Kiew unter Dauerbeschuss: 24 Stunden im Ausnahmezustand
Ein WSJ-Report zeigt, wie die Menschen in Kiew zwischen Luftalarm, Ausgangssperre und Alltag ihren Alltag bestreiten.

Über dem Unabhängigkeitsdenkmal auf dem Maidan-Platz, dem zentralen Platz Kiews, funkeln die Sterne am Himmel. Die hohe Säule wird von einer Statue einer Frau in traditioneller ukrainischer Tracht gekrönt. Doch während die Nacht über der ukrainischen Hauptstadt liegt, steht der erste nächtliche Angriff russischer Drohnen auf die Stadt unmittelbar bevor.
Die Stadt befindet sich weiterhin unter einer nächtlichen Ausgangssperre. Ihre mehr als drei Millionen Bewohner versuchen dennoch zu schlafen. Knallende Schüsse ertönen, während die Luftabwehr auf die mit Jet-Antrieb ausgestatteten Geran-Drohnen zielt. Diese gelten als potente Weiterentwicklung der iranischen Shahed, die Russland im Rahmen seiner eskalierenden Kampagne von Luftangriffen einsetzt, um Kiew und andere ukrainische Städte zu terrorisieren.
Der Bericht stammt von den Journalisten Anastasiia Malenko, Oksana Grytsenko und Nikita Nikolaienko, mit Fotografien von Serhii Korovayny und Svet Jacqueline sowie Videografie von Anton Shtuka und Alex Stratienko. Er zeichnet ein eindringliches Bild davon, wie sich das Leben in der Hauptstadt unter dem Eindruck ständiger Bedrohung aus der Luft abspielt.
Zwischen Luftalarm und Marktstand
Im Bezirk Lukjaniwka bereitet Maria Yaniuk unterdessen ihren Marktstand vor. Sie hatte nach Mitternacht ihr Dorf in der Zentralukraine verlassen, um vor Tagesanbruch in Kiew einzutreffen und Milch, Sauerrahm, Butter und Hüttenkäse von ihren eigenen Kühen zu verkaufen. Während sie in ihrem Marktstand ihre Schürze bindet, ignoriert Yaniuk die Durchsage über einen Lautsprecher, die den nächsten Luftalarm ankündigt.
„Wo sollen wir denn hinlaufen?“, sagt sie. „Wir haben Waren zu verkaufen.“
Ihre Worte stehen exemplarisch für den Alltag in einer Stadt, in der die Bedrohung aus der Luft zum ständigen Begleiter geworden ist. Die Menschen in Kiew haben Wege gefunden, zwischen Alarmen, Ausgangssperre und Angriffen ihren Lebensunterhalt zu sichern. Der Marktstand von Yaniuk ist dabei nur ein Beispiel für die vielen kleinen wirtschaftlichen Aktivitäten, die trotz der angespannten Sicherheitslage weiterlaufen.
Für deutsche Anleger und Beobachter ist der Bericht ein anschauliches Zeugnis der Lage in der Ukraine. Er verdeutlicht, wie tiefgreifend der anhaltende Konflikt den Alltag der Menschen prägt und wie sehr die Sicherheitslage das öffentliche und wirtschaftliche Leben bestimmt. Die nächtliche Ausgangssperre, die ständigen Luftalarme und die Angriffe mit Drohnen gehören für die mehr als drei Millionen Einwohner Kiews zum Alltag.
Der Bericht der Journalisten zeigt dabei beide Seiten: die Bedrohung durch die eskalierende Luftkampagne Russlands und die Entschlossenheit der Menschen, ihren Alltag trotz allem fortzusetzen. Die Geran-Drohnen, eine Weiterentwicklung der iranischen Shahed, sind dabei ein zentrales Element der Angriffe, gegen die die ukrainische Luftabwehr vorgeht.
Der Artikel erschien ursprünglich im Wall Street Journal und wurde über die Quelle WSJ Finance verbreitet. Er trägt den Titel „So leben wir heute“ und dokumentiert 24 Stunden unter Beschuss in der ukrainischen Hauptstadt.
