Anzug-Renaissance und Krise der Spirituosen-Branche im Vergleich
Zwei Branchen, zwei Schicksale: Während Maßanzüge als Lifestyle-Produkt boomen, kämpft die Spirituosen-Industrie mit strukturellen Problemen.

Der globale Anzugmarkt und die weltweite Spirituosen-Branche durchlaufen derzeit tiefgreifende Transformationen – mit gegensätzlichen Vorzeichen. Während Maßschneider eine unerwartete Kulturrenaissance erleben, kämpfen Spirituosenhersteller wie Davide Campari-Milano mit Kursverlusten, Führungswechseln und veränderten Konsumgewohnheiten. Beide Entwicklungen spiegeln einen fundamentalen Wandel im Verbraucherverhalten der Mitte der 2020er-Jahre wider.
Zu Beginn der Pandemie schienen die Prognosen eindeutig: Der klassische Büroanzug würde im Zuge von Homeoffice und Remote-Work verschwinden. Diese Vorhersage hat sich als falsch erwiesen. Laut einem Bericht von Bloomberg Europe erlebt der Anzug eine bemerkenswerte kulturelle Wiedergeburt – nicht als Pflichtkleidung, sondern als Medium für persönlichen Ausdruck und Freizeitgestaltung.
Besonders sichtbar ist dieser Wandel in Boutiquen wie The Armoury im New Yorker Upper East Side. Dort kaufen Kunden keine Anzüge mehr aus beruflicher Notwendigkeit, sondern aus echter Leidenschaft für das Handwerk. Japanische Schneider wie Yamamoto-san von Tailor Caid, der zweimal jährlich New York besucht, verzeichnen eine wachsende Stammkundschaft, die monatelang auf einen Beratungstermin wartet. Der Anzug ist damit vom Symbol beruflicher Verpflichtung zum kuratierten Ausdruck persönlicher Identität geworden.
Campari verliert fast 60 Prozent seines Börsenwerts
Während die Modewelt in der Tradition neue Kraft schöpft, steht die Spirituosen-Branche unter erheblichem Druck. Campari, der Konzern hinter der allgegenwärtigen Marke Aperol, hat bis Ende 2024 fast 60 Prozent seines Börsenwerts eingebüßt. Wie die Wirtschaftswoche berichtet, ist dieser Rückgang auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren zurückzuführen: ein abrupter Führungswechsel, kartellrechtliche Untersuchungen in China sowie eine branchenweite Verlangsamung.
Paradoxerweise zeigt sich die fundamentale finanzielle Gesundheit des Unternehmens vergleichsweise robust. Umsatz und Nettogewinn sind seit 2019 kontinuierlich gewachsen. Diese Diskrepanz zwischen Börsenbewertung und operativer Leistung spaltet die Analystengemeinschaft: Die einen sehen eine unterbewertete Kaufgelegenheit, die anderen ein riskantes Investment mit strukturellen Problemen.
Das Kernproblem liegt im veränderten Geschmack amerikanischer Konsumenten. Der „Aperol Spritz", der mehr als ein Viertel von Camparis Gesamtumsatz ausmacht, bekommt ernsthafte Konkurrenz durch Bacardis St. Germain Holunderblütenlikör. Der „Hugo"-Cocktail, der in den USA gerade seinen Durchbruch erlebt – rund 15 Jahre nach seinem europäischen Höhepunkt –, bedroht Aperols Marktstellung direkt. Im jüngsten Quartal verzeichnete Campari einen Rückgang der US-Verkäufe um 4 Prozent, während St. Germain im gleichen Zeitraum um 40 Prozent zulegte.
Gesundheitstrends und Cannabis als neue Konkurrenz
Über den Markenwettbewerb hinaus sieht sich die gesamte Alkoholbranche mit einem grundlegenden Lebenswandelwandel konfrontiert. Mehrere Faktoren tragen zur Abkühlung des Spirituosenmarkts bei:
Gesundheitsbewusstsein:
Der Einsatz von GLP-1-Agonisten (Abnehmspritzen) wird als wesentlicher Faktor für den Rückgang des Alkoholkonsums genannt, besonders bei älteren Bevölkerungsgruppen. -
Cannabis als Substitut:
Eine Bloomberg-Studie ergab, dass 59 Prozent der Befragten Alkohol zunehmend durch Cannabis ersetzen – eine direkte Herausforderung für klassische Getränkehersteller. -
Wirtschaftlicher Gegenwind:
Globale Konjunktursorgen schmälern das verfügbare Einkommen und führen zu einem Rückgang des Konsums in Bars und Restaurants.
Für Investoren ergibt sich daraus ein klassisches Dilemma. Die Bewertungen von Unternehmen wie Campari sind attraktiver geworden – die Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind von den Hochs des Jahres 2020 deutlich zurückgekehrt. Doch die strukturellen Risiken bleiben erheblich: veränderte Sozialgewohnheiten, neue Produktkategorien als Konkurrenz und ein zunehmend gesundheitsbewusster Konsument.
Gemeinsamer Nenner: Anpassung oder Bedeutungsverlust
Der Vergleich beider Branchen offenbart ein übergreifendes Thema: die Notwendigkeit zur Anpassung. Die Schneiderkunst hat überlebt, indem sie sich vom Büro löste und sich als Luxus-Hobby neu erfand. Die Spirituosen-Branche hingegen ringt darum, in einer Ära relevant zu bleiben, in der Konsumenten gesundheitsbewusster sind und offen für alternative Entspannungsformen.
Beide Entwicklungen unterstreichen, dass das Verbraucherverhalten nicht mehr von den starren Normen der Vergangenheit geprägt wird. Ob die Abkehr vom Unternehmensanzug oder vom klassischen Cocktail – der gemeinsame Nenner ist ein Konsument, der zunehmend individualistisch, gesundheitsorientiert und bereit ist, etablierte Marken zugunsten neuer Erfahrungen aufzugeben.
