Mercedes-Benz kehrt zu Verbrenner-Investitionen zurück
Luxus-Kunden bevorzugen hochmotorisierte Modelle trotz wachsender E-Mobilität.

Der Autohersteller Mercedes-Benz hat seine ursprünglichen Pläne, die Investitionen in Benzin- und Dieselmotoren sowie Hybridaggregate um 80 Prozent zu reduzieren, aufgrund einer Fehleinschätzung des Marktes geändert. Mehrere Manager bestätigten gegenüber dem Handelsblatt, dass diese Vorgabe nun "Geschichte" sei. Obwohl das Unternehmen im April noch an diesem Ziel festhielt, räumt es mittlerweile offiziell den Kurswechsel ein. Die ursprünglich geplante massive Reduktion der Ausgaben wird nicht mehr in der angedachten Form umgesetzt. Stattdessen wird wieder vermehrt in klassische Triebwerke investiert, insbesondere in Benzinmotoren. Dies bedeutet eine Abkehr vom reinen "Electric only"-Ansatz hin zu einem diversifizierten Portfolio aus Elektrofahrzeugen, Plug-in-Hybriden und Verbrennungsmotoren.
Mercedes-Chef Ola Källenius reagiert damit auf eine Fehleinschätzung des Marktes für luxuriöse Fahrzeuge. Besonders in China betrachten vermögende Kunden hochmotorisierte Verbrenner als Statussymbole und sind bereit, hierfür hohe Summen auszugeben. Im Gegensatz dazu zeigt sich bei vollelektrischen Luxusautos eine geringere Zahlungsbereitschaft. Während Mercedes in China monatlich mehr als 4.000 Fahrzeuge der S-Klasse verkauft, werden von der elektrischen Version EQS im selben Zeitraum nur etwa 74 Stück abgesetzt. Auch in Europa verzeichnet der EQS rückläufige Verkaufszahlen, wobei der Absatz in den ersten Monaten des Jahres 2024 im Vergleich zum Vorjahr um fast 53 Prozent gesunken ist. Auch das kleinere Modell EQE zeigt ähnliche Tendenzen. Im Gegensatz dazu sind große Verbrenner-SUVs wie der GLS weiterhin gefragt.
Aufgrund der anhaltend starken Nachfrage nach Verbrennern reagiert Mercedes nun entsprechend. Der Lebenszyklus wichtiger Modelle wie GLC, E-Klasse, GLE und S-Klasse mit Ottomotoren soll verlängert und mit umfangreichen technischen und optischen Updates versehen werden. Geplant ist eine Zentralisierung der Elektrik und Elektronik in diesen Modellen, um die aktuell noch komplexen Verkabelungen zu reduzieren. Diese Modernisierungen erfordern Milliardeninvestitionen, zumal Mercedes seine Elektrosubmarke EQ und das One-Bow-Design weitgehend aufgibt und die Optik der Elektroautos künftig den Verbrennern angleichen wird. Dies soll die neuen Stromer ähnlich majestätisch wirken lassen wie die traditionellen Modelle.
Um die Kosten im Rahmen zu halten, wurde die Entwicklung einer neuen Elektroplattform für große Modelle, die für 2028 geplant war, vorerst gestoppt. Stattdessen sollen kostspielige Elemente wie Produktionsanlagen und die Bodengruppe von bestehenden Plattformen übernommen werden, um Kosten zu sparen, ohne die Qualität zu beeinträchtigen. Die Weiterentwicklung wichtiger Komponenten wie Elektrik, Antriebstechnik und Software läuft hingegen wie geplant weiter. Mercedes plant, seine Verbrenner- und Getriebekombinationen umfassend zu überarbeiten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Källenius betonte, dass die Motoren stets auf dem neuesten technologischen Stand sein müssen, um das Verbrennergeschäft nicht zu gefährden.
Källenius rechnet nun eher mit einem 50:50-Szenario zwischen Elektro- und Verbrennerfahrzeugen bis zum Jahr 2030. In den USA könnte der Verbrennungsmotor noch lange dominieren, während in China die Marktanteile elektrischer und teilelektrischer Fahrzeuge stark zunehmen. In Europa dürften verschärfte Flottenverbrauchsvorgaben ab 2025 zu einem Anstieg der Elektrofahrzeugverkäufe führen, aber selbst 2029 wird ein signifikanter Marktanteil von 34 Prozent für Diesel- und Benzinfahrzeuge erwartet. Hybride und Plug-in-Hybride könnten dann einen Marktanteil von 16 Prozent erreichen. Trotz des erwarteten Anstiegs der Elektroautozulassungen in Europa bleibt der Verbrennungsmotor noch lange relevant. Källenius hat gelernt und setzt auf einen flexiblen Antriebsmix, um den Kundenwünschen gerecht zu werden.
