JPMorgan sieht den globalen Ölmarkt wieder in einem Überangebot
Steigende Exporte aus dem Nahen Osten und eine schwächere Nachfrage lassen das Angebot über den Verbrauch steigen, so die US-Bank.

Der globale Ölmarkt ist nach monatelangen Unterbrechungen durch den Konflikt im Nahen Osten wieder in ein Überangebot zurückgekehrt. Das geht aus einer Notiz der US-Investmentbank JPMorgan vom Mittwoch hervor, über die Reuters am 4. November berichtet. Demnach lassen sich erholende Exporte aus der Region und eine schwächere globale Nachfrage das Angebot über den Verbrauch steigen.
Konkret schätzt JPMorgan, dass der globale Ölmarkt im September wieder ein Überangebot von 1,1 Millionen Barrel pro Tag (bpd) aufwies. Im Oktober weitete sich dieses Überangebot auf 1,4 Millionen bpd aus. Damit liegt der Wert fast auf dem Durchschnitt des Vorjahres von 1,3 Millionen bpd.
Die Bank stützt ihre Einschätzung auf zwei Beobachtungen: Sowohl die Lagerbestände als auch die Handelsströme deuteten darauf hin, dass überschüssige Barrel wieder auf den Markt fließen. Die globalen Rohölimporte stiegen im Oktober auf 44,9 Millionen bpd – ein Anstieg von 1,3 Millionen bpd gegenüber dem Vorjahr.
Die Exporte aus dem Nahen Osten erholen sich von einem Tiefststand
Ein entscheidender Faktor für diese Entwicklung ist die Erholung der Ölexporte aus dem Nahen Osten. Sie liegen inzwischen wieder bei rund 20,7 Millionen bpd, nachdem sie im März auf einen Tiefststand von 9,8 Millionen bpd gefallen waren. JPMorgan betont allerdings, dass die Volumina weiterhin unter dem Niveau vor dem Krieg liegen.
Auch die steigende Förderung in anderen Regionen hat zum Überangebot beigetragen. Die Bank schätzt, dass Lateinamerika allein etwa 1,5 Millionen bpd mehr Rohöl liefert als noch vor einem Jahr. Angeführt wird diese Entwicklung von Brasilien, Venezuela, Guyana und Argentinien.
Die globale Nachfrage ist seit Beginn des Konflikts deutlich gesunken
Auf der Nachfrageseite hat der Konflikt ebenfalls Spuren hinterlassen. JPMorgan gibt an, dass die globale Nachfrage seit Beginn des Konflikts um geschätzt 3,3 Millionen bpd gesunken sei. Als Gründe nennt die Bank hohe Kraftstoffpreise und Versorgungsunterbrechungen, die den Verbrauch gedämpft hätten.
Damit trifft ein wachsendes Angebot auf eine schwächere Nachfrage – eine Konstellation, die den Markt ins Überangebot drückt. Für deutsche Anleger ist das insofern relevant, als Ölpreise und die Gewinne von Energieunternehmen eng zusammenhängen. Fällt der Preis, sinken in der Regel auch die Erlöse der Förderer.
Bereits am 30.09.2026 berichtete aktien.news über die Normalisierung der Lieferströme
Bereits am 30.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Rohölflüsse aus dem Nahen Osten wieder auf das Niveau vor dem Krieg zurückkehren. Nach übereinstimmenden, aber separat erstellten Schätzungen von JPMorgan Chase & Co. und Goldman Sachs Group Inc. erreichten die Exporte der Region damals 98 Prozent des Vorkriegsniveaus. Das berichtete Bloomberg Europe unter Berufung auf die beiden US-Investmentbanken. Die Entwicklung verlaufe nach Einschätzung der Analysten allerdings ungleichmäßig.
Ebenfalls am 30.09.2026 meldete aktien.news, dass sich die Ölpreise nach dem stärksten Rückgang seit mehr als einer Woche stabilisiert hätten. Auslöser waren Anzeichen dafür, dass das Angebot aus dem Nahen Osten wieder nahe an das Niveau vor Kriegsbeginn herangerückt ist. Saudi-Arabien hatte den Durchfluss durch eine Pipeline wieder aufgenommen, die die Straße von Hormus umgeht. Der am aktivsten gehandelte Brent-Vertrag notierte damals bei rund 96 US-Dollar pro Barrel, nachdem der internationale Referenzpreis in der vorherigen Sitzung um 1,7 Prozent gefallen war. West Texas Intermediate (WTI), die US-Referenzsorte, lag bei etwa 90 US-Dollar pro Barrel.
Der Blick zurück zeigt zudem, wie stark sich die Einschätzung von JPMorgan im Jahresverlauf gedreht hat. Bereits am 24.04.2026 berichtete aktien.news über eine Warnung der Rohstoffanalystin Natasha Kaneva, wonach die Ölpreise noch erheblich weiter steigen müssten, um ein gefährliches Ungleichgewicht auf den globalen Energiemärkten zu beheben. Am 19.05.2026 folgte eine weitere Analyse von J.P. Morgan unter dem Titel „The illusion of plenty" – zu Deutsch: „Die Illusion des Überflusses" –, in der Kaneva, Leiterin der Rohstoffstrategie-Abteilung, und zwei Kolleginnen vor einer drohenden Versorgungskrise im Juni warnten und die schrumpfenden globalen Ölreserven in den Mittelpunkt stellten.
Für Anleger verschiebt sich das Bild von Knappheit zu Überfluss
Die neue Notiz markiert damit eine deutliche Verschiebung gegenüber dem Frühjahr. Damals stand die Sorge vor einer Versorgungskrise im Vordergrund, nun dominiert ein Überangebot. Für deutsche Privatanleger bedeutet das vor allem eines: Die Treiber, die Ölpreise zuletzt nach oben getrieben haben, verlieren an Kraft, während gleichzeitig zusätzliche Fördermengen aus Lateinamerika und dem Nahen Osten auf den Markt drücken. Wer in Energieaktien oder Rohstoff-ETFs investiert ist, sollte diese Gemengelage im Blick behalten. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Zu beachten ist, dass die Einschätzung von JPMorgan auf Schätzungen beruht. Die Bank stützt sich auf Lagerbestände und Handelsströme, nicht auf amtliche Förderstatistiken. Zudem liegen die Exporte aus dem Nahen Osten weiterhin unter dem Vorkriegsniveau, und die Region ist nach Einschätzung der Analysten ausdrücklich noch nicht zur Ruhe gekommen. Beide Punkte relativieren die Aussagekraft der Überangebots-Prognose.
JPMorgan nennt keine konkreten Termine für eine Trendwende
Die Notiz vom Mittwoch enthält keine Angaben dazu, wann die Bank mit einer Umkehr des Überangebots rechnet. Auch Prognosen für einzelne Quartale oder Preisziele nennt der Bericht nicht. Beobachtenswert bleibt aus Sicht der zitierten Analyse die Entwicklung der Exporte aus dem Nahen Osten sowie die Frage, ob die globale Nachfrage nach dem Rückgang von 3,3 Millionen bpd wieder anzieht. Beide Größen dürften darüber entscheiden, ob sich das Überangebot weiter ausweitet oder zurückbildet.
Drei Fachbegriffe helfen bei der Einordnung der Ölmarktdaten
- Barrel pro Tag (bpd): Eine Mengeneinheit für Rohöl, die angibt, wie viele Fässer täglich gefördert, exportiert oder verbraucht werden.
- Überangebot: Eine Marktlage, in der das verfügbare Angebot den tatsächlichen Verbrauch übersteigt.
- Rohölimporte: Die Menge an Rohöl, die ein Land oder eine Region aus dem Ausland einführt.
