GKV oder PKV: Warum der Wechsel so schwer ist
Rund 89 Prozent sind gesetzlich, elf Prozent privat versichert. Die Systemwahl hat langfristige Folgen – finanziell und medizinisch.

Rund 89 Prozent der Menschen in Deutschland sind gesetzlich krankenversichert, etwa elf Prozent privat. Damit existieren hierzulande zwei Systeme strikt nebeneinander, die sich in Finanzierung und Zugang grundlegend unterscheiden. In vielen anderen Ländern ist die private Krankenversicherung dagegen lediglich eine Zusatzabsicherung zur gesetzlichen. In Deutschland besteht Krankenversicherungspflicht, und die Wahl des Systems ist für viele eine Entscheidung mit langfristigen Folgen.
Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ist Teil der Sozialversicherungen und wird über Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge finanziert. Ihr Prinzip: Alle zahlen ein, der Bedarf wird aus einem gemeinsamen Topf gedeckt. Nach dem Solidarprinzip zahlt ein höheres Einkommen mehr, während geringerer Bedarf andere unterstützt. Früher entschied der Beruf über die Kasse, heute gilt die freie Kassenwahl. Derzeit gibt es knapp unter 100 gesetzliche Krankenkassen – in den 1970er-Jahren waren es noch rund 2.000.
Die private Krankenversicherung (PKV) ist dagegen nur bestimmten Gruppen zugänglich. Angestellte können erst oberhalb der Versicherungspflichtgrenze wechseln, die 2026 bei 77.400 Euro Bruttojahreseinkommen liegt und 2027 auf 84.150 Euro steigt. Selbstständige und Freiberufler benötigen dagegen kein Mindesteinkommen, um in die PKV zu kommen. Rund 40 private Krankenversicherer teilen sich diesen Markt.
Der Preis der Freiheit
Wie teuer die PKV wird, hängt vom Eintrittsalter, dem Gesundheitszustand, dem Risiko und dem gewählten Tarif ab. Im Durchschnitt zahlten Privatversicherte 2025 rund 623 Euro im Monat. Der Arbeitgeber beteiligt sich mit höchstens rund 508 Euro. Kinder brauchen in der PKV einen eigenen Vertrag, der je nach Tarif etwa 120 bis 400 Euro im Monat kostet. In der GKV sind Kinder dagegen meist beitragsfrei über die Familienversicherung mitversichert.
Die GKV finanziert sich über einen Beitragssatz von 14,6 Prozent des Bruttolohns, hinzu kommt ein kassenabhängiger Zusatzbeitrag, der meist zwischen zwei und vier Prozent liegt. Die Beitragsbemessungsgrenze liegt 2026 bei 5.812,50 Euro brutto im Monat. Bei einem Zusatzbeitrag von 2,5 Prozent ergibt sich daraus ein maximaler GKV-Beitrag von rund 1.017,19 Euro monatlich. Wer sparen will, sollte den Zusatzbeitrag seiner Kasse vergleichen.
Simon Reif bringt es auf den Punkt: „Man kann Geld sparen, wenn man zu einer Krankenkasse geht, die einen niedrigeren Zusatzbeitrag hat. Insbesondere, wenn man jung ist und wenig Leistung in Anspruch nimmt."
Wartezeiten und Alter
Ein häufiges Argument für die PKV sind kürzere Wartezeiten. Bereits 2018 warteten gesetzlich Versicherte im Schnitt 25 Tage auf einen Facharzttermin, privat Versicherte nur zwölf Tage. Eine Studie aus dem Jahr 2024 mit 125 Ärzten im Raum Bielefeld bestätigte den Vorsprung: Privatpatienten erhielten im Schnitt etwa zehn Tage schneller einen Termin, in 25 Prozent der Fälle ging es deutlich schneller. Die Unterschiede zwischen den Systemen sind also messbar – und dürften für viele die Entscheidung beeinflussen.
Im Alter wird die Rechnung komplexer. Die PKV bildet Altersrückstellungen, also Rücklagen, die bis zum 60. Lebensjahr angesammelt werden und spätere Beitragssteigerungen mildern sollen. Steigt die Rate dennoch um drei Prozent jährlich, verdoppelt sich der Beitrag innerhalb von 25 Jahren. Der Rückweg von der PKV in die GKV ist ab 55 Jahren praktisch ausgeschlossen. Für Simon Reif ist das eine Frage der Fairness: „Es wäre sehr unfair, wenn die Leute, wenn sie jung sind, die billigen Prämien der PKV genießen und dann, wenn sie krank und alt sind, auf das Solidarsystem zurückgreifen, dem sie sich entzogen haben."
Besonders lohnend ist die PKV für Beamte. Der Staat übernimmt über die Beihilfe mindestens 50 Prozent der Kosten, häufig 70 Prozent für Ehepartner und 80 Prozent für Kinder. Reif erklärt das mit dem Fürsorgeprinzip des Staates. Studierende wiederum können sich von der Pflichtversicherung befreien lassen.
Für Privatanleger und Angestellte bedeutet das: Die Wahl zwischen GKV und PKV ist keine reine Kostenfrage. Wer jung und gesund ist, kann in der PKV sparen, bindet sich aber langfristig. Wer den Rückweg offenhalten will, sollte die Altersgrenze von 55 Jahren im Blick behalten. Und wer in der GKV bleibt, kann zumindest über den Zusatzbeitrag seiner Kasse einiges sparen. Rund 72.000 Menschen waren 2023 gar nicht krankenversichert – medizinische Notfälle werden auch ohne Versicherungsschutz behandelt.
