Orcel wirbt in Frankfurt um die Commerzbank
Unicredit-Chef beschwichtigt Kritik, verspricht Investitionen und verweist auf Europas Zukunftspläne

Der Auftritt von Andrea Orcel in Frankfurt war von Symbolik und Strategie geprägt. Der Chef der italienischen Großbank Unicredit erschien bei der Bankentagung des Handelsblatts in dunkelblauem Anzug, roter Krawatte und mit auffälligen Manschettenknöpfen. Unter dem Ärmel blitzte jedoch ein ungewöhnliches Detail hervor: ein Stoffarmband mit blauen Kugeln, ein türkisches Auge, das böse Blicke abwehren soll. Kaum ein Accessoire hätte besser zu diesem Auftritt gepasst, denn Orcel steht im Zentrum eines erbitterten Ringens um die Commerzbank.
Unicredit ist seit einem Jahr Großaktionär der Commerzbank und hält mittlerweile fast 30 Prozent der Anteile. Von Beginn an war der Expansionskurs Orcels umstritten, sowohl das Management der Frankfurter Bank als auch die Bundesregierung äußerten ihre Vorbehalte. Während Orcel bislang überwiegend aus der Distanz agierte, nutzte er nun die Bühne in Frankfurt für eine gezielte Charmeoffensive. Vor einem Publikum aus Fachleuten der Branche sprach er erstmals ausführlich über seine Pläne und versuchte, die zahlreichen Bedenken zu zerstreuen.
Ein zentrales Argument der Kritiker betrifft den Wettbewerb im deutschen Bankenmarkt. Befürchtet wird, dass Mittelständler weniger Auswahl hätten, sollte Unicredit die Commerzbank übernehmen. Orcel widersprach dem und verwies auf einen potenziellen Marktanteil von lediglich 12 bis 14 Prozent, was weiterhin ausreichende Konkurrenz ermögliche. Auch die Sorge, bei der Integration der IT-Systeme könne es zu Problemen kommen, wies er zurück. Seine Bank habe bereits 350 Unternehmen erfolgreich auf die eigene Plattform migriert, erklärte er.
Besonders sensibel ist die Frage nach Arbeitsplätzen. Viele Mitarbeiter der Commerzbank befürchten massive Stellenstreichungen. Orcel versicherte, sein Fokus liege auf Wachstum und Investitionen, nicht auf Einsparungen. Zwar räumte er ein, dass es in der Frankfurter Zentrale zu Kürzungen kommen werde, diese seien jedoch nicht so gravierend, wie vielfach spekuliert werde. Er argumentierte zudem, dass die Commerzbank bei anhaltend hohen Kosten ohnehin gezwungen sei, in den kommenden Jahren selbst umfangreiche Stellen zu streichen.
Schließlich betonte Orcel die Bedeutung einer starken europäischen Bankenlandschaft. Angesichts begrenzter staatlicher Mittel müssten private Investoren und Institute verstärkt Kapital bereitstellen, um die Zukunftsfähigkeit Europas zu sichern. „Europa kann nicht noch fragmentierter sein“, erklärte er und verband seine Worte mit einem Appell an die junge Generation. Doch trotz dieser großen Worte bleibt die Skepsis bestehen, zumal Orcel in der Vergangenheit Zusagen gegenüber der Politik nicht einhielt und seine Beteiligung an der Commerzbank kontinuierlich ausbaute.
Nach rund einer halben Stunde verließ der Unicredit-Chef die Bühne, begleitet von seinen Vertrauten. Vor dem Aufzug warteten Journalisten, doch Orcel verweigerte jede Antwort. Schweigend stieg er ein, die Türen schlossen sich – ein Abgang, der ebenso kühl und kontrolliert wirkte wie sein Auftritt zuvor.
