Neoclouds: Wall Street wird bullish, doch Risiken sind enorm
KI-Spezialisten wie CoreWeave und Nebius begeistern Investoren – doch extreme Volatilität und Schuldenberge machen diese Aktien hochriskant.

Die Wall Street entdeckt eine neue Kategorie von KI-Unternehmen: sogenannte Neoclouds. Diese Firmen bauen eine speziell auf künstliche Intelligenz ausgerichtete Computerinfrastruktur auf und gelten als die riskante Speerspitze von KI-Investitionen. Analysten warnen jedoch, dass diese Aktien nichts für schwache Nerven sind.
Neoclouds unterscheiden sich grundlegend von den etablierten Hyperscalern wie Amazon Web Services, Google Cloud Platform und Microsoft Azure. Während die großen Anbieter seit Jahren Mehrzweck-Supercomputing für viele Großunternehmen anbieten, versuchen Neoclouds, sich als KI-Spezialisten eine Nische zu erschließen. Ihr Geschäftsmodell: Durch die Beschränkung auf KI-spezifische Arbeitslasten wollen sie ihre Dienste für Kunden günstiger anbieten als die Hyperscaler – einige Branchenanalysten nennen etwa ein Viertel der Durchschnittskosten als Ziel.
Extreme Kursschwankungen bei CoreWeave
Das deutlichste Beispiel für die Volatilität dieser Aktien liefert CoreWeave, der größte Akteur im Neocloud-Segment. Das Unternehmen debütierte 2025 an der Nasdaq zu einem Preis von 40 US-Dollar pro Aktie und schloss zuletzt bei 110,14 US-Dollar. Allein im April stieg die Aktie um 42 Prozent – nachdem sie im März um 2 Prozent und im Februar um 15 Prozent gefallen war. Im vergangenen November verlor das Papier zeitweise 45 Prozent, im Januar folgte ein monatlicher Gewinn von 30 Prozent.
Die Analysten von Wolfe Research zeigen sich dennoch optimistisch. In einer Mitteilung vom 16. April schätzen sie, dass CoreWeave in diesem Jahr 150 US-Dollar erreichen und anschließend auf 222 US-Dollar steigen wird. Das liegt deutlich über dem Konsensziel der Wall Street von 128,52 US-Dollar. Als Begründung nennen die Analysten den Zugang des Unternehmens zu fest zugesagten, weitgehend geleasten Kapazitäten sowie die Fähigkeit, schnell modernste Grafikprozessoren (GPUs) zu beschaffen – ein entscheidender Vorteil in einem Markt, der durch GPU-Knappheit und Lieferkettenengpässe begrenzt ist.
Zu den wichtigsten aufstrebenden Neoclouds zählen neben CoreWeave auch Lambda Labs, WhiteFiber, Nebius, Crusoe, TensorWave und Genesis Cloud. Ein Großteil der Aktivitäten in diesem Sektor findet jedoch außerhalb der öffentlichen Aktienmärkte statt. „Die Hauptarbeit bei der KI-Entwicklung und -Monetarisierung findet an Orten statt, zu denen öffentliche Aktieninvestoren keinen Zugang haben. Doch die Augen der öffentlichen Märkte richten sich nun auf die Profiteure der KI, und Neoclouds werden immer relevanter", schrieben die Analysten von Wolfe Research.
Nebius: Aufstrebender KI-Hyperscaler mit Ambitionen
Ein weiterer börsennotierter Neocloud-Anbieter ist das in Amsterdam ansässige Unternehmen Nebius, das ebenfalls an der Nasdaq gelistet ist. Die Aktienanalysten der Citi bezeichneten Nebius im März als „aufstrebenden KI-Hyperscaler" und legten ein Ein-Jahres-Kursziel von 169 US-Dollar fest. Zuletzt schloss die Aktie bei 147,16 US-Dollar, was ein Aufwärtspotenzial von fast 15 Prozent impliziert. Laut Citi hat das Kernsegment KI-Cloud des Unternehmens kürzlich die Profitabilität auf EBITDA-Basis erreicht und strebt mittelfristige EBIT-Margen von 20 bis 30 Prozent an. Zudem seien über 60 Prozent des Investitionsplans für das Geschäftsjahr 2026 bereits gesichert.
Allerdings nahm Nebius Mitte März Schulden in Höhe von 4,34 Milliarden US-Dollar auf, um den Ausbau von Rechenzentren zu finanzieren. Die Reaktion des Marktes war deutlich: Die Aktie verlor im restlichen Monatsverlauf mehr als 20 Prozent.
Schuldenberge als zentrales Risiko
Genau diese Verschuldung ist es, die sowohl Brancheninsider als auch Wall-Street-Analysten Sorgen bereitet. CoreWeave weist laut FactSet ein Verhältnis von Gesamtverschuldung zum bereinigten EBITDA der letzten zwölf Monate von 8,87 auf. Die Gesamtverschuldung des Unternehmens liegt nach verschiedenen Schätzungen zwischen 20 und 30 Milliarden US-Dollar.
David Linthicum, ehemaliger Chief Cloud Strategy Officer bei Deloitte, bringt das Kernproblem auf den Punkt: „Wenn ich CoreWeave oder ähnliche Unternehmen leiten und viele Wetten auf Basis von Krediten eingehen würde, wäre meine Sorge, dass die Liquidität ausgeht. Mit anderen Worten: Die Kreditgeber wollen ihr Geld zurück, bevor ich die Gewinnzone erreiche. Dann muss ich das Unternehmen unter Wert verkaufen, und es wird zu einer Abteilung von Amazon. Das ist das Risiko, und es ist ein erhebliches Risiko."
Linthicum warnt zudem, dass Neoclouds den Zeitplan für ihre Profitabilität zu optimistisch einschätzen: „Ich denke, die Neocloud-Anbieter geben sich einer gewissen Illusion hin, wie schnell dieser Markt ihrer Meinung nach abheben wird. Sie glauben, dass der Wendepunkt innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre eintreten wird. Ich denke, es wird eher ein mühsamer Weg von fünf bis zehn Jahren sein, genau wie beim Cloud-Thema."
Berater von McKinsey hatten bereits im vergangenen Jahr gewarnt: „Neoclouds entstanden ursprünglich als Notlösungen, um den Mangel an Grafikprozessoren zu beheben, aber ihre wirtschaftliche Basis im Bereich Bare-Metal-as-a-Service ist fragil."
KI-Nachfrage ist real – aber reicht sie aus?
Jenseits der Wettbewerbsdynamik steht der gesamte Sektor vor einem fundamentalen Risiko: dass KI keine ausreichende kommerzielle Basis bei Unternehmen und Verbrauchern findet und die Nachfrage stagniert, bevor die Investitionsausgaben die zur Kreditrückzahlung nötigen Renditen erwirtschaften.
Einige Analysten sehen jedoch konkrete Belege für eine reale Nachfrage. Jed Dougherty, Senior Vice President für KI und Plattformen bei Dataiku, sagte gegenüber CNBC: „Es ist kein geschlossener Kreislauf. Es ist nicht vorgetäuscht. Die Leute brauchen diese massiven, unglaublich teuren Chips wirklich." Als Beispiel nannte er den japanischen Konzern SoftBank: „SoftBank hat seine Vertriebspipeline mit Dataiku-Agenten transformiert. Sie haben errechnet, dass dadurch 250.000 Stunden pro Jahr im Vertrieb eingespart wurden."
Für Privatanleger gilt: Neoclouds bieten enormes Wachstumspotenzial, aber auch außergewöhnlich hohe Risiken. Die Kombination aus extremer Kursschwankung, hoher Verschuldung und ungewissem Profitabilitätszeitplan macht diese Aktien zu einer Anlage, die sorgfältige Abwägung erfordert.
