Sparkasse Gelsenkirchen: Wer haftet für 100 Millionen Euro Schließfach-Einbruch?
Über 3.000 aufgebrochene Schließfächer werfen rechtliche Fragen zur Bankenhaftung auf.

Ende Dezember verschafften sich Einbrecher über ein benachbartes Parkhaus Zugang zu einer Sparkassenfiliale in Gelsenkirchen-Buer. Mit einem Kernbohrer durchbrachen sie eine Stahlbetonwand direkt in den Tresorraum. Das Ergebnis: über 3.000 geknackte Schließfächer und eine geschätzte Beute von mehr als 100 Millionen Euro.
Die ersten Klagen betroffener Kunden liegen bereits vor. Viele haben Anwälte eingeschaltet und fordern Schadensersatz von der Sparkasse. Doch die zentrale Frage lautet: Muss das Geldinstitut überhaupt haften?
Rechtliche Grundlagen der Bankenhaftung
Banken und Sparkassen sind vertraglich verpflichtet, angemietete Schließfächer "tresormäßig zu sichern". Der Schutz muss dem anerkannten Stand der Technik entsprechen. Gerichte haben in der Vergangenheit klargestellt: Geldinstitute müssen Einbruchsrisiken laufend prüfen und ihre Sicherungssysteme regelmäßig anpassen.
Verletzt eine Bank diese Pflicht fahrlässig, kommt eine Haftung gegenüber den Kunden in Betracht. Der Sparkassen-Direktor betonte nach dem Vorfall, die Sicherheitsmaßnahmen seien erst vor zwei Jahren erneuert worden. Die Filiale habe dem anerkannten Stand der Technik entsprochen.
Kritische Fragen zum Sicherheitskonzept
Besonders brisant: Die Einbrecher konnten ein ganzes Wochenende ungestört operieren. Am Morgen des Einbruchs löste ein Feueralarm im Tresorraum aus - vermutlich durch die Täter. Die Feuerwehr konnte jedoch nicht in den Vorraum gelangen, weil ein Rolltor den Weg versperrte.
Da keine Brandanzeichen erkennbar waren, brach die Feuerwehr den Einsatz ab. Weder die Sparkasse noch ihr Sicherheitsdienst gingen dem vermeintlichen Fehlalarm nach. Ob dies eine Pflichtverletzung darstellt, dürfte vor Gericht eine zentrale Rolle spielen.
Beweislast liegt bei den Kunden
Betroffene Kunden stehen vor einer Hürde: Sie müssen nachweisen können, was zum Zeitpunkt des Diebstahls in ihren Schließfächern lag. Bloße Behauptungen reichen nicht aus. Die Beweispflicht geht in solchen Fällen nicht auf die Bank über.
Als Beweismittel dienen Fotos vom Schließfachinhalt, Inventarlisten, Kaufbelege oder Zeugenaussagen. Fehlen konkrete Beweise, kann eine lückenlose Indizienkette helfen, die die Einlagerung der Wertgegenstände plausibel macht.
Versicherungsschutz oft begrenzt
Entgegen erster Berichte hat die Sparkasse ihre Haftung nicht auf 10.300 Euro beschränkt. Dieser Betrag bezieht sich lediglich auf eine Zusatzversicherung, die das Institut abgeschlossen hatte. Sollten die Ermittlungen keine fahrlässige Pflichtverletzung ergeben, greift nur diese Police.
Kunden können jedoch von eigenen Versicherungen profitieren. Viele Hausratversicherungen decken über eine Außenversicherung auch bei Banken eingelagerte Wertgegenstände ab. Versicherungsnehmer sollten ihre Policen genau prüfen, welche Gegenstände in welchem Umfang versichert sind.
Schwarzgeld ändert nichts an Haftung
Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul äußerte den Verdacht, dass auch Clanvermögen unter der Beute sein könnte. Auf etwaige Erstattungsansprüche hat die Herkunft der Wertgegenstände jedoch keinen Einfluss. Banken haften auch für Schwarzgeld in ihren Schließfächern.
Allerdings riskieren Kunden, die größere Bargeldsummen ohne Herkunftsnachweis einklagen, Nachfragen von Strafverfolgungs- und Finanzbehörden. Die rechtliche Auseinandersetzung dürfte sich über Monate hinziehen und könnte wegweisend für künftige Fälle werden.
