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US-Aktienmarkt trotzt globaler Krise – aber wie lange noch?

Trotz Krieg, Energiepreisschock und Lieferkettenstörungen eilen US-Indizes von Rekord zu Rekord – doch die Grenzen dieser Abkoppelung werden sichtbar.

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US-Aktienmarkt trotzt globaler Krise – aber wie lange noch?

Eine Serie von Rekordhochs am US-Aktienmarkt hätte zu Beginn des Jahres kaum jemand erwartet. Militärischer Konflikt im Nahen Osten, steigende globale Energiepreise, schwerwiegende Störungen der maritimen Lieferketten und ein wachsendes Rezessionsrisiko – das sind keine Zutaten für eine Börsenhausse. Und doch befinden wir uns genau in dieser Situation, die Ökonom Mohamed El-Erian als eine Art „Twilight Zone" beschreibt.

El-Erian, Rene M. Kern Professor für Managementpraxis an der Wharton School und Chef-Wirtschaftsberater bei Allianz, analysiert in einem Beitrag für die Financial Times, warum die USA sich bislang von der globalen Eintrübung abkoppeln konnten – und wo die Grenzen dieser Entwicklung liegen. Die gängige Lehrmeinung besagt, dass geopolitische Verwerfungen die Unternehmensgewinne belasten, die Risikoaversion erhöhen und Kapital in sichere Häfen wie Staatsanleihen, Gold und Bargeld treiben. Stattdessen eilten US-Aktienindizes von Rekord zu Rekord – getragen von höheren Unternehmensgewinnen und größerer Risikobereitschaft.

Der Konsensus-Trade des Jahresanfangs ist gescheitert

Zu Jahresbeginn war unter Anlegern und Analysten eine klare These weit verbreitet: 2026 würde eine Rotation von „teuren" US-Aktien hin zu „Value"-Werten im Rest der Welt stattfinden – insbesondere in Europa. Die Bewertungslücke zwischen dem S&P 500 und dem Stoxx Europe 600 hatte sich drastisch vergrößert und schien eine Korrektur geradezu zu erzwingen.

Diese These wurde durch die harte Realität der Geopolitik durchkreuzt. Der Krieg im Nahen Osten legte die strukturellen Schwächen der europäischen Wirtschaft offen. Europa weist eine erhöhte Sensibilität gegenüber Energieschocks auf – nicht nur durch Preisanstiege, sondern auch durch die Gefahr physischer Versorgungsengpässe. Die Anfälligkeit gegenüber unterbrochenen Lieferketten verwandelte attraktive Bewertungen in eine klassische Value-Falle.

Die USA hingegen profitierten von ihrer relativen Energieunabhängigkeit und langjährigen strukturellen Stärken. Neben technologischen Innovationen, die Produktivitätsgewinne ermöglichen, bietet die US-Wirtschaft eine einzigartige Kombination: Flexibilität am Unternehmens- und Arbeitsmarkt, tiefe Kapitalmärkte, erhebliche fiskalische Unterstützung und eine Zentralbank, die bei Zinserhöhungen zögerlicher agiert als andere. Die scheinbar reichliche Verfügbarkeit von Risikokapital verstärkt diese Dynamik zusätzlich.

Technologiekonzerne als Schutzschild für den Gesamtmarkt

Eine entscheidende Rolle spielt die Konzentration der Marktführerschaft auf eine Handvoll Technologiekonzerne. Diese Unternehmen sind nicht nur Wachstumswerte – viele von ihnen sind Cashflow-Maschinen mit festungsartigen Bilanzen. Sie wirken weniger wie zyklische Unternehmen und eher wie unverzichtbare Infrastruktur der modernen Wirtschaft. Ihre Fähigkeit, unabhängig vom geopolitischen Klima Gewinnwachstum zu generieren, hat die breiten US-Indizes von der Misere entkoppelt, die den Rest der Welt betrifft.

Doch El-Erian warnt: Was zu relativer Dominanz führt, garantiert nicht zwangsläufig die Fortsetzung einer Rekordjagd in absoluten Zahlen. Selbst für diese Marktrallye gibt es eine geökonomische Obergrenze. Wir nähern uns dem Punkt, an dem Preis und Verfügbarkeit von Energie in einer wachsenden Zahl von Volkswirtschaften Schwellenwerte überschreiten, die diese nicht mehr problemlos verkraften können.

Hinzu kommen weitere Risikofaktoren: Die bevorstehende Reduzierung des investierbaren Kapitals aus den Golfstaaten wird den US-Märkten vorübergehend einen bedeutenden Lieferanten anspruchsvoller Finanzierungen entziehen. Außerdem droht eine „Bewertungsmüdigkeit". Der US-Aufschlag hat einen Punkt erreicht, an dem selbst geringfügige Gewinnverfehlungen oder leichte Verzögerungen bei der KI-Einführung eine signifikante Neubewertung auslösen könnten.

Fazit: Das sauberste Hemd im Korb zeigt erste Verschleißspuren

El-Erians Schlussfolgerung ist nüchtern: Die aktuelle Kluft zwischen Marktperformance und geökonomischen Realitäten erfordert ein empfindliches Gleichgewicht. Man muss die Vorteile anerkennen, die die USA bieten, und sich gleichzeitig der wachsenden Herausforderungen bewusst bleiben. Die USA mögen sich vorerst von der globalen Trübsal entkoppelt haben – doch in einer nach wie vor vernetzten Welt ist eine vollständige wirtschaftliche und finanzielle Isolierung unmöglich.

Die USA seien zweifellos das „sauberste Hemd im Korb der entwickelten Märkte", so El-Erian. Aber auch dieses werde irgendwann Verschleißerscheinungen zeigen, wenn das geökonomische Umfeld rau bleibt. Für Anleger bedeutet das: Die relative Stärke der USA ist real – aber sie ist nicht unbegrenzt.

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