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US-Arbeitsmarkt: Wie angespannt ist er wirklich?

Niedrige Arbeitslosigkeit trifft auf sinkendes Lohnwachstum – das Bild des US-Arbeitsmarkts bleibt widersprüchlich und rätselhaft.

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US-Arbeitsmarkt: Wie angespannt ist er wirklich?

Die Frage, wie angespannt der US-Arbeitsmarkt tatsächlich ist, beschäftigt Ökonomen und Investoren gleichermaßen. Denn von der Antwort hängt ab, wie lange die Federal Reserve die Zinsen hochhalten muss, um die Inflation auf das 2-Prozent-Ziel des Offenmarktausschusses (FOMC) zu drücken. Das Bild bleibt widersprüchlich – und selbst erfahrene Marktbeobachter sind sich uneinig.

In dieser Woche stehen gleich drei bedeutende Zentralbanksitzungen an: die der Federal Reserve, der Bank of England und der Bank of Japan. Das Argument für eine Zinserhöhung der Fed gilt dabei als überzeugend – zumindest aus Sicht des Anleihenmarkts. Ein Investor bezeichnete die Juli-Entscheidung als „knappe 50-zu-50-Entscheidung". Von der Bank of England wird hingegen erwartet, dass sie die Zinsen unverändert lässt, nachdem die Europäische Zentralbank bereits letzte Woche ihre Entscheidung getroffen hat. Anzeichen für einen breiteren Inflationsdruck in Großbritannien bleiben spärlich.

Die Argumente für einen angespannten Arbeitsmarkt

Für die These eines angespannten Arbeitsmarkts spricht zunächst die niedrige und seit Dezember weiter sinkende Arbeitslosenquote. Ökonom Torsten Sløk argumentiert, dass man kaum mehr Beweise brauche: Die Arbeitslosenquote liegt seit fast fünf Jahren unter der Fed-Schätzung für die inflationsneutrale Arbeitslosenquote – der sogenannten NAIRU (Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment) – von etwa 4,5 Prozent. Sløk schreibt: „Der Arbeitsmarkt befindet sich seit ungewöhnlich langer Zeit im Bereich der Übernachfrage. Diese anhaltende Knappheit ist ein Hauptgrund dafür, dass die Inflation erhöht geblieben ist."

Ein weiteres Indiz liefern die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, die als besonders verlässliche Arbeitsmarktdaten gelten. Sie liegen weiterhin bei knapp 200.000 pro Woche – ein historisch niedriger Wert. Dazu passt, dass die Erwerbsquote der Personen im Haupterwerbsalter historisch hoch ist. Auch die Einzelhandelsumsätze stützen das Bild einer robusten Wirtschaft: In vier der letzten fünf Monate legten sie zu.

Das Rätsel des sinkenden Lohnwachstums

Doch es gibt einen gewichtigen Widerspruch: das Lohnwachstum. Wenn der Arbeitsmarkt wirklich so angespannt ist und die Wirtschaft kräftig wächst, warum verlangsamt sich das Lohnwachstum dann stetig? Es liegt inzwischen fast wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie – und damit vor der Inflationswelle. Dieses Bild lässt sich schwer mit der These einer anhaltend inflationstreibenden Arbeitsmarktanspannung vereinbaren.

Hinzu kommen schwache Umfragedaten zum Arbeitsmarkt, etwa vom Conference Board, dem ISM und der NFIB. Allerdings warnt Kevin Gordon von Charles Schwab, dass Umfragedaten – also die Stimmung von Haushalten und Unternehmen – seit der Pandemie völlig unberechenbar geworden seien. Die alten Zusammenhänge zu den offiziellen Daten gelten offenbar nicht mehr. Im Zweifelsfall, so Gordon, sollte man den harten Daten vertrauen.

Ein möglicher Erklärungsansatz

Matt Klein vom Analyse-Dienst „The Overshoot" liefert zumindest eine Teillösung für das Rätsel. In den offiziellen Daten zeigt sich ein auffälliger und bislang schwer erklärbarer Rückgang der Löhne in einer großen Arbeitnehmergruppe: dem privaten Bildungs- und Gesundheitswesen. Schließt man diese Gruppe aus der Betrachtung aus, ist der Lohntrend in der übrigen Wirtschaft entweder stabil oder beschleunigt sich sogar leicht.

Alles in allem bleibt das Gesamtbild des US-Arbeitsmarkts unscharf. Die niedrige Arbeitslosigkeit, die robusten Erstanträge und die hohe Erwerbsquote sprechen für Anspannung – das sinkende Lohnwachstum spricht dagegen. Für die Fed und den FOMC bedeutet das: Die Entscheidung über den weiteren Zinskurs bleibt schwierig. Auch die hohen Ölpreise, die sich zunehmend als dauerhaftes Phänomen erweisen, erschweren die Lagebeurteilung zusätzlich.

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