Japan erhöht Visagebühren erstmals seit 1978 um bis zu 400 Prozent
Ab dem 1. Juli zahlen Reisende nach Japan deutlich mehr – Tokio begründet die historische Erhöhung mit Kosten, Wechselkursen und Rekordtourismus.

Japan hebt seine Visagebühren zum ersten Mal seit fast 50 Jahren an – und das drastisch. Ab dem 1. Juli 2026 steigt die Antragsgebühr für ein Einreisevisum von bisher 3.000 auf 15.000 Japanische Yen, umgerechnet rund 93 US-Dollar. Das entspricht einer Erhöhung von 400 Prozent. Visa für die mehrfache Einreise verteuern sich sogar von 6.000 auf 30.000 Yen – ebenfalls eine Verfünffachung.
Die japanische Regierung begründet den Schritt offiziell damit, „auf die aktuellen Preissteigerungen und Wechselkursschwankungen zu reagieren". Der Japanische Yen bewegte sich in den vergangenen Monaten nahe Mehrjahrestiefs, trotz staatlicher Interventionen zur Stützung der Währung. Die letzte Anpassung der Visagebühren liegt fast ein halbes Jahrhundert zurück – sie datiert auf das Jahr 1978.
Rekordtourismus belastet Infrastruktur
Der Zeitpunkt der Erhöhung ist kein Zufall. Japan erlebt seit Jahren einen beispiellosen Tourismusboom. Im Jahr 2024 reisten 36,8 Millionen Besucher ins Land, 2025 waren es bereits 42,6 Millionen – beides Rekordwerte. Laut Mastercard hat sich der Tourismussektor zu einem bedeutenden Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt des Landes entwickelt. Experten, die gegenüber CNBC Stellung nahmen, betonen jedoch, dass die Gebührenerhöhung die Infrastruktur und öffentliche Dienste entlasten soll, die durch den Ansturm erheblich unter Druck geraten sind.
Ob die Maßnahme direkt auf eine Eindämmung des Übertourismus abzielt, bezweifelt Experte Kamble. Er erklärte gegenüber CNBC, dass dies unwahrscheinlich sei. Auch Außenminister Toshimitsu Motegi wurde mit der Einschätzung zitiert, die Erhöhung werde den Tourismus im Land voraussichtlich nicht beeinträchtigen.
Gleichzeitig mit den Visagebühren steigt auch die Ausreisesteuer – von derzeit 1.000 auf künftig 3.000 Yen. Diese gilt für alle Reisenden, die Japan verlassen. Yuki Masujima, Chefökonom und Partner bei der Deloitte Tohmatsu Group, erklärt den Zusammenhang: Ausländische Reisende machen heute 74 Prozent der Ausreisen aus Japan aus. Vor der Einführung der sogenannten „Abenomics" im Jahr 2013 lag dieser Anteil noch bei lediglich 20 bis 30 Prozent. Das Wirtschaftsprogramm des verstorbenen Premierministers Shinzo Abe schwächte den Yen gezielt und kurbelte damit den Einreisetourismus massiv an.
Steuererstattungen als Kostenfaktor
Da ausländische Touristen in Japan Anspruch auf Rückerstattungen der Verkaufssteuer haben, entstehen dem Staat erhebliche Kosten. Masujima erläutert, dass Japan einen Teil dieser Ausgaben ausgleichen müsse – unter anderem durch höhere Gebühren für die Visumerteilung und Ausreisesteuern. Trotz der Erhöhungen glaubt er nicht, dass Touristen dadurch abgeschreckt werden.
Die Zahlen geben ihm recht: Im Japan Brand Survey 2025 des Marktforschungsunternehmens Dentsu gaben 52,7 Prozent der 12.400 Befragten an, Japan erneut besuchen zu wollen. Damit belegte das Land den ersten Platz unter 20 befragten Märkten. Masujima schlussfolgert, dass die starke Tourismusnachfrage den politischen Entscheidungsträgern mehr Spielraum für Gebührenerhöhungen gebe, ohne einen signifikanten Rückgang der Besucherzahlen zu riskieren.
Innenpolitische Dimension und Migrationsrecht
Jesper Koll, Expert Director beim Tokioter Finanzdienstleister Monex Group, sieht in der Gebührenpolitik auch eine innenpolitische Komponente. Im Mai verabschiedete das japanische Oberhaus ein Gesetz, das die Obergrenze für Anträge auf eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis von 10.000 auf 30.000 Yen anhebt. Die Obergrenze für Gebühren zur Änderung des Aufenthaltsstatus steigt sogar von 10.000 auf 100.000 Yen.
Koll nennt zwei Gründe für diese Anpassungen: zum einen die Deckung wachsender Verwaltungskosten für ein effektives Migrationsmanagement, zum anderen das Ziel, höherwertiges Humankapital ins Land zu holen. Japan verfolgt damit eine Strategie, die sowohl fiskalische als auch migrationspolitische Ziele vereint – und das in einem Land, das traditionell eine der restriktivsten Einwanderungspolitiken der Industrienationen betreibt.
