Netflix tauscht Content-Chefin aus: Peter Rice soll Aktienkurs stabilisieren
Der Streamingkonzern ersetzt Bela Bajaria durch Hollywood-Veteran Peter Rice und reagiert auf 40 Prozent Kursverlust sowie wachsenden Investorendruck.

Netflix hat seine Chief Content Officer Bela Bajaria durch den Hollywood-Veteranen Peter Rice ersetzt. Der Wechsel an der Spitze des Programmbereichs ist ein dramatischer Schritt, mit dem die Streaming-Gruppe den fallenden Aktienkurs stoppen und das Wachstum der Zuschauerzahlen wieder beschleunigen will. Bajaria, die fast ein Jahrzehnt für das Unternehmen tätig war und seit 2023 die globalen Film- und Fernsehproduktionen überwachte, verlässt das Unternehmen.
Rice, ehemaliger leitender Executive bei Disney und Fox, tritt seine neue Position am 26. Oktober an. Das teilte Netflix am Donnerstag mit. Als Chief Content Officer übernimmt er die volle Verantwortung für das Film- und Fernsehprogramm sowie für Live-Events bei Netflix.
Der Personalwechsel folgt nur einen Tag, nachdem Netflix bekannt gegeben hatte, sechs Prozent seiner Belegschaft abzubauen – rund 1.000 Stellen. Es ist die größte Runde von Entlassungen seit mindestens vier Jahren. Das Unternehmen hadert mit verlangsamter Nutzerbindung und Druck vonseiten der Investoren. Die Aktie ist im vergangenen Jahr um 40 Prozent gefallen.
Die Details
Bajaria war fast ein Jahrzehnt lang für Netflix tätig und überwachte seit 2023 die globalen Film- und Fernsehproduktionen. Ted Sarandos, Co-Chef von Netflix, bedankte sich am Donnerstag bei ihr dafür, dass sie dazu beigetragen habe, das Programmangebot von Netflix um ungeskriptete Shows, Live-Events und Sport zu erweitern. „Sie hat enorme Veränderungen bei Netflix vorangetrieben“, sagte Sarandos. „Ich bin unglaublich dankbar für alles, was sie getan hat, um Netflix dabei zu helfen, die Welt zu unterhalten.“
Rice hatte zuvor die TV-Sparten von Disney beaufsichtigt, darunter ABC, FX, Hulu und dessen Fernsehestudios. Zuvor hatte er leitende Positionen bei 21st Century Fox und Fox Searchlight Pictures inne, dem unabhängigen Filmstudio. Während seiner Amtszeit bei Disney veröffentlichte das Unternehmen kritisch gefeierte Produktionen wie „Modern Family“ und „Abbott Elementary“ und gab grünes Licht für weitere Projekte wie „The Bear“, unter der Regie von Jeremy Allen White.
Sarandos lobte Rice als „einen der effektivsten Operatoren im Entertainment-Bereich im großen Maßstab“ und verwies dabei auf dessen Beziehungen zu den Talenten Hollywoods. Insider warten nun darauf zu sehen, wen Rice für Schlüsselpositionen auswählen wird und wie große Filmprojekte wie „La Bola Negra“ und „Narnia“ abschneiden werden, die vom aktuellen Filmvorstand Dan Lin geleitet werden.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Personalie ist Teil einer längeren Serie von Belastungen. Bereits am 10.10.2026 berichtete aktien.news, dass Netflix Berichten zufolge einen Stellenabbau von fünf Prozent plant. Da das Unternehmen Ende 2025 etwa 16.000 Vollzeitmitarbeiter beschäftigte, hätte dies einem Abbau von rund 800 Stellen entsprochen. Die Meldung kam zu einem Zeitpunkt, an dem die Kostenstruktur unter Druck geriet: Die Marketing-, Technologie- und Verwaltungskosten von Netflix stiegen im zweiten Quartal 2026 um 18 Prozent – und damit deutlich schneller als der Umsatz, der im gleichen Zeitraum lediglich um 13 Prozent zulegte.
Auch der Aktienkurs war bereits Thema. Am 14.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Netflix-Aktie seit dem Allzeithoch im Juni 2025 um 43 Prozent gefallen ist, während der S&P 500 im gleichen Zeitraum um 23 Prozent zulegte. Sorgen um ein nachlassendes Wachstum, zunehmende Konkurrenz durch Kurzvideo-Plattformen und Künstliche Intelligenz sowie eine veränderte Berichterstattung des Managements hatten den Druck auf den Kurs erhöht.
Am 10.10.2026 meldete aktien.news zudem, dass die Netflix-Aktie auf ein Zweijahrestief gefallen war. Das Unternehmen verlor den Bieterstreit um die Übernahme von Warner Bros. Discovery an Paramount, das heute Skydance heißt – ein Schritt, der Netflix im Wettbewerb um Inhalte strukturell geschwächt hat.
Der Versuch der Streaming-Gruppe, Warner Bros. Discovery Anfang dieses Jahres zu übernehmen, war als Gegenmittel gegen die Programmierungsprobleme gesehen worden. Er hätte Netflix Zugang zu einer umfangreichen Bibliothek der wertvollsten Hollywood-Franchises und enge Beziehungen zu den größten Talenten der Branche verschafft. Paramount, das nun Skydance heißt, setzte sich letztlich mit seinem Angebot für WBD durch.
Erst am 17.09.2026 hatte aktien.news berichtet, wie Bajaria die Event-Strategie für Live-Sport definierte. In einem exklusiven Interview mit CNBC Sport sagte sie: „Das Besondere an einem Event ist, dass es buzzfähig ist, kulturell relevant und den Zeitgeist trifft – dieser wirklich unverzichtbare Moment.“ Sie sprach aus Melbourne, Australien, wo Netflix kürzlich das erste reguläre NFL-Spiel im Land übertrug. Die San Francisco 49ers besiegten die Los Angeles Rams mit 27:7.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Personalie ein Signal, dass Netflix die Schwäche im Programmbereich als zentrales Problem erkennt. Obwohl Netflix weiterhin den Streaming-Markt dominiert, fällt es seinen Film- und Fernsehproduktionen in letzter Zeit schwer, die Art von kulturellen Hits zu produzieren, die einst das Wachstum des Unternehmens vorantrieben – etwa „Stranger Things“ und „Wednesday“. Sarandos sagte auf einer Konferenz im vergangenen Monat: „Insgesamt wachsen wir nicht so schnell, wie ich es mir wünsche, und wir arbeiten daran, diesen Schritt zu beschleunigen.“
Der Austausch an der Content-Spitze ist damit der Versuch, das wichtigste Produkt des Unternehmens – die Inhalte – wieder wettbewerbsfähiger zu machen. Gleichzeitig zeigt der parallele Stellenabbau, dass Netflix auch auf der Kostenseite gegensteuert. Anleger sollten beachten, dass die Aktie bereits erheblich gefallen ist; die Bewertung spiegelt einen Teil der Sorgen wider. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Netflix experimentiert mit neuen Programmformaten, darunter Video-Podcasts und Live-Sport, während es mit YouTube und TikTok um die Aufmerksamkeit der Zuschauer konkurriert. Das Unternehmen wird am Dienstag seine Quartalszahlen berichten. Rice tritt sein Amt am 26. Oktober an. Insider warten darauf zu sehen, wen er für Schlüsselpositionen auswählen wird und wie große Filmprojekte wie „La Bola Negra“ und „Narnia“ abschneiden werden.
Kurz erklärt
- Chief Content Officer: Leitende Führungskraft, die das gesamte Programmangebot eines Medienunternehmens verantwortet.
- Streaming: Verbreitung von Film- und Fernsehinhalten über das Internet statt über klassisches Kabel- oder Satellitenfernsehen.
- Nutzerbindung: Kennzahl dafür, wie gut ein Unternehmen seine bestehenden Kunden hält und zum Bleiben bewegt.
