München als Start-up-Hochburg: Wie UnternehmerTUM die Gründerszene prägt
Eine 109-seitige Diplomarbeit legte den Grundstein für Deutschlands führenden Start-up-Standort.

München ist bundesweit führend bei Gründungen pro Einwohner und deutschlandweit Spitze bei Start-up-Finanzierungen. Rund 1700 Start-ups zählt die Stadt, etwa 70 Prozent davon im Techsektor. Was heute wie ein selbstverständliches Ökosystem wirkt, begann mit einer akademischen Arbeit: einer 109-seitigen Diplomarbeit, die im November 2000 eingereicht wurde.
Ihr Autor war Helmut Schönenberger, damals 28 Jahre alt, heute 54. Er hatte in den USA recherchiert und Stanford als Vorbild ausgemacht. Aus seinem Konzept entstand ein Gründerzentrum, dessen Name auf die Technische Universität München verweist: die UnternehmerTUM. Die gemeinnützige GmbH wurde 2002 gegründet und hat seither über 1000 Start-ups auf den Weg gebracht.
Ein Ökosystem aus Wissenschaft, Kapital und Politik
Die Erfolgsbasis Münchens ist breit: TU München, Ludwig-Maximilians-Universität, Fraunhofer, Helmholtz und Max Planck liefern Forschung und Talente. Die Dimensionen sind beachtlich — an der Stanford University studieren gut 1500 Informatiker, an der TU München sind es 7000. Um die Jahrtausendwende verbündeten sich Wissenschaft, Kapital und Politik, um diese Stärke in Gründungen zu übersetzen.
Die UnternehmerTUM vernetzt Studenten mit Konzernen und Kapitalgebern. Jährlich nehmen über 17.000 Menschen an ihren Seminaren teil, rund 5000 neue Arbeitsplätze entstehen pro Jahr. Mit 500 Mitarbeitern und zwölf Venture-Labs — unter anderem zu Food/Agro/Biotech, Aerospace/Defense sowie Robotics/AI — deckt sie zentrale Zukunftsfelder ab. Die Labs liegen nahe Unternehmen wie BayWa, Hensoldt und Isar Aerospace. Finanziert wird das Ganze zu 60 Prozent aus dem Budget kooperierender Unternehmen.
Zu den Partnern zählen Allianz, BMW, Siemens, SAP, Hörmann und Google X. Hinzu kommen weitere Zentren wie BayStartUP, Werk1, das Strascheg Center for Entrepreneurship und das LMU IEC. Am Olympiapark entstand mit dem Munich Urban Colab ein Ort inklusive Makerspace.
Kapital, das den Standort anzieht
Auch die Finanzierungsseite ist gewachsen. UVC Partners legte 2010 seinen ersten Fonds auf und sammelte zunächst 25 Millionen Euro in anderthalb Jahren ein. Heute verwaltet die Gesellschaft 800 Millionen Euro. Das erste Investment war Flix, das inzwischen 5500 Mitarbeiter beschäftigt und 2023 erstmals über 2 Milliarden Euro Umsatz erzielte.
Zu den Aushängeschildern gehört Celonis: 2011 von Bastian Nominacher gegründet, heute über 3000 Mitarbeiter und eine Bewertung von mehr als 13 Milliarden Dollar. Aus dem Unternehmen sind 20 weitere Start-ups ausgegründet worden. Orbem, 2019 gegründet, wuchs von drei auf über 200 Mitarbeiter. Die MRT-gestützte Eier-Analyse dauert im Krankenhaus 20 Minuten, bei Orbem nur eine Sekunde; das Produkt ist seit 2023 auf dem Markt und das Unternehmen seit Markteintritt profitabel.
Für Aufsehen sorgt Proxima Fusion: Die 2023 gegründete Firma sammelte in einer Runde 411 Millionen Euro ein und wird mit 2,4 Milliarden Euro bewertet. Gründer Francesco Sciortino ist 33 Jahre alt; aktuell beschäftigt das Unternehmen 170 Mitarbeiter, für die 2030er-Jahre ist ein Ziel von über 5000 Mitarbeitern formuliert. Ein Fusionskraftwerk in Gundremmingen ist mit 2 Milliarden Euro veranschlagt. Die Kernfusion ist bei Ministerpräsident Markus Söder Chefsache.
Internationale Strahlkraft und ein Wermutstropfen
Die Anziehungskraft reicht über Europa hinaus. US-Konzerne wie Amazon, Apple, OpenAI und <a class="tvreplink" target="_blank" href="https://de.tradingview.com/symbols/Nasdaq%3AMSFT">Microsoft betreiben Dependancen an der Isar, JP Morgan eröffnete ein Büro in der Maximilianstraße. Internationale Investoren, Venture-Arme und Family Offices — etwa von Strüngmann und Schörghuber — sind präsent, ebenso Private-Equity-Häuser wie General Atlantic und Vsquared Ventures. Zur Oktoberfestzeit treffen sich Gründer bei Bits & Pretzels von Felix Haas; das Munich Start-up Festival im Backstage wirbt mit dem Schild „The next Unicorn starts here".
Susanne Klatten, eine der wichtigsten Förderinnen, formulierte die Haltung hinter dem Erfolg so: „Wir sollten keine Beamten sein, sondern selbst Unternehmer." Und sie ordnet ein: „Hätten wir in Deutschland zehn Zentren wie die UnternehmerTUM, wären wir so gründungsstark wie die USA." Schönenberger blickt mit Selbstironie zurück: „In den ersten zehn Jahren haben die meisten über uns gelacht."
Nicht alles glänzt. Lilium meldete Insolvenz an — die Technik galt als herausragend, doch beim Wettbewerb um Staatshilfen entstand ein Nachteil. Für Privatanleger zeigt München dennoch ein Muster: langfristige Planung, die Ökonomie der Nähe und ein dichtes Netz aus Forschung, Kapital und Industrie. Schönenberger soll das Konzept inzwischen in zehn weitere Städte bringen.
