Moorhuhn-Entwickler Phenomedia: Vom Börsen-Star zum Bilanzskandal
Wie aus einem viralen Kneipengag ein 400-Millionen-Börsenwert wurde – und alles im Desaster endete.

Ende 1998 begann in deutschen Kneipen eine Marketing-Aktion, die zur Legende werden sollte. Werbeteams in Jäger-Outfits präsentierten Nachtschwärmern ein simples Computerspiel: die Moorhuhnjagd. Wer treffsicher auf die bunten Vögel zielte, erhielt einen Gratisdrink der Whiskymarke Johnnie Walker.
Was als Werbeaktion gedacht war, entwickelte sich zum Phänomen. Etwa ein Jahr später war das Spiel millionenfach auf deutschen Rechnern installiert – auch in Büros. Unternehmen schlugen Alarm, weil Mitarbeiter während der Arbeitszeit auf virtuelle Hühner ballerten statt ihrer eigentlichen Tätigkeit nachzugehen.
Die Spieleentwickler Frank Ziemlinski und Markus Scheer erkannten das kommerzielle Potenzial. Mit ihrer Firma Phenomedia brachten sie das Moorhuhn auf den Markt und ritten auf der Welle des Neuen Marktes direkt an die Börse. Der Börsengang spülte 22 Millionen Euro in die Kassen der kleinen Softwareschmiede.
Vom Hype zum Höhenflug
"Wir wurden mit fremdem Geld nur so zugeworfen, aber wir hatten nicht die Fähigkeit, damit umzugehen", gestand Scheer Jahre später. Das Moorhuhn entwickelte sich zum Kulturgut: Comedian Wigald Boning komponierte einen Song, Harald Schmidt griff das Phänomen in seiner Late-Night-Show auf. Der Aktienkurs explodierte – zeitweise lag der Börsenwert bei knapp 400 Millionen Euro.
Doch während die Spieler Federn fliegen ließen, geriet Phenomedia ins Visier der Ermittler. Im April 2002 der Schock: Die Jahresabschlüsse von 1999 bis 2001 enthielten nicht existente Umsätze und Forderungen. KPMG verweigerte das Testat für 2001.
Selbstanzeige und Verurteilung
Markus Scheer und Finanzchef Björn Denhard gestanden die Manipulationen gegenüber dem Aufsichtsrat und zeigten sich selbst an. 2004 begann der Prozess, der sich über fünf Jahre hinzog. Das Landgericht Bochum verurteilte beide 2009 wegen Bilanzfälschung, Kreditbetrug und Untreue.
Scheer erhielt drei Jahre und zehn Monate Haft, Denhard drei Jahre. Wegen der langen Verfahrensdauer wurden 15 Monate erlassen. "Wir haben ein Spiel gespielt: Monopoly – aber mit echtem Geld", resümierte Scheer über seine Zeit als vermeintlicher New-Economy-Star.
Die Moorhuhn-Rechte gingen an die neugegründete Phenomedia Publishing GmbH. Geschäftsführer Helge Borgarts führte das Unternehmen vorübergehend in die Gewinnzone, bevor 2017 endgültig Schluss war.
Das Moorhuhn lebt weiter
Die Marke selbst überlebte den Skandal. 2025 erschien mit Moorhuhn Kart 4 ein neues Rennspiel. Das virtuelle Federvieh, das einst einen der spektakulärsten Börsenskandale der New-Economy-Ära auslöste, ist bis heute auf den Bildschirmen präsent – als Mahnmal für die Exzesse jener Zeit.
