Urteilsvermögen von Führungskräften im KI-Zeitalter wichtiger denn je
Ein Managementprofessor der London Business School erklärt, warum menschliches Urteilsvermögen in Zeiten der KI unverzichtbar bleibt.

Urteilsvermögen ist der Kern vorbildlicher Führung – und es wird in einer Welt, in der Künstliche Intelligenz immer mehr Routineaufgaben übernimmt, zur entscheidenden Kompetenz für Manager und Führungskräfte. Das argumentiert Andrew Likierman, Professor für Managementpraxis an der London Business School, in seinem 2025 erschienenen Buch „Judgement at work: Making better choices". Sein Fazit: Wer im KI-Zeitalter als Führungskraft relevant bleiben will, muss sein Urteilsvermögen gezielt entwickeln.
Der verstorbene US-Führungsexperte Warren Bennis brachte es auf den Punkt: „Urteilsvermögen ist der Kern vorbildlicher Führung. Mit gutem Urteilsvermögen spielt fast nichts anderes eine Rolle. Ohne es ist alles andere bedeutungslos." Diese Einschätzung gewinnt angesichts des technologischen Wandels neue Dringlichkeit.
Was auf dem Spiel steht
Die Konsequenzen mangelhaften Urteilsvermögens sind weitreichend. Als Beispiele nennt Likierman die technischen Fehlgriffe bei Boeing, die er auf einen übermäßigen Fokus auf Finanzkennzahlen zurückführt, sowie die Serie von Finanzskandalen bei der Credit Suisse, die aus Selbstüberschätzung und Hybris resultierten. Beide Fälle zeigen: Schlechtes Urteilsvermögen an der Unternehmensspitze kann existenzielle Folgen haben.
Doch es geht nicht nur um die Vermeidung von Katastrophen. Board-Mitglieder im Vereinigten Königreich und andernorts sind gesetzlich verpflichtet, unabhängiges Urteilsvermögen an den Tag zu legen. Weniger sichtbar, aber ebenso entscheidend ist die Rolle des Urteilsvermögens im täglichen Management – auf allen Hierarchieebenen.
Da KI zunehmend Routineaufgaben ersetzt, rückt menschliches Urteilsvermögen als eine der zentralen Möglichkeiten, mit denen Menschen einen Mehrwert schaffen, noch stärker in den Vordergrund. Für Führungskräfte bedeutet das: Wer sich nicht aktiv mit der Entwicklung dieser Kompetenz auseinandersetzt, riskiert, an Relevanz zu verlieren.
Sechs Elemente des Urteilsvermögens
Likierman definiert Urteilsvermögen als „die Kombination aus relevantem Wissen und Erfahrung mit persönlichen Qualitäten, um Meinungen zu bilden oder Entscheidungen zu treffen." Er unterscheidet dabei sechs Kernelemente:
- Relevantes Wissen und Erfahrung
- Bewusstsein für die eigene Situation
- Vertrauen – in Menschen und Daten
- Gefühle und Überzeugungen, einschließlich Voreingenommenheiten und Emotionen
- Die Art und Weise, wie eine Wahl getroffen wird
- Die Fähigkeit zur Umsetzung, wenn das Urteil eine Entscheidung beinhaltet
Entgegen vielen Annahmen ist Urteilsvermögen laut Likierman kein vager Begriff und keine angeborene Eigenschaft. Es lässt sich gezielt pflegen und verbessern – auch wenn es in der Managementausbildung bislang selten berücksichtigt wird, unter anderem weil es viele Fachbereichsgrenzen überschreitet.
Praktische Schritte zur Verbesserung
Der Ausgangspunkt liegt darin, die eigenen Stärken und Schwächen zu identifizieren. Likierman empfiehlt eine Reihe konkreter Maßnahmen: Urteile regelmäßig mit vertrauenswürdigen Personen überprüfen, Lücken durch Erfahrung, Mentoring oder Coaching schließen und aktiv neue Perspektiven suchen – etwa durch Einblicke in andere Unternehmenskulturen.
Besonders wichtig ist der Umgang mit Voreingenommenheiten. Führungskräfte sollten eigene Biases identifizieren und benennen – sowohl in Beurteilungen als auch in offenen Diskussionen. Aktives Zuhören, das Schaffen eines sicheren Raums für abweichende Meinungen und das Einbeziehen von Risikoanalysen in alle Entscheidungsphasen gehören ebenfalls zu den empfohlenen Praktiken.
Bei kollektiven Entscheidungen warnt Likierman vor Gruppendenken. Als Gegenmaßnahme empfiehlt er etwa die Rolle des Advocatus Diaboli einzunehmen und sicherzustellen, dass der Status einzelner Personen die freie Meinungsäußerung nicht hemmt. Teams sollten so zusammengestellt werden, dass sie relevante Vielfalt einbringen und zwar die Werte, aber nicht die Voreingenommenheiten der Führungskraft teilen.
KI als Werkzeug, nicht als Ersatz
Likierman sieht KI nicht als Bedrohung für das menschliche Urteilsvermögen, sondern als Werkzeug, das gezielt eingesetzt werden sollte – insbesondere bei der Auswahl und Umsetzung von Entscheidungen. Entscheidend bleibt jedoch der menschliche Faktor: Erschöpfung, Krankheit, Stress und starke Emotionen wie Wut oder Angst erhöhen das Risiko schlechter Urteile und müssen aktiv berücksichtigt werden.
Zur Risikominderung bei der Umsetzung schlägt er die sogenannten „5 Ps" vor: Innehalten zum Reflektieren (Pausing), teilweise Implementierung (Partial implementation), Pilotierung (Piloting), eine Probezeit (Probationary period) sowie ein „Pre-Mortem" – dabei stellt man sich vor, ein Projekt sei gescheitert, und arbeitet rückwärts, um mögliche Ursachen zu identifizieren.
Für Likierman ist die Botschaft klar: Die Auswirkungen der KI bedeuten, dass Führungskräfte und alle, die eine Führungsposition anstreben, ihr Urteilsvermögen als wichtigen Teil dessen entwickeln müssen, was sie ihren Organisationen bieten. Und Management-Dozenten stehen in der Pflicht, ihren Studenten die Mittel dazu an die Hand zu geben.
