Tiktok Shop verschiebt Deutschland-Start auf 2024
Verzögerung bietet Händlern mehr Vorbereitungszeit, während USA im Fokus bleibt

Das Unternehmen hinter der populären App Tiktok, Bytedance, hat seinen geplanten Start der Shop-Funktion in Deutschland verschoben. Ursprünglich war geplant, die Funktion bis spätestens Juli dieses Jahres einzuführen. Tiktok hatte bereits zahlreiche Hersteller für eine Zusammenarbeit kontaktiert, um einen großen Angriff auf den europäischen Onlinehandel zu starten. Doch der Marktstart in Deutschland und anderen europäischen Ländern wird vorerst gestoppt, wie das Handelsblatt von Brancheninsidern erfahren hat. Alexander Graf, E-Commerce-Experte und Geschäftsführer des Softwareunternehmens Spryker, bestätigte diese Information. Spryker entwickelt Software für Webshops und steht in engem Austausch mit vielen Markenherstellern und Händlern.
Tiktok Shop ermöglicht es Marken, ihre Produkte direkt in Tiktok-Videos zu integrieren und den Verkauf auf der Plattform abzuwickeln. Im vergangenen Jahr wurden in Südostasien und den USA über Tiktok Shop mehr als 16 Milliarden Dollar umgesetzt. Der einzige europäische Markt, in dem die Funktion noch in diesem Jahr verfügbar sein könnte, ist Spanien. In Deutschland dürfte der Start erst im kommenden Jahr erfolgen, möglicherweise zu Ostern. Tiktok teilte mit, dass konkrete Starttermine derzeit noch nicht feststehen. Branchenkreisen zufolge wolle Tiktok seine Kapazitäten zunächst auf die Expansion in den USA konzentrieren. Dort startete Tiktok Shop erst im September 2023, strebt jedoch in diesem Jahr einen Plattform-Umsatz von 17,5 Milliarden Dollar an.
Tiktok, eine Tochter des chinesischen Unternehmens Bytedance, erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 120 Milliarden Dollar. In China hat Bytedance in seine Videoplattform Douyin seit Jahren eine Shop-Funktion integriert, über die im vergangenen Jahr Verkäufe im Wert von 285 Milliarden Dollar abgewickelt wurden. Bytedance verdient dabei durch Provisionen mit. Dieses Erfolgskonzept will das Unternehmen nun auch im Ausland über Tiktok wiederholen, da mehr als die Hälfte der Nutzer jünger als 24 Jahre sind und somit eine attraktive Zielgruppe für Werbetreibende und den E-Commerce darstellen.
In der EU und den USA steht Tiktok jedoch unter starkem Druck. In den USA droht ein mögliches Verbot aufgrund von Bedenken hinsichtlich Datenspionage und Manipulation der öffentlichen Meinung. Die EU-Kommission hat ein Verfahren gegen Tiktok eingeleitet, da vermutet wird, dass bestimmte Belohnungsmechanismen in der App die Nutzer süchtig machen könnten, was insbesondere Kinder gefährdet. Auch diese verschärfte Regulierung könnte ein Grund dafür sein, dass Tiktok bei der Expansion in Europa momentan etwas langsamer vorgeht.
Für Händler und Markenhersteller bedeutet die Verschiebung des Starts von Tiktok Shop in Deutschland eine zusätzliche Vorbereitungszeit. E-Commerce-Experte Alexander Graf erwartet jedoch, dass der Start von Tiktok Shop die Geschäftsmodelle im E-Commerce grundsätzlich verändern wird. Tiktok Shop stellt die bisherige Logik der Onlinehändler auf den Kopf, da die Inspiration vor dem Kaufwunsch kommt. Diese neue Verkaufsstrategie erfordert, dass Marken schnell und authentisch in den Videos rüberkommen.
Zusätzlich können Anbieter Live-Shopping-Events veranstalten, ein Konzept, das in China bereits sehr erfolgreich ist. Marken können spezielle Editionen nur für Tiktok Shop anbieten, wie es beispielsweise Coca-Cola in Großbritannien getan hat. Die Luxusmarke Gucci nutzt die Plattform, um kurze Videos zu zeigen, die einen Einblick in die Produktion geben oder Prominente mit ihren Produkten zeigen, und integriert dabei die Kauffunktion.
Der Hashtag #tiktokmademebuyit hat sich auch in Deutschland als Marketinginstrument etabliert. Kosmetik- und Gesundheitsprodukte sind die beliebtesten Kategorien auf Tiktok Shop, gefolgt von Mode und Lebensmitteln. Trotz des Potenzials müssen Händler sicherstellen, dass ihre Produkte und Marken zur Plattform passen, um erfolgreich zu sein. Plattformen wie Otto, Zalando und Amazon könnten Umsatz an Tiktok Shop verlieren, sollten sie nicht selbst den Verkauf über Videos ausprobieren.
Sollte sich Tiktok Shop als Vertriebskanal etablieren, könnten die Kosten für Markenhersteller und Händler steigen, da die Provisionen für die Nutzung der Plattform in den USA bereits von zwei auf sechs Prozent gestiegen sind. Gleichzeitig könnte der Erfolg des Shops den Algorithmus von Tiktok beeinflussen, der bisher stark auf die Interessen der Nutzer ausgerichtet ist. Eine zunehmende Fokussierung auf Shop-Content könnte das Nutzererlebnis verändern und die Engagement-Rate weiter senken.
