Nestlé entwickelt neue Produkte speziell für Ozempic-Nutzer
Der Schweizer Lebensmittelriese setzt auf KI und Ernährungswissenschaft, um den GLP-1-Boom als Geschäftschance zu nutzen.

Nestlé will den rasanten Aufstieg von Abnehmmedikamenten wie Ozempic und Wegovy nicht als Bedrohung, sondern als Wachstumschance begreifen. Der Schweizer Lebensmittelkonzern setzt dabei auf künstliche Intelligenz und Ernährungswissenschaft, um Produkte zu entwickeln, die speziell auf die Bedürfnisse von GLP-1-Nutzern zugeschnitten sind. Rund 16 Millionen Amerikaner nehmen laut der Boston Consulting Group bereits solche Medikamente ein – eine Zahl, die bis Ende des Jahrzehnts stark ansteigen soll.
Die schnelle Verbreitung von GLP-1-Präparaten der Hersteller Novo Nordisk und Eli Lilly hat bei Investoren Sorgen ausgelöst, dass appetitzügelnde Arzneimittel die Nachfrage nach verpackten Lebensmitteln, Snacks und Getränken dauerhaft senken könnten. Nestlé sieht das anders: Das Unternehmen ist überzeugt, dass diese Medikamente gleichzeitig einen neuen Markt für Produkte schaffen, die Nebenwirkungen eines schnellen Gewichtsverlusts adressieren. „Wir sind mit unserem Portfolio gut aufgestellt. Es ist eine riesige Chance für unser Unternehmen", sagte Chief Technology Officer Stefan Palzer gegenüber Reuters.
Muskelschwund und „Ozempic-Gesicht" als Produktchance
Präsentationsunterlagen, die Reuters vorlagen, benennen konkrete Nebenwirkungen des schnellen Gewichtsverlusts, darunter Muskelschwund und den Verlust von Gesichtsfett – ein Phänomen, das in der Öffentlichkeit als „Ozempic-Gesicht" bekannt ist. Nestlé hat diese Probleme als Ansatzpunkte für neue Produkte identifiziert. „Ein wesentlicher Aspekt des Gewichtsverlusts ist, dass Menschen magere Muskelmasse verlieren", erklärte Palzer. „Wir haben eine Kombination aus zwei Mikronährstoffen gefunden und industrialisiert, die das Wachstum von Muskelgewebe stimulieren."
Konkret hat Nestlé bereits erste Produkte auf den Markt gebracht: Die US-Sparte des Konzerns entwickelte den Boost Advanced Nutrition Shake, der mit 35 Gramm Protein vermarktet wird, um die Muskelgesundheit während der Gewichtsabnahme zu unterstützen. In Asien und Australien führte Nestlé zudem eine proteinreichere Version seines Malzgetränks Milo unter dem Namen Milo PRO High Protein ein. Darüber hinaus hat das Unternehmen seiner Marke Vital Proteins Kollagen-Protein hinzugefügt, um Bedenken hinsichtlich der Gesundheit von Haut, Haaren und Nägeln zu begegnen.
Palzer gab außerdem an, dass Nestlé Kombinationen aus hauseigenen Inhaltsstoffen patentiert habe, die den Appetit bei Konsumenten zügeln sollen, die nach dem Absetzen von GLP-1-Behandlungen häufig unter verstärktem Hungergefühl leiden.
KI als zentrales Werkzeug der Produktentwicklung
Künstliche Intelligenz spielt in Nestlés Strategie eine zentrale Rolle. Das Unternehmen hat interne Systeme entwickelt, um wissenschaftliche Literatur zu analysieren, Verbraucherverhalten zu simulieren und aufkommende Trends zu identifizieren. Dazu gehört eine interne Plattform namens Food Genie, die Wissenschaftlern und Produktentwicklern hilft, die Erfolgsaussichten von Rezepten vorherzusagen und Möglichkeiten für Reformulierungen zu erkennen. Die Plattform unterstützt die Navigation durch eine Datenbank mit rund 120.000 Rezepten.
Nestlé testet zudem KI-gesteuerte Verbrauchersimulationen, um vorherzusagen, wie Käufer auf neue Produkte und Gesundheitsversprechen reagieren – noch bevor diese in den Regalen stehen. Auch die Überwachung sozialer Medien zur Erkennung aufkommender Verbrauchertrends gehört zum KI-Einsatz des Konzerns. „Man sieht ein Rauschen um bestimmte Themen und kann dann daraus schließen, ob es sich um einen dauerhaften Trend handelt oder nicht", so Palzer.
Kritik von Ernährungsexperten
Nicht alle Experten teilen Nestlés Optimismus. Amanda Avery, außerordentliche Professorin für Ernährung und Diätetik an der University of Nottingham, äußerte Skepsis gegenüber dem Mehrwert solcher Spezialprodukte. „Es ist bedauerlich, dass wir uns ständig neuen Produkten zuwenden, die teurer sind als unverarbeitete, frische Lebensmittel, die dieselben Proteine und Nährstoffe enthalten", sagte sie. Sie verwies darauf, dass Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte, Bohnen, Nüsse und Hülsenfrüchte weiterhin kostengünstige Quellen für Proteine und Nährstoffe seien.
Dennoch räumte Avery ein, dass die Produkte Abnehmer finden werden: „Leider lassen wir uns stark vom Marketing beeinflussen. Nestlé wird seine Marktforschung betrieben haben." Auch andere Lebensmittelhersteller reagieren auf den GLP-1-Trend und setzen verstärkt auf proteinreichere Produkte, kleinere Portionen und einfachere Zutatenlisten. Der Wettbewerb um die wachsende Zielgruppe der Abnehmmedikament-Nutzer hat damit klar begonnen.
