Ölpreis-Schock und Zinsängste drücken DAX und Wall Street
Der DAX dürfte schwächer starten: Brent springt über 100 Dollar, US-Renditen steigen, und die Zollpause wird verlängert.

Die europäischen Aktienmärkte dürften zum Handelsstart nachgeben. Broker IG taxiert den DAX rund 0,3 Prozent im Minus. Damit setzt sich die Schwäche vom Vortag fort: Bereits am Mittwoch hatte der deutsche Leitindex 0,7 Prozent auf 25.411 Punkte verloren.
Zwei Themen drücken gleichermaßen auf die Stimmung. Zum einen springt der Ölpreis nach neuen Spannungen im Nahen Osten kräftig an, zum anderen wachsen in den USA die Zinsängste. Beides zusammen ist für Aktien eine unangenehme Kombination, weil höhere Energiepreise die Inflation antreiben und damit den Druck auf die Notenbanken erhöhen, die Zinsen länger hoch zu halten oder sogar weiter anzuheben.
Auch die Wall Street gab am Mittwoch nach. Der Dow Jones verlor 0,7 Prozent, der S&P 500 büßte 0,8 Prozent ein, und der Nasdaq 100 fiel um 1,1 Prozent – und das, obwohl der Technologieindex am Vortag noch auf einem Rekordhoch notiert hatte. Die Abwärtsbewegung traf also ausgerechnet jene Werte, die zuletzt am stärksten gelaufen waren.
Die Details
Am Rohölmarkt ging es am Mittwoch steil nach oben. Die Nordseesorte Brent legte zeitweise 4,5 Prozent zu und erreichte fast 104 Dollar je Fass. Zuvor war der Preis bis knapp unter 98 Dollar gefallen. Am Morgen notierte Brent dann klar über 100 Dollar je Barrel. Hintergrund ist die Sorge um die Ölversorgung aus dem Nahen Osten: Ein Frachtschiff wurde in der Straße von Hormus getroffen und geriet in Brand, die Besatzung wurde nach Angaben von UKMTO evakuiert.
Politisch ist keine Entspannung in Sicht. Irans Präsident Massud Peseschkian wies den US-Druck zurück, eine schnelle Annäherung zwischen den USA und dem Iran ist nicht absehbar. Die Auseinandersetzung fällt zeitlich mit der UN-Generaldebatte in New York zusammen, wo der Blick der internationalen Gemeinschaft auf die Region gerichtet ist.
Auf der Zinsseite sorgte ein starkes US-Konjunktursignal für Bewegung. Die US-Geschäftsaktivität verzeichnete im September den stärksten Anstieg seit über fünf Jahren. Das nährt Spekulationen auf weitere Zinserhöhungen der US-Notenbank. Die Rendite fünfjähriger US-Staatsanleihen stieg erstmals seit 2007 über die Marke von fünf Prozent.
Ein zweiter großer Themenblock kommt aus der Handelspolitik. In Washington treffen sich Donald Trump und Xi Jinping, im Mittelpunkt stehen die Handelsbeziehungen. Scott Bessent verkündete vorab eine erste Einigung: Das Zollpause-Abkommen wird um zwei Monate bis zum 10. Januar verlängert. Das bisherige Abkommen wäre am 10. November ausgelaufen. Bessent hatte sich zuvor mit Chinas Vizeregierungschef He Lifeng getroffen; Themen waren auch KI, Technologieexporte und Geopolitik. Nach dem Treffen sagte Bessent bei Fox News: "Wir haben uns heute getroffen, um auszuloten, ob wir ein größeres Abkommen anstelle einer Reihe kleinerer Schritte erreichen können".
In Deutschland steht heute die Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute auf dem Programm. Das Herbstgutachten wird vorgestellt, und die Institute dürften ihre Wachstumserwartungen deutlich anheben. Erwartet wird für dieses Jahr ein Wachstum von etwa 1,3 Prozent, nach 0,6 Prozent im Frühjahr. Für 2027 werden 1,1 Prozent erwartet. Die OECD liegt mit 1,1 Prozent für dieses Jahr sogar 0,4 Prozentpunkte über ihrer Juni-Prognose und erwartet für das kommende Jahr ebenfalls 1,1 Prozent. Als Gründe gelten ein robustes erstes Halbjahr, stärkere Exporte und höhere Staatsausgaben. Belastungsfaktoren bleiben die hohen Energiepreise und die strukturellen Probleme der deutschen Wirtschaft.
Hintergrund: Was bisher geschah
Der Konflikt um die Straße von Hormus und seine Folgen für den Ölpreis begleiten die Börsen schon seit Monaten. Bereits am 23.04.2026 berichtete aktien.news, dass die europäischen Aktienmärkte vor einem schwachen Start standen, während Brent um knapp 1,3 Prozent auf 103,19 US-Dollar pro Barrel zulegte. Auslöser waren damals Medienberichte, wonach die USA mindestens drei iranische Öltanker in asiatischen Gewässern abgefangen hatten.
Am 27.04.2026 meldete aktien.news, dass der DAX trotz Ölpreisanstieg und Inflationssorgen leicht zulegen konnte. IG taxierte den Leitindex damals rund 0,2 Prozent höher bei knapp 24.200 Punkten, nachdem er am Freitag zuvor mit einem Minus von 0,1 Prozent bei 24.128,98 Zählern geschlossen hatte. Das bestimmende Thema blieb der Konflikt zwischen den USA und dem Iran.
Am 11.05.2026 berichtete aktien.news von einem schwachen Wochenstart: IG taxierte den DAX auf 24.289 Punkte, ein Minus von 0,2 Prozent, nach einem Abschlag von 1,3 Prozent auf 24.338 Zähler am Freitag. US-Präsident Donald Trump hatte die iranische Antwort auf einen amerikanischen Friedensvorschlag als inakzeptabel zurückgewiesen.
Am 16.07.2026 schließlich schilderte aktien.news, wie die Spannungen rund um die Straße von Hormus den Handel prägten. Brent hatte in jener Woche um zehn Prozent zugelegt und kostete rund 84 Dollar je Barrel. Der DAX rutschte am Morgen zeitweise auf 24.839 Punkte ab.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger ist die Kombination aus steigenden Ölpreisen und steigenden Anleiherenditen ein Warnsignal. Höhere Energiepreise wirken wie eine zusätzliche Belastung für Konsum und Unternehmensgewinne – sie treffen Autofahrer an der Zapfsäule ebenso wie energieintensive Branchen. Gleichzeitig machen höhere Renditen an den Anleihemärkten Aktien relativ weniger attraktiv, weil risikoärmere Anlagen wieder Erträge abwerfen.
Besonders sensibel reagieren derzeit Technologiewerte, wie der Kursrutsch des Nasdaq 100 zeigt. Wachstumsaktien werden traditionell stärker abgestraft, wenn die Zinsen steigen, weil ihre Gewinne überwiegend in der Zukunft liegen und bei höheren Diskontsätzen an Wert verlieren.
Der Ölpreis bleibt der zentrale Unsicherheitsfaktor. Solange die Lage in der Straße von Hormus angespannt ist, dürfte die Schwankungsanfälligkeit hoch bleiben. Anleger sollten daher auf eine breite Streuung achten und nicht auf einzelne Öl- oder Technologiewetten setzen. Die verbesserten Konjunkturprognosen aus Deutschland und der OECD sind ein positives Signal, reichen aber allein nicht aus, um die geopolitischen Risiken zu neutralisieren.
Ausblick
Kurzfristig richtet sich der Blick auf die Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute, die heute vorgestellt wird. Sie dürfte die Wachstumserwartungen für dieses Jahr deutlich anheben. Parallel bleibt das Treffen von Donald Trump und Xi Jinping in Washington im Fokus – die verlängerte Zollpause bis zum 10. Januar gibt den Märkten zumindest vorübergehend etwas Planungssicherheit.
Entscheidend für die Richtung an den Börsen bleiben zwei Größen: die Entwicklung des Ölpreises und die Zinserwartungen in den USA. Sollte Brent weiter über 100 Dollar bleiben, dürfte der Inflationsdruck zunehmen und die Notenbanken unter Druck setzen. Eine schnelle Entspannung im Nahen Osten ist nach den jüngsten Äußerungen aus Teheran nicht absehbar.
Kurz erklärt
- Brent: Brent ist eine Nordseesorte Rohöl und gilt als wichtigste Referenz für den europäischen Ölpreis.
- Staatsanleiherendite: Die Rendite zeigt, wie viel Zinsen ein Staat für geliehenes Geld zahlen muss, und gilt als Maßstab für das allgemeine Zinsniveau.
- Zollpause: Eine Zollpause ist eine befristete Aussetzung von Zöllen, die einen Handelskonflikt vorübergehend entschärft.
