Rotation am US-Aktienmarkt: 62 Milliarden Dollar fließen aus Tech-Aktien
Anleger setzen auf Energie, Industrie und Konsumgüter – Software-Sektor unter massivem Verkaufsdruck

Amerikanische Investoren vollziehen eine dramatische Umschichtung ihrer Portfolios. Innerhalb von nur fünf Wochen flossen 62 Milliarden US-Dollar in Aktienfonds außerhalb des Technologiesektors – mehr als im gesamten vergangenen Jahr, wie Daten der Deutschen Bank zeigen. Diese Rotation erschüttert die Kräfteverhältnisse an der Wall Street grundlegend.
Die Gewinner dieser Entwicklung sind Sektoren, die lange im Schatten der Tech-Giganten standen. Landmaschinenhersteller Deere sowie die Baukonzerne TopBuild und Comfort Systems USA legten seit Jahresbeginn jeweils über 20 Prozent zu und markierten Rekordhochs. Auch Walmart profitiert: Der Einzelhandelsriese knackte die Billionen-Dollar-Marke beim Börsenwert – ein Club, der bislang fast ausschließlich Technologiekonzernen vorbehalten war.
Acht der elf Sektoren im S&P 500 verzeichnen seit Januar Kursgewinne. Lediglich Informationstechnologie, Finanzen und nicht-essentielle Konsumgüter stehen im Minus. Der Small-Cap-Index Russell 2000 legte um 6 Prozent zu und übertraf den technologielastigen Nasdaq 100 in drei Monaten um mehr als 10 Prozentpunkte.
KI-Ängste belasten Software-Branche
Der Ausverkauf bei Technologieaktien beschleunigte sich vergangene Woche dramatisch, nachdem das KI-Startup Anthropic neue Programmiertools vorstellte. Die Befürchtung: Künstliche Intelligenz könnte Software-Entwickler zunehmend überflüssig machen. Salesforce, AppLovin und FactSet gehören zu den zehn schwächsten Werten im S&P 500 in diesem Jahr.
"Im Software-Haus brennt es, und die Flammen greifen bereits auf die Nachbarschaft über", warnt Jon Zauderer, Tech-Spezialist bei Citigroup. Hedgefonds verkauften im Januar massiv Software-Aktien und schichteten in zyklische Werte sowie Industrietitel um, wie Prime-Brokerage-Daten von Goldman Sachs belegen.
Selbst die "Magnificent Seven" aus dem Big-Tech-Sektor geraten unter Druck. Amazon, Google und Microsoft fielen vergangene Woche deutlich, nachdem sie Investitionspläne für KI-Infrastruktur in Höhe von Hunderten Milliarden Dollar ankündigten. "Die Bewertungen sind überreizt. Jetzt wollen die Leute die Investitionsrendite sehen", erklärt Seema Shah, Chefstrategin bei Principal Asset Management.
Breites Gewinnwachstum stützt Rotation
Die Umschichtung begann bereits im vierten Quartal 2025, als sich das Gewinnwachstum über die Megacap-Tech-Werte hinaus ausweitete. Die mediane Wachstumsrate der S&P-500-Unternehmen liegt bei fast 10 Prozent – ein Vierjahreshoch. Die Atlanta Federal Reserve prognostiziert für das vierte Quartal ein annualisiertes Wirtschaftswachstum von 3,7 Prozent.
Diese robuste Konjunktur erhöht die Attraktivität von Transport-, Metall- und Bergbauaktien, die in Expansionsphasen traditionell gut abschneiden. Basiskonsumgüter erlebten den besten Jahresstart seit mehr als 25 Jahren, während Energie- und Rohstoffaktien stark zulegten.
"Wir bezeichnen dies als Rotation in 'KI-immune' Sektoren wie Versorger, Lebensmittel, Bergbau, Bauwesen und Telekommunikation", sagt Andrew Lapthorne, quantitativer Stratege bei Société Générale. Die Erwartung niedrigerer Zinssätze verstärkt diese Entwicklung zusätzlich.
Europäische Märkte profitieren
Die Tech-Turbulenzen verhelfen europäischen und asiatischen Börsen zu weiterer Outperformance gegenüber den USA. Der Stoxx Europe 600 stieg 2026 bisher um fast 5 Prozent, während der S&P 500 nur knapp 2 Prozent zulegte. Viele Schwellenländer verzeichneten noch deutlichere Gewinne.
Trotz der breiten Rotation kämpft der S&P 500 insgesamt um Fortschritte, seit Tech-Aktien Ende Oktober ihren Höhepunkt erreichten. "Die Ausweitung der Marktperformance hatte ihren Preis: weniger glanzvolle Gewinne auf Indexebene", konstatiert Kevin Gordon von Charles Schwab. Dies unterstreicht die nach wie vor überproportionale Bedeutung des Technologiesektors für die wichtigste Benchmark der Wall Street.
