Mittelalterliche Weisheit als moderner Ratgeber: Todsünden neu entdeckt
Peter Jones' Buch nutzt die sieben Todsünden als psychologisches Werkzeug – eine überraschend zeitgemäße Anleitung zur Selbstreflexion.

Ein neues Buch des Historikers Peter Jones zeigt, dass die sieben Todsünden des Mittelalters weit mehr sind als religiöse Mahnungen. „Self-Help from the Middle Ages" erscheint bei Hutchinson Heinemann für 20 Pfund beziehungsweise 30 US-Dollar und umfasst 368 Seiten. Es liefert einen faszinierenden Blick in die Psychologie des Mittelalters – und in unsere eigene.
Die sieben Todsünden – Hochmut, Zorn, Neid, Trägheit, Habgier, Völlerei und Wollust – werden in ihrer klassischen Reihenfolge absteigender Schwere behandelt. Jones nutzt sie nicht als moralische Verurteilungen, sondern als strukturiertes Diagnosewerkzeug für seelische Unausgeglichenheit. Wer sich unerwartet erregt, wütend oder eifersüchtig fühlt, findet in dieser Systematik einen klaren Weg zurück zur inneren Balance.
Judith und Holofernes: Zorn in seiner rechtschaffenen Form
Besonders eindrucksvoll illustriert Jones das Konzept des Zorns anhand der alttestamentarischen Figur der Judith. Die Witwe, deren belagerte Stadt kurz vor dem Fall an den despotischen Holofernes steht, legt ihre Trauerkleidung ab, verführt den Feldherrn und schlägt ihm im betrunkenen Schlaf den Kopf ab. Jones präsentiert dazu eine Seite mit sechs mittelalterlichen Illustrationen, die verschiedene emotionale Abstufungen zeigen – von koketter Verführung bis hin zu wilder Grausamkeit.
Doch der Autor unterscheidet sorgfältig zwischen gerechtfertigtem und kleinlichem Zorn. Während Judiths Tat „tosenden Applaus" verdient, empfiehlt Jones für die lästige Irritation über einen redseligen Universitätskollegen eher tiefes Durchatmen und mitfühlende Vergebung statt Enthauptung. Diese Differenziertheit zieht sich durch das gesamte Werk.
Für jede Sünde bietet Jones entsprechende Heilmittel an. Neid, so warnt er, kann sich von harmlosen Tagträumen zu gefährlicher Paranoia steigern; Hochmut reicht von geringfügiger Eitelkeit bis hin zu Allmachtsfantasien mit katastrophalen Folgen. Die Trägheit – das vierte und zentrale Vergehen – wird als Folge von Trauma oder Trauer verstanden, als eine Art Depression des Herzens. Sie lässt sich laut Jones nur sanft überwinden, indem man lernt, wieder zu lieben.
Mittelalterliche Medizin und sieben Stufen der Trunkenheit
Besonders amüsant sind die historischen Details, die Jones einstreut. Mittelalterliche Ärzte behandelten Trägheit unter anderem mit Theriak – einem Beruhigungsmittel aus Vipernfleisch, Honig und destillierten Lilien. In der Schublade der Völlerei begegnen dem Leser sechs Stufen mittelalterlicher Trunkenheit. Historiker Richard Unger hat errechnet, dass der durchschnittliche Engländer im Mittelalter täglich etwa sieben Pints Bier trank.
Auch das Thema Wollust wird überraschend nüchtern behandelt. Selbst Bernhard von Clairvaux – neben Katharina von Siena, Franz von Assisi und Thomas von Aquin einer von Jones' Lieblingsheiligen – entwickelte dazu erstaunlich realistische Theorien. Jones führt seine Leser von einem sibirischen Universitätscampus durch unzählige Bibliotheken, Abteien und Gewölbe in ganz Europa, zu Dokumenten, die seit Jahrhunderten nicht eingesehen wurden, zu Gräbern, Reliquienschreinen und sogar – buchstäblich – zum Heiligen Gral.
Die Gelehrsamkeit des Autors ist beeindruckend tief, wird aber mit spielerischer Leichtigkeit getragen. Jones ist zu keinem Zeitpunkt pompös oder belehrend. Sein Buch ist amüsant, informativ und – was vielleicht am meisten überrascht – optimistisch. Die Botschaft: Unsere mittelalterlichen Vorfahren waren uns psychologisch sehr ähnlich, nur ein gutes Stück weiser im Umgang mit sich selbst.
Für Leser, die sich für Psychologie, Geschichte und Selbstreflexion interessieren, bietet „Self-Help from the Middle Ages" einen ungewöhnlichen, aber höchst lohnenden Einstieg. Das Buch erscheint auf Englisch und wurde von der FT-Chefredakteurin Roula Khalaf in ihrem wöchentlichen Newsletter als persönliche Empfehlung hervorgehoben.
