IWF plant Kreditprogramm für Venezuela nach siebenjähriger Pause
IWF-Chefin Georgieva kündigt Wiederannäherung an Venezuela an – unter strengen Bedingungen und nach langer Funkstille.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird Venezuela voraussichtlich ein finanzielles Unterstützungsprogramm anbieten – sofern das Land bestimmte Voraussetzungen erfüllt. Das erklärte IWF-Geschäftsführerin Kristalina Georgieva am Freitag auf einer Pressekonferenz in Washington. Der Weg dorthin werde jedoch lang und anspruchsvoll sein.
IWF und Weltbank hatten ihre Wiederannäherung an Venezuela bereits am Donnerstagabend offiziell bekanntgegeben. Damit endet eine siebenjährige Pause in den Geschäftsbeziehungen, die seit März 2019 unterbrochen waren. Eine vollständige wirtschaftliche Bewertung des Landes hatte zuletzt im Jahr 2004 stattgefunden.
„Nach einer siebenjährigen Pause sind wir entschlossen, uns aktiv in Venezuela zu engagieren, unseren Teil dazu beizutragen, dem Land zu makroökonomischer und finanzieller Stabilität zu verhelfen und den Menschen in Venezuela bessere Tage zu ermöglichen", sagte Georgieva. Gleichzeitig betonte sie: „Es wird kein einfacher Prozess sein."
Datenlage als größtes Hindernis
Die erste und dringlichste Aufgabe auf dem Weg zu einem IWF-Programm ist laut Georgieva die Klärung der Datenqualität Venezuelas. Die vorhandenen Daten seien „sehr unzureichend", und ohne verlässliche Zahlen könnten keine fundierten Entscheidungen getroffen werden. Der IWF habe sich bereits an das venezolanische Finanzministerium, die Zentralbank und das Statistikamt gewandt.
Verlässliche Daten sind auch deshalb entscheidend, weil Venezuela ein komplexes Schuldengeflecht aufweist, das auf über 150 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Bevor ein Kreditprogramm eingeleitet werden kann, ist eine Umschuldung erforderlich. Das IWF-Genehmigungsverfahren schreibt eine detaillierte Schuldenanalyse vor, um die Tragfähigkeit der Verbindlichkeiten sicherzustellen.
Nigel Chalk, IWF-Direktor für die westliche Hemisphäre, bestätigte in einem separaten Briefing, dass bereits ein IWF-Missionsteam für Venezuela gebildet wurde. Dieses arbeitet auf virtueller Basis mit der Regierung der amtierenden Präsidentin Delcy Rodriguez zusammen, die nach der Entmachtung des ehemaligen Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA im Januar die Macht übernommen hat.
Koordinierte Unterstützung mehrerer Institutionen
Georgieva betonte, dass der IWF eng mit der Weltbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank zusammenarbeite, um eine koordinierte Unterstützung für Venezuela zu leisten und so die Wirkung der Hilfsmaßnahmen zu erhöhen. Zudem wolle der IWF am Kapazitätsaufbau arbeiten, um Venezuelas Wirtschaftsinstitutionen zu stärken. Die venezolanischen Behörden würden konstruktiv kooperieren und „guten Glauben" beweisen, so Georgieva.
Venezuelas amtierende Präsidentin Rodriguez begrüßte die Entwicklung im Staatsfernsehen. Venezuela sei „nun Teil des internationalen statistischen, wirtschaftlichen und finanziellen Systems", was den Austausch relevanter Informationen ermögliche. Der Informationsaustausch solle dazu beitragen, die Wirtschaft zu stärken, die internationalen Reserven wieder aufzubauen und die makroökonomischen Indikatoren besser auszubalancieren.
Venezolanische Anleihen legen deutlich zu
Die Nachricht über die Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen IWF und Venezuela sorgte an den Anleihemärkten für spürbare Kursgewinne. Die venezolanische Staatsanleihe mit Fälligkeit 2027 stieg um 2 Cents auf 53,5 Cents je US-Dollar – den höchsten Stand seit 2017. Die Anleihe des staatlichen Ölkonzerns PDVSA mit Fälligkeit 2021 legte um 2,7 Cents auf 46,75 Cents zu.
Für deutsche Anleger, die venezolanische Schuldtitel im Portfolio halten, ist die Entwicklung ein positives Signal – wenngleich der Weg zu einem stabilen Kreditprogramm noch weit ist. Venezuela gehört zu den am höchsten verschuldeten Ländern der Welt, und eine Umschuldung in dieser Größenordnung ist ein langwieriger Prozess, der erhebliche Reformen im Land voraussetzt.
