkaufspreis für daraus gewonnene Kraftstoffe wie Diesel oder Benzin, die die Gewinnmarge einer Raffinerie widerspiegelt.
- 3-2-1 Crack-Spread: Eine gängige Benchmark in der Raffinerieindustrie, die berechnet, wie viel Gewinn aus drei Barrel Rohöl durch die Herstellung von zwei Barrel Benzin und einem Barrel Diesel erzielt werden kann.
- Pure-Play-Raffinerie: Ein Unternehmen, das sich ausschließlich auf die Verarbeitung von Rohöl zu Kraftstoffen spezialisiert hat, ohne eigene Ölförderung oder andere Geschäftsbereiche.
