Kiekert meldet Insolvenz an
Chinesischer Eigentümer stoppt Zahlungen, 4500 Arbeitsplätze weltweit betroffen

Der Autozulieferer Kiekert hat Insolvenz angemeldet und reiht sich damit in eine wachsende Liste kriselnder Unternehmen der deutschen Automobilbranche ein. Betroffen sind die Kiekert Holding GmbH sowie die Kiekert AG, wie das Amtsgericht Wuppertal bestätigte. Der Geschäftsbetrieb soll nach Angaben des Unternehmens vorerst an allen Standorten weiterlaufen. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Joachim Exner von der Kanzlei Dr. Beck & Partner bestellt, der bereits Erfahrungen mit Verfahren in der Branche gesammelt hat.
Kiekert gilt als Weltmarktführer für Schließsysteme in Fahrzeugen. Das Unternehmen mit Sitz in Heiligenhaus beliefert nach eigenen Angaben über 100 Automobilmarken und ist für das Schließsystemdesign jedes dritten Fahrzeugs weltweit verantwortlich. Der Marktanteil wird mit 21 Prozent angegeben. Rund 4500 Mitarbeiter sind an elf internationalen Standorten beschäftigt, davon etwa 700 in Deutschland. Der Umsatz belief sich 2024 laut Nachhaltigkeitsbericht auf rund 900 Millionen Euro.
Die finanzielle Lage des Traditionsunternehmens, das 1857 gegründet wurde, war bereits seit Jahren angespannt. 2012 übernahm der chinesische Zulieferer Lingyun die Firma, nachdem Kiekert zuvor in Private-Equity-Hand gewesen war. Nach Einschätzung von Branchenkennern erwiesen sich die geopolitischen Spannungen und insbesondere die US-Sanktionspolitik als gravierendes Problem. Amerikanische Kunden stornierten Aufträge, Rating-Agenturen stuften das Unternehmen herab, Banken verweigerten neue Kredite. Hinzu kamen hohe Kosten in Deutschland, die dazu führten, dass die Produktion bestimmter Produkte nach Mexiko verlagert wurde.
Kiekert-Chef Jérôme Debreu machte den chinesischen Eigentümer für die Insolvenz verantwortlich. Dieser habe finanzielle Verpflichtungen in dreistelliger Millionenhöhe nicht erfüllt und keine weiteren Mittel bereitgestellt. Zudem hätten Sanktionen den Gesellschafter daran gehindert, Zugang zu Märkten und Finanzierungen zu erhalten. Debreu betonte, der Ausstieg des Gesellschafters sei entscheidend, um das Wachstum wieder zu beschleunigen und die lange Unternehmensgeschichte fortzusetzen. Der aktuelle Auftragsbestand belaufe sich nach seinen Angaben auf rund zehn Milliarden Euro.
Für die Belegschaft in Deutschland sind die Löhne bis Ende November durch das Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit gesichert. Insolvenzverwalter Exner wird sich zunächst einen Überblick über die Lage verschaffen und Gespräche mit den wichtigsten Autoherstellern aufnehmen, um die Lieferketten zu sichern. Parallel soll die Suche nach Investoren beginnen. Trotz der schwierigen Umstände gilt der Erhalt des Unternehmens aufgrund seiner zentralen Bedeutung für die Branche als realistisch.
Die Insolvenz von Kiekert reiht sich ein in eine Serie von Pleiten in der deutschen Zulieferindustrie. Neben WKW und Eissmann traf es zuletzt Voit Automotive. Experten sehen die Ursachen vor allem in Absatzproblemen, hohen Kosten, den Herausforderungen der E-Mobilität sowie steigendem Wettbewerbsdruck. Insolvenzspezialisten gehen davon aus, dass weitere Betriebe unter diesen Bedingungen in Schwierigkeiten geraten könnten.
