FT Innovative Lawyers: KI revolutioniert Anwaltskanzleien im Asien-Pazifik-Raum
Sechs Fallstudien zeigen, wie führende Kanzleien im asiatisch-pazifischen Raum durch KI, neue Geschäftsmodelle und Inklusion innovieren.

Der FT Innovative Lawyers Asia-Pacific Award 2026 würdigt Anwaltskanzleien, die ihr Geschäftsmodell grundlegend neu denken. Sechs Fallstudien, recherchiert und bewertet von RSGI, zeigen, wie Kanzleien in Australien, Japan, Singapur, Südkorea und Indien Personalmanagement, Dienstleistungsmodelle und Technologieeinsatz neu erfinden. Die Bewertung erfolgt nach den Kriterien Originalität (O), Führung (L) und Impact (I).
Die Gewinner des Awards – als „Winner" ausgezeichnet – erzielten jeweils eine Gesamtpunktzahl von 25. Zu ihnen zählen die australischen Kanzleien Mallesons und Ashurst sowie Corrs Chambers Westgarth. Die Fallstudien verdeutlichen, dass künstliche Intelligenz längst kein Zukunftsthema mehr ist, sondern bereits tief in den juristischen Arbeitsalltag integriert wird.
KI als Herzstück der juristischen Arbeit
Mallesons, die kürzlich abgespaltene australische Kanzlei, hat KI zu einem integralen Bestandteil der Arbeit ihrer Fachbereiche gemacht. Ziel ist es, Ergebnisse schneller und mit größerer Konsistenz zu liefern. Konkret entwickelte die Kanzlei KI-gestützte Prozesse für den Abgleich von Dokumentenentwürfen mit Term Sheets, die Erstellung von Compliance-Berichten sowie die Straffung von Fusionsanmeldungen. Mit einer Gesamtpunktzahl von 25 – davon 9 Punkte jeweils für Führung und Impact – gehört Mallesons zu den Spitzenreitern des Awards.
Die australische Kanzlei und Designpraxis Inkling Legal Design (Gesamt: 24) entwickelte ein KI-gestütztes Prognosetool, das auf der bisherigen Arbeit der Kanzlei aufbaut. Das Tool verbessert die Erstellung von Allgemeinen Geschäftsbedingungen für Verbraucherverträge, indem es Daten aus früheren Nutzertests aus verschiedenen Rechtsordnungen und Kulturen nutzt – und damit teure neue Nutzertests überflüssig macht.
Die japanische Kanzlei Nagashima Ohno & Tsunematsu (Gesamt: 24) ging einen Schritt weiter und entwickelte gemeinsam mit dem Legal-Tech-Start-up MNTSQ, an dem sie beteiligt ist, eine KI-gestützte Plattform zur Vertragsprüfung. Das System identifiziert rechtliche und kommerzielle Risiken, standardisiert Prüfkriterien und hilft internen Rechtsteams dabei zu entscheiden, welche Verträge einer weiteren Prüfung bedürfen. Ziel ist es, die Konsistenz zu verbessern, indem die Varianz bei der Beurteilung durch einzelne Prüfer verringert wird.
Gilbert + Tobin (Gesamt: 21) führte im vergangenen Jahr die Harvey-Plattform offiziell als Kernstück seiner KI-Strategie ein. Laut Kanzlei hatten bis Ende 2025 bereits 92 Prozent der Anwälte das System genutzt – ein bemerkenswerter Adoptionsgrad, der die breite interne Akzeptanz der Technologie unterstreicht.
Ashurst testet das Geschäftsmodell der Zukunft
Ashurst, ebenfalls mit 25 Punkten ausgezeichnet, verfolgt einen besonders strategischen Ansatz. Die Kanzlei gründete eine neue „AI Commercial Advisory Group", die untersucht, wie KI das Kaufverhalten von Mandanten verändert und wie juristische Arbeit künftig bewertet wird. Die Gruppe führt Experimente zu Arbeitsabläufen, Umsatzrisiken und alternativen Preismodellen durch und analysiert gleichzeitig, wie sich die Nachfrage der Mandanten verändert. Ashurst betrachtet KI als eine Kraft, die das Geschäftsmodell von Anwaltskanzleien grundlegend umgestalten könnte.
Rajah & Tann Singapore (Gesamt: 24 in dieser Kategorie) setzte einen anderen Schwerpunkt: Die Kanzlei ernannte einen Chief Information Security Officer – nach eigenen Angaben die erste derartige Ernennung in einer Asean-Anwaltskanzlei. Ziel ist es, die Sicherheitsstandards des Finanzsektors zu erreichen und das Vertrauen der Mandanten in den Datenschutz zu sichern.
Freshfields startete im vergangenen Jahr eine Joint Operation mit der chinesischen Kanzlei RuiMin, um Mandanten eine integriertere Rechtsberatung unter einer einheitlichen Marke anzubieten. Die indische Kanzlei Ahlawat & Associates schuf ein Schritt-für-Schritt-System für ausländische Investoren, die ein Unternehmen in Indien gründen wollen, und bündelt dabei Rechts-, Steuer- und Regulierungsberatung in einem einzigen strukturierten Service.
Inklusion und Neurodiversität als Wettbewerbsvorteil
Corrs Chambers Westgarth (Gesamt: 24) gewann den Award in der Kategorie Personalmanagement mit einer Initiative zur Inklusion von Neurodiversität. Die 2025 gestartete Initiative kombiniert Schulungen für Führungskräfte, von Spezialisten geleitete Sitzungen und eine zentrale Orientierungshilfe für Mitarbeiter. Zu den konkreten Maßnahmen gehören die Installation von Lampen mit individueller Steuerung sowie Induktionsschleifen in den Büros der Kanzlei in Sydney und Melbourne.
Gilbert + Tobin (Gesamt: 23) unterstützt seit zwei Jahren das Rise-Projekt des Diversity Council of Australia, das Frauen mit kulturell und rassisch marginalisiertem Hintergrund fördert. Seitdem ist die Hälfte der ursprünglichen Gruppe von 14 Frauen in höhere interne oder externe Positionen aufgestiegen – ein messbarer Erfolg für das Diversity-Engagement der Kanzlei.
Die Fallstudien des FT Innovative Lawyers Asia-Pacific 2026 zeigen insgesamt: Der Rechtsmarkt im asiatisch-pazifischen Raum befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Kanzleien, die KI strategisch einsetzen, neue Geschäftsmodelle erproben und Diversität aktiv fördern, verschaffen sich einen klaren Wettbewerbsvorteil – sowohl gegenüber Mandanten als auch im Kampf um Talente.
