Neue Chipkrise droht in der Autoindustrie
Kurzfristige Bestellungen und Investitionskürzungen gefährden die Lieferkettenstabilität

Die Halbleiterindustrie warnt vor einer möglichen Wiederholung der Lieferengpässe, die während der Pandemie die Automobilbranche schwer belasteten. Damals führten fehlende Chips dazu, dass weltweit Fabriken stillstanden, was massive wirtschaftliche Verluste nach sich zog. Nach Ansicht führender Vertreter der Branche, darunter Kurt Sievers von NXP und Jochen Hanebeck von Infineon, haben Teile der Lieferkette die Lehren aus dieser Krise vergessen. Insbesondere die kurzfristigen Bestellungen der Autozulieferer bergen Risiken, da die Herstellung von Halbleitern eine lange Vorlaufzeit erfordert und keine kurzfristige Verfügbarkeit garantiert werden kann.
Die Auswirkungen einer erneuten Chipkrise könnten gravierend sein. Bereits zwischen 2021 und 2023 verlor die deutsche Automobilindustrie laut einer Studie von Strategy& im Auftrag des Branchenverbands ZVEI etwa 99 Milliarden Euro. Die Verluste resultierten aus entgangenem Umsatz, gestiegenen Beschaffungskosten und dem Aufwand, die Elektronik neu zu gestalten, um flexibler auf Bauteile reagieren zu können. Darüber hinaus mussten Unternehmen teure Taskforces einrichten und hohe Lagerbestände kritischer Komponenten aufbauen.
Aktuell investieren Chiphersteller angesichts schwacher Geschäftszahlen weniger in neue Produktionskapazitäten. Infineon plant, die Investitionen im laufenden Geschäftsjahr um acht Prozent auf 2,5 Milliarden Euro zu reduzieren, während der französisch-italienische Hersteller ST Microelectronics sogar noch drastischere Kürzungen vorgenommen hat. Sollten die Nachfrage und die Autokonjunktur jedoch wieder anziehen, könnten die Kapazitäten rasch knapp werden. Peter Fintl von Capgemini sieht zudem externe Faktoren wie Naturkatastrophen, geopolitische Konflikte und Handelsbarrieren als weitere potenzielle Risiken.
Während einige Autohersteller wie Jaguar Land Rover eng mit Chipherstellern zusammenarbeiten, um den Bedarf langfristig zu planen, sind die Autozulieferer in einer schwierigeren Lage. Angesichts wirtschaftlicher Herausforderungen streichen Unternehmen wie Bosch, ZF, Schaeffler und Brose tausende Arbeitsplätze und haben begrenzte Möglichkeiten, sich größere Lagerbestände an Chips zu leisten. Dies führt dazu, dass Bestellungen oft kurzfristig erfolgen, was die gesamte Lieferkette anfälliger macht.
Einige Unternehmen versuchen, sich besser aufzustellen. Bosch etwa baut Sicherheitsbestände auf und fertigt als einziger Autozulieferer eigene Halbleiter. Auch Investitionen von Automarken in Produktionskapazitäten der Chiphersteller, wie Vorauszahlungen von Infineon für neue Anlagen, sollen die Versorgungssicherheit erhöhen. Laut NXP-Chef Sievers profitieren vor allem strategische Partner von einer bevorzugten Belieferung, falls es erneut zu Engpässen kommt.
