Festgeldzinsen im Wandel: Banken überraschen mit untypischen Angeboten
Die Auswirkungen der EZB-Politik: Warum einige Institute einjähriges Festgeld höher verzinsen als langfristige Anlagen

Die anhaltenden Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank haben in den letzten Monaten zu einem erheblichen Anstieg der Konditionen für Festgeldanlagen bei Banken und Sparkassen geführt. Doch dieser Trend könnte sich schon bald umkehren, da viele Experten für das kommende Jahr Zinssenkungen erwarten. Dies hat bereits Auswirkungen auf die Kunden vieler Banken.
Eine kürzlich durchgeführte exklusive Auswertung des Vergleichsportals Verivox für das Handelsblatt zeigt, dass mittlerweile eine beträchtliche Anzahl von Banken und Sparkassen niedrigere Zinsen für längerfristige Geldanlagen anbietet als für einjähriges Festgeld. Verivox hat die Zinsen von insgesamt 434 Kreditinstituten analysiert, die sowohl Festgeld mit ein- als auch mit zweijähriger Laufzeit anbieten.
Die Ergebnisse der Untersuchung sind überraschend: 21 Prozent der analysierten Banken und Sparkassen, das entspricht jedem fünften Institut, bieten höhere Zinsen für einjähriges Festgeld im Vergleich zu zwei Jahren Laufzeit. Vor allem überregionale Banken scheinen einjähriges Festgeld besser zu verzinsen als zweijährige Anlagen. Dies trifft auf jedes dritte überregionale Institut zu, während es bei den Sparkassen nur etwa jedes sechste Institut betrifft.
Ein Beispiel ist die Deutsche Bank, die für einjähriges Festgeld einen Zinssatz von 2,75 Prozent bietet, während der Zinssatz für zweijähriges Festgeld bei 2,6 Prozent liegt und für vier Jahre bei 2,5 Prozent. Ähnlich verhält es sich bei der Commerzbank, die für einjährige Laufzeiten drei Prozent Zinsen anbietet, während es für zwei und drei Jahre 2,75 Prozent sind und für vier Jahre 2,5 Prozent. Bei der Garantibank steigt der Zinssatz von 3,2 Prozent für sechs Monate auf 3,5 Prozent für zwölf Monate, danach sinken die Konditionen auf 3,25 Prozent für 24 Monate.
Dieses untypische Muster, bei dem die Zinsen mit steigender Laufzeit sinken, widerspricht normalerweise der üblichen Praxis, bei der längere Laufzeiten mit höheren Zinsen belohnt werden. Der Grund für diese ungewöhnliche Entwicklung sind die Erwartungen der Banken hinsichtlich der geldpolitischen Entscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB). Nach einer langen Periode kontinuierlicher Zinserhöhungen hat die EZB im Oktober vorerst eine Zinspause eingelegt.
Oliver Maier, Geschäftsführer des Verivox-Finanzvergleichs, kommentiert diese Entwicklung: "Nach einer rund anderthalbjährigen Periode kontinuierlich steigender Zinsen deutet sich eine Trendwende an." Im Oktober seien die durchschnittlichen Festgeldzinsen für verschiedene Laufzeiten so wenig gestiegen wie seit dem Frühjahr 2022 nicht mehr.
Die veränderten Zinsprognosen haben bereits Auswirkungen auf den Festgeldmarkt, wie Daten der FMH Finanzberatung aus Frankfurt zeigen. Die Differenz zwischen den Zinsen für einjährige und dreijährige Festgeldanlagen hat sich verringert, und seit Oktober liegen die Durchschnittszinsen für einjährige Laufzeiten sogar geringfügig über denen für drei Jahre.
Auch die Deutsche Bank hat ihre Festgeldzinsen für Laufzeiten zwischen zwei und acht Jahren reduziert. Dies erfolgte aufgrund gesunkener Kapitalmarktrenditen, wie eine Sprecherin des Instituts erklärte. Die Zinskonditionen haben in den letzten Monaten das Anlageverhalten der Verbraucher beeinflusst, was sich auch im Vergleich von Tages- und Festgeld zeigt. Seit der EZB-Zinserhöhung im Juli 2022 haben Banken die Konditionen für Festgeld stärker erhöht als für Tagesgeld. Dies führte dazu, dass der Bestand an Termineinlagen wie Festgeld gestiegen ist, während der Bestand an Sichteinlagen gesunken ist.
